Teheran, 1979. Mitten im politischen Umbruch, zwischen Straßenkämpfen und auffahrenden Panzern, bereisen Christopher und ein namenloser Ich-Erzähler als Touristen das Land. Sie feiern ausgelassene Parties mit selbstangebauten Drogen, scheinen hier im fremden Land so ziemlich jeden und alle zu kennen, die Welt ist klein.
Wir erfahren nichts über die politische Situation, nichts über die Hintergründe des beschriebenen Landes, nichts über die genaue Krankheit, an der Christopher schließlich stirbt. Er wird nicht in ein privates Hospital gebracht, obwohl genug Geld vorhanden ist, sondern in eine heruntergekommene Klinik im Süden der Stadt, um keine Auskünfte wegen der Drogen und des Alkohols geben zu müssen. Immerhin reicht das Bestechungsgeld, um Christopher aus dem dreckigen Gemeinschaftssterbesaal in ein Einzelzimmer verlegen zu lassen, wo er schließlich stirbt.
Die Trauer des Erzählers währt nur kurz, über sein Verhältnis zu dem Verstorbenen erfährt man wenig. Er regelt die Formalitäten der Überführung des Leichnams in der deutschen Botschaft, man rät ihm aufgrund der politischen Situation zur Ausreise. Er läßt sich durch die demonstrierenden Massen treiben, trifft auf einen anarchistischen Konzeptkünstler und seltsamen Gelehrten, der ihm eine geheimnisvolle Botschaft mitgibt: Er solle in China einen heiligen Berg umrunden, um selbst einen Beitrag zu leisten. Wozu, erfahren wir nicht.
So begibt sich der Erzähler nach China, bezahlt einen einheimischen Führer, der ihn zu dem heiligen Berg bringen soll. Durch Schnee und Gebirge wandern sie mehrere Tage, trotzen dem eisigen Klima, und schließlich gelangt er zu dem Berg und umrundet ihn, so wie ihn der Gelehrte angewiesen hat. Dann trifft er auf eine Gruppe religiöser Mönche, die ebenfalls den Berg umrunden, und schließt sich ihnen an, gemeinsam kreisen sie um den Berg, und der Erzähler beginnt, darin einen Lebensinhalt zu finden.
Doch eines Tages tauchen chinesische Milizen auf und führen den Erzähler zur letzten Etappe dieser seltsamen Reise: einem kommunistischen Umerziehungslager, wo tage- und wochenlang versucht wird, seinen Willen zu brechen. Schließlich bekommt er seine Strafe genannt und wird als politischer Häftling in ein Arbeitslager gebracht, wo er von nun an unter menschenunwürdigen Bedingungen harte körperliche Arbeit verrichten muß. Doch der Erzähler beugt sich den Regeln, erfüllt seine Aufgaben und arrangiert sich mit seinem Schicksal. Am Ende hat man nicht einmal mehr den Eindruck, daß er damit unglücklich ist.
Mit „1979“ hat Christian Kracht einen schockierenden Roman geschaffen, in dessen Erzählton das einstige Etikett „Pop-Literat“ nur noch als dumpfer Nachhall aus der Vergangenheit zu hören ist. Der Autor beherrscht eine eindringliche Sprache, die einen als Leser direkt ins Zentrum der Handlung schleudert. Man wähnt sich selbst in Teheran, spürt förmlich die staubige Hitze, später die eisige Kälte am heiligen Berg, die Atmosphäre bleibt stets düster und bedrückend, es scheint immer Nacht zu herrschen, bis kurz vor dem Ende, als man unter den grausamen Bedingungen des Lagers plötzlich einen Lichtblick sieht: der Erzähler findet in der totalen Selbstaufgabe und Unterwerfung seine Erfüllung. Das sitzt, das muß man erst einmal verdauen.
Durch die Auslassung von Hintergründen und die Gleichgültigkeit des Erzählers gegenüber den Ereignissen erschafft Kracht eine Figur, in der sich die gesamte Orientierungslosigkeit seiner Generation konzentriert. Die Handlung, die ihn als Spielball bald hierhin, bald dorthin schleudert, und die Sanftmütigkeit, mit der er das geschehen läßt, sind so überzogen dargestellt, daß es beinahe schmerzt, und doch fesselt dieser Albtraum den Leser, anstatt ihn durch allzu große Übertreibung abzuschrecken. Denn wie in jeder Übertreibung steckt auch in dieser ein Funken Wahrheit, und diese Wahrheit – sind wir nicht alle ein bißchen orientierungslos, ein bißchen abgestumpft, ein bißchen anfällig für noch so negative Ideologien, solange sie uns ein wenig Orientierung und Wertschätzung versprechen? – schockiert.
Über den Autor: Christian Kracht, geboren 1966, wird neben Benjamin von Stuckrad-Barre oft zur Speerspitze der Pop-Literatur gezählt. Bekannt wurde er vor allem durch seinen Debut-Roman „Faserland“, seine Bücher sind mittlerweile in zwölf Sprachen übersetzt.