Heather ist eine durchschnittliche junge Frau in einer durchschnittlichen britischen Großstadt. Lloyd ist ein durchschnittlicher junger Mann in derselben durchschnittlichen britischen Großstadt. Damit beginnt die erste der drei Erzählungen in Irvine Welshs Erzählband „Ecstasy“, und sie wirkt, als lese man sein Debut „Trainspotting“ noch einmal im Schnelldurchlauf: Raves, Clubszene, Drogen, Sex, inszeniert im Spannungsfeld verschiedener Lebensentwürfe.
Heather lebt zusammen mit Hugh, einem Jungmanager, der alles revolutionäre Gedankengut für seinen Job aufgegeben hat. Ginge es nach ihm, so würde nur noch ein Kind fehlen, um die Beziehung perfekt zu machen. Ginge es nach Heather, so müßte Hugh es zunächst einmal schaffen, ihr einen anständigen Orgasmus zu verschaffen, und dann wären da noch tausend andere Dinge, also plant sie ihren Ausstieg aus der Beziehung. Lloyd dagegen versucht, mit dem Verkaufen von Drogen genug Geld für seinen eigenen Bedarf und fürs wochenendliche Clubbing zusammenzubekommen. Er ist kurz vor dem Absturz, Heather kurz vor dem Absprung, als sie einander kennenlernen. Für Lloyd ist Heather der Halt, den er braucht, für sie ist Lloyd die Eintrittskarte in ein aufregenderes Leben.
Die zweite Erzählung beginnt weniger zimperlich: Gunther Emmerich zieht mitsamt seiner Frau und ihrem kleinen Baby in ein bayerisches Dorf, um dort eine Apotheke zu übernehmen. Doch eines Tages wird das Baby auf dem Münchener Weihnachtsmarkt entführt, wenig später trifft ein Postpaket mit einer grausamen Fracht ein: es enthält die abgetrennten Arme des Kindes der Emmerichs. In zahllosen Vor- und Rückblenden erzählt Welsh die Hintergründe der grausamen Tat. Samantha kam als Kind ohne Arme auf die Welt, ihre Mißbildung ist auf das Medikament Tenazadrin, an dessen Entwicklung und Vermarktung Emmerich beteiligt war, zurückzuführen. Zusammen mit Andreas, einem weiteren Tenazadrin-Geschädigten, und Dave, einem Kleinkriminellen, startet sie einen Rachefeldzug gegen Emmerich und seine ehemaligen Mitstreiter.
In der dritten Erzählung schließlich treffen wir Rebecca, eine Autorin von Kitsch-Liebesromanen. Ihr Mann lebt vorzüglich von ihren Tantiemen, das Geld reicht sogar dafür, daß er ein Doppelleben führen und sich ein Appartement in der Stadt mit einer Videokameraausrüstung und einer ansehnlichen Pornosammlung leisten kann, von der sie nichts weiß. Doch die Geldquelle droht zu versiegen, als Rebecca ins städtische Krankenhaus eingeliefert wird und es zunächst danach aussieht, als würde sie nie wieder schreiben können. Doch mit Hilfe der Krankenschwester Lorraine kommt sie wieder zu Kräften – und dem Doppelleben ihres Mannes auf die Schliche. Sie beschließt einen perfiden Rachefeldzug...
Irvine Welsh demonstriert mit „Ecstasy“, daß er nicht nur – wie etwa in „Trainspotting – Jugendslang und Gossensprache beherrscht, sondern noch viele Register der Erzählkunst mehr zu ziehen hat. Ist die erste Erzählung vom Plot noch eher einfach, so verwebt er in den anderen beiden die Handlungsfäden um so kunstvoller und wechselt bemerkenswert stilsicher mit der Perspektive auch die Sprache der Protagonisten. Ob jugendlicher Hooligan, frustrierter Ehemann, lakonischer Erzähler oder Top-Manager – Welsh findet immer den passenden Ton. Dabei bewegt sich der Autor in seiner Themenwahl stets am Rand der gesellschaftlichen Akzeptanz: Drogenkonsum, Einblicke in die Hooliganszene, Anspielung auf den Contergan-Skandal und drastische Beschreibung von Sex mit Behinderten, Sodomie und gar Nekrophilie – die Geschichten sind in Sprache und Inhalt wenig zimperlich, aber dafür voll von schwarzem Humor. „Ecstasy“ gehört zum Besten, was Welsh je geschrieben hat.
Über den Autor: Irvine Welsh, geboren 1958, lebt in Amsterdam, London und Schottland. Sein Debüt-Roman „Trainspotting“ (1993) machte ihn, nicht zuletzt durch die Verfilmung von Danny Boyle, weltberühmt.
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Irvine Welsh Ecstasy Drei Romanzen mit chemischen Zusätzen Deutsch von Chlara Drechsler und Harald Hellmann dtv 354 Seiten, EUR 9,00 ISBN 3-423-20458-3