Er ist jung, schwarz und ein Franzose mit der falschen Hautfarbe. Er jammert nicht, er handelt, auch wenn handeln neben dem Literaturstudium auch gelegentlichen Sex mit weiblichen Verwandten und Zuhälterei beinhaltet. Es ist eine fremde Welt, die er dem weißen Wohlstandsbürger eröffnet, dreckig, gefährlich und sehr faszinierend.
Seinen Namen gibt er nicht preis, dafür fängt der junge Ich-Erzähler, ein schwarzer Einwanderer der zweiten Generation, gleich einmal an, alles über den Haufen zu werfen, was seinem Vater wichtig ist. Er enttarnt den Kampf seines Vaters um Gleichberechtigung und Anerkennung als Rassismus und Jammerei, sein Loblied auf die afrikanische Heimat als Selbstbetrug. Seiner Mutter steht er positiver gegenüber. Liebevoll nennt er sie eine alte Hure und lauscht fasziniert ihren Erzählungen über ihr ausschweifendes Liebesleben. Er selber folgt nur allzu bereitwillig ihrem Beispiel: Nach einer ersten pubertären Beziehung zu der Cousine seines besten Freundes, verfällt er auch den Reizen seiner eigenen Nichte und seiner beiden Schwestern, um schließlich im Schoß seiner Cousine zu landen.
Die ersten Kapitel dieses ungewöhnlichen Romans sind eine stakkatoartige, überaus derbe Anklage gegen das Jammern einer älteren Generation, die einfach nicht praktisch denken kann. Der Tenor: Ich bin schwarz, ich bin benachteiligt, aber nicht alles kann man auf Rassismus zurückführen. Nachdem der Ich-Erzähler den Leser so auf seine Linie eingeschworen hat, nimmt er ihn mit auf eine achterbahnfahrtartige Reise in das Milieu französischer Einwanderer. Ehe der Leser es merkt, ist aus dem hormongeschüttelten Jungen, der sein Liebesleben - das wirkliche wie das gedachte - facettenreich beschreibt, ein junger Mann geworden, der seine Cousine und seine Nichte, mit denen er ebenso schläft wie mit seinen beiden Schwestern, auf den Strich schickt, "weil es sich gerade so ergeben hat."
Doch er lässt dem Leser überhaupt keine Zeit, über Tabubruch nachzudenken oder den moralischen Zeigefinger zu erheben. Er beschreibt sein Leben ohne Zweifel oder Scham, dafür überaus authentisch und unsentimental. Doch dann kommt der Augenblick, in dem sein Vater stirbt und, wie er sich immer gewünscht hat, in der Heimat beerdigt wird. Die sorglose Fassade bekommt plötzlich Risse, und dahinter schimmert die tiefe Trauer eines Heimatlosen, der auf alles eine Antwort hat, nur nicht auf die Frage nach den eigenen Wurzeln.
Scheiß Leben ist ein nachdenklicher und gleichzeitig überaus unterhaltsamer Roman, der sich mit authentischer Erzählstimme dem alltäglichen Leben der Einwanderer widmet. Auch wenn der Autor Franzose ist, so lässt sich seine Problematik doch ohne weiteres auf die Situation in anderen Ländern übertragen lässt. Das wird besonders durch die Namenlosigkeit des jungen Erzählers belegt, die ihn zu einer Art Jedermann werden lässt. Doch es ist ein Jedermann, der gelernt hat zu kämpfen. Wer sich also von der sehr drastischen Ausdrucksweise Tchaks nicht abschrecken lässt, der kann sich auf ein unkonventionelles Lesevergnügen freuen.
Fazit: Intelligenter Roman mit hohem Unterhaltungswert
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Sami Tchak Scheiß Leben (Originaltitel: Place des fetes) Aus d. Französischen von Uta Goridis, Nicole Gabriel Zebu 301 Seiten, EUR 22,00 ISBN 3-937663-00-2