Der junge römische Offizier Cinna weiß, was das Leben ihm schuldet: Macht, Sklaven, schöne Frauen. Doch während eines Geheimauftrages wird er verraten und gerät in die Hände der Germanen. Selbst zum Sklaven geworden lernt er das Leben plötzlich von der Seite der Besiegten kennen.
Cinnas Familie ist eine der ältesten in Rom, die Frau seines Vorgesetzten ist ihm überaus gewogen, er verfügt über Geld, gutes Aussehen und militärischen Erfolg. Als es im besetzten germanischen Gebiet brodelt, wird er mit einer Geheimbotschaft zu Statthalter Varus gesandt. Doch Cinna wird verraten, und während die römischen Legionen bis auf den letzten Mann aufgerieben werden, gerät er in Gefangenschaft. Hier schlägt ihm zunächst nichts als Hass und Demütigung entgegen. Doch langsam erkennen Römer und Germanen, dass der Feind auch ein Mensch sein kann. Cinna wagt gerade, Hoffnung zu schöpfen, als Arminius, der gefeierte Held der Varusschlacht, alle römischen Geiseln fordert, um sie den Göttern zu opfern. Die Helden der Geschichte zu entthronen ist ein Trend der Zeit: In Iris Kammerers neuem Roman ist das Ziel der Freiheitsheld Hermann der Cherusker, der das römische Joch in der Schlacht im Teutoburger Wald abschüttelte. Hier wird eine andere Seite gezeigt: Ein größenwahnsinniger Verräter, der nicht Freiheit für sein Volk sondern die Macht innerhalb der germanischen Stammesordnung anstrebte. Eingebettet wird diese kleine Geschichtsstunde in das Familienschicksal des chattischen Stammesoberen Inguiotar, seiner Söhne - und natürlich seiner reizenden Tochter Sunja. Anhand ihrer Schicksale wird nicht nur die politische Zerrissenheit dargestellt, sondern auch die Möglichkeit, Feindschaft zu überwinden und ein Miteinander auf der Basis von Respekt und Freundschaft aufzubauen.
Doch zum Glück ist Der Tribun nicht nur ein Plädoyer für die Menschlichkeit sondern auch ein spannender und vor allem sehr gut recherchierter Historienroman, dessen Lektüre einfach Spaß macht. Einzig die Hauptfigur, der junge Römer Cinna, bleibt lange Zeit blass und passiv, was vor allem daran liegt, dass er zu Beginn des Romans kaum Zeit hat, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Doch schließlich lernt er es, die Initiative zu ergreifen und sich zu einer aktiven Figur zu entwickeln. Und das ist der Zeitpunkt, in dem er nicht nur das Herz der schönen Sunja sondern auch das des Lesers erobert.
Fazit: Gelungener Genremix vor historischer Kulisse.