75 Jahre nach dem Erscheinen des Originals Die Reise ans Ende der Nacht von Louis-Ferdinand Céline ist sie nun erstmals in ihrer ungekürzten und vollständigen Fassung erschienen. Die ursprüngliche Übersetzung, 1933, von Isak Grünberg, wurde bei der Machtergreifung der Nazis stark "verflacht und gekürzt" und enthielt zudem viele Fehler.
Dem heutigen Übersetzer Schmidt-Henkel ist es gelungen, den typischen Céline-Stil, der wie ein lebendiges Stakkato, dann wieder ruhig und melancholisch klingt, beizubehalten, und ihn in der deutschen Sprache nichts von seinem ursptünglichen Ausdruck verlieren zu lassen.
Der Roman des damals achtunddreißigjährigen Arztes erschien 1932 in Frankreich. Er war in jeder Hinsicht eine Sensation; denn nie zuvor wurde in der Literatur Zivilisationskritik so schonungslos und selbstzerstörerisch und zugleich kunstvoll geäußert wie in diesem autobiographisch gefärbten Roman. Céline stellte sich gegen die gesellschaftlich übliche und verbreitete Art der Literatur. Er verbannte jede literarische Künstlichkeit aus seinem Werk und verknüpfte einzelne Handlungsstücke mit seinem wilden, einzigartigen Stil.
In der Reise schildert Céline das Schicksal Ferdinand Bardamus`, eines illusionslosen Medizinstudenten, der sich nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges freiwillig als Soldat meldet, an die Front geschickt wird, von dort in ein Irrenhaus flüchtet, über Umwege nach Afrika gelangt, in einen Fieberwahn verfällt, versklavt und mit einer Galeere nach Amerika verschifft wird. Dort arbeitet er sich am Fließband, lernt die Abgründe der "Neuen Welt" kennen, kehrt nach Frankreich zurück, beendet sein Medizinstudium und lebt schließlich als Armenarzt in der Pariser Vorstadt. Hinter dem Protagonisten Bardamu schimmert das Leben des Autors hindurch. Noch mehr jedoch steht er für das Schicksal ganzer Generationen, die sich in der Zeit des Krieges grenzenloser Armut ausgesetzt sehen, denen die menschenverachtende Selbstsucht der Reichen nicht einmal das Notwendigste zum Überleben gönnt. Celines Reise ist ein Aufschrei gegen die Weltverhältnisse, gegen die verlogene Moral des Krieges und des Kapitalismus. Wohl auch generell gegen die bürgerliche Gesellschaft. Celine schildert die unbarmherzigen, gewalttätigen und unmenschlichen Zeiten mit ebenso unbarmherzigen Blick. Er läßt nichts und niemanden verschont. So kann der Leser auch nicht umher, sich hineingestoßen in die Zeiten des Krieges, in den Schmutz der Pariser Vorstädte, konfrontiert mit der völligen Ausweglosigkeit ihrer Bewohner, deren Leben einem Eingesperrtsein gleicht, wiederzufinden. Die Reise ans Ende der Nacht schildert das hoffnungslose Ringen der Menschen nach ihren Werten, die keine mehr sind, die Hoffnungslosigkeit und Armut des damaligen Lebens in sich. Mit einer Mischung aus Trotz, Verschlagenheit und Wahrheitsliebe entblößt und verspottet Bardamu wortgewaltig und bissig alles bürgerlich Wahre, Gute und Schöne, scheint es doch nur dazu erfunden, den Krieg und die Armut abzusegnen. Um so mehr ist man betroffen, wenn selbst in dieser Düsternis dann und wann die Liebe und die Poesie aus den Tiefen der Tragik heraus aufleuchten.