Budapest, 1990. Der Leser findet sich im einem Cafe namens Gerbeaud wieder. Eines jener schillernden Stätten der Vergangenheit, die in den 20ern und 30ern ihre Hochzeiten hatten, als sich die Welt der Intellektuellen und Künstler dort traf.
Die 20er sind vergangen, die 30er ebenfalls. Es ist 1990; der Eisernen Vorhang ist überwunden. Fünf amerikanische College-Absolventen sind auf der Suche nach dem wirklichen Leben: Charles, smarter Risiko-Kapitalgeber einer New Yorker Investment Firma, sucht nach dem großen Deal, Mark, Nostalgie-Forscher, sucht nach der Vergangenheit, Emily sucht nach Anerkennung, Scott versucht, sich von seiner Familie, insbesondere seinem Bruder John, frei zu machen, und jener John sucht sowohl seine als auch Emilys Liebe.
Die Suche ist zentrales Thema von Prag. Dennoch lernt der Leser nicht nur die Suchenden, sondern auch die in ihrem Leben und in ihrer Geschichte Gefestigten kennen. Da ist z.B. Nadja, eine betagte Klavierspielern. Sie ist, für den Liebe und Geborgenheit suchenden John, wie ein rettender Fels in der Brandung. Selbst unsicher und voller Sehnsüchte findet John in einem kleinen Ausschnitt seines Lebens in ihr Halt und Orientierung. Eine andere Interpretation der Suche gilt für Charles. Er sucht seinen Platz in der Chefetage der Kapitalgesellschaften. Emotionen scheinen in seiner Welt keinen Platz zu haben.
Doch nicht nur die Suche ist Thema von Phillips Prag; der Niedergang des Gewesenen ist unvermeidlich. Der Fall des Eisernen Vorhangs läßt plötzlich eine Konfrontation des kapitalträchtigen und -süchtigen Westen mit der "alten", nicht freien, aber gleichzeitig noch so unschuldigen Welt zu. Diese alte Welt wird schneller und unmoralischer. Alte Schönheiten verschwinden. Vielleicht ist die Suche der fünf Protagonisten eine Suche nach dem gerade verlorenen; nach dem romantischen und lebendigen Sinn, den sie alle dem alten Budapest und nun, in den heuen Zeiten, dem fernen, für alle so glitzernden und funkelnden Prag zuschreiben. Prag fragt nach dem Ziel, nach dem Sinn, nach dem zu Hause. Es ist wohl nie an der Stelle an der man sich befindet. Die Endstation aller Sehnsüchte liegt immer in der Ferne. Für die fünf Amerikaner scheint sie in Prag zu liegen.
Über den Autor:
Arthur Phillips: Geboren in Minneapolis, studierte in Harvard. Er schauspielerte als Kind, trat als Jazz-Musiker auf, betätigte sich als Reden-Schreiber, als (jämmerlich gescheiterter) Unternehmer und gewann fünfmal Amerikas beliebteste Quiz-Sendung "Jeopardy!". Von 1990 bis 1992 lebte er in Budapest, heute mit Frau und zwei Söhnen in Paris.