Bei seinem ersten Erscheinen löste dieses Buch eine Welle von Entrüstungen aus: kurz, nachdem muslimische Terroristen Flugzeuge auf amerikanische Gebäude gelenkt hatten und sich die intellektuelle Welt gegenseitig der Toleranz zwischen den Kulturen versicherte, schlug Frankreichs literarisches Enfant Terrible in eine ganz andere Kerbe: "Der Islam konnte nur im Stumpfsinn einer Wüste entstehen, inmitten dreckiger Beduinen, die nichts anderes zu tun hatten, als ihre Kamele zu ficken."
Solche Sätze, und davon nicht wenige, läßt Michel Houllebecq seine Figuren in "Plattform" aussprechen; kaum eine Minderheit, die nicht ungeschoren davonkommt. Sein eigenes Volk, die Franzosen, sind unter der liberalen Fassade ein verklemmter Haufen, die Öko-Generation ist in Wahrheit noch verwöhnter und naturferner als ihre Eltern, und Sadomasochisten sind einfach nicht in der Lage, echte Zuneigung zu empfinden. Lediglich für die Schwulen findet der Autor noch einigermaßen wohlwollende Worte – sie seien wenigstens in der Lage, ihre körperlichen Bedürfnisse vollkommen auszuleben.
Michel, der Ich-Erzähler und Protagonist von "Plattform", ist ein typischer Houellebecqscher Antiheld. Er hat eine solide berufliche Position, die ihm zumindest finanziell ein sorgenfreies Leben ermöglicht, vermeidet soziale Bindungen, so gut das eben geht, lebt von Fertiggerichten und auf Video aufgezeichneten Quizssendungen und sieht sein Leben im gesellschaftlichen Gefüge eher als Last denn als Geschenk. Michel ist um die Vierzig, als sein Vater stirbt – das beste Alter für eine ordentliche Lebenskrise. Während der Verlust des Vaters ihn eher kalt läßt, muß er sich fragen, was er eigentlich aus seinem eigenen Leben gemacht hat.
Um sich wenigstens temporär von den alltäglichen Zwängen zu befreien und ein wenig sexuelle Befriedigung zu suchen, bucht er einen Urlaub in Thailand. Dort, zwischen der verhaßten Zwangsgemeinschaft seiner Reisegruppe und der Entspannung in thailändischen Massagesalons, lernt er Valérie kennen, doch das Verhältnis zwischen ihnen bleibt bis zu ihrer Rückkehr nach Paris eher unterkühlt, doch dann entwickelt sich aus einer heißen Affäre eine symbiotische, schlicht vollkommene Beziehung.
Valérie wird gemeinsam mit einem Kollegen von einem Headhunter abgeworben, um sich um das Management einer Ferienclubanlage zu kümmern.Zusammen mit Michel entwickelt sie ein einfaches wie geniales Konzept: anstatt Sextouristen ein Clubangebot zu machen und sie mühsam auf eigene Faust nach Bordellen und Salons suchen zu lassen, könnte man doch den All-Inclusive-Sexurlaub anbieten, damit wäre allen geholfen: Prostituierte in der dritten Welt brauchen Geld und können ihren Körper dafür anbieten, und die Reichen in den Industrieländern haben alles im Überfluß – außer einem erfüllten Sexleben. Eine Plattform, die unter globalen Gesichtspunkten nur Gewinner hervorbringen würde.
Das Konzept wird ein voller Erfolg, und Valérie fährt gemeinsam mit Michel zur Eröffnungsparty eines Clubs.Doch ziemlich präzise ein Jahr nach dem Beginn ihres gemeinsamen Glücks wird dieses jäh zerstört: radikale Islamisten, die in der Eröffnung des Clubs in ihrer Heimat einen Verstoß gegen die religiösen Sitten sehen, verüben einen Anschlag auf das Hotel, Valérie stirbt, Michel bleibt allein zurück, in dem Wissen, daß die schönsten Augenblicke seines Lebens nun zweifellos der Vergangenheit angehören.
Wie alle von Houellebecqs Romanen atmet auch "Plattform" in jeder Zeile Frustration, Zynismus und tiefe Traurigkeit.Man mag in den eindeutig pornographischen Schilderungen und den politisch zutiefst unkorrekten Äußerungen seiner Figuren eine plumpe Provokation sehen, tatsächlich aber zeigt Houellebecq dazwischen auch die wirklichen Probleme der modernen westlichen Gesellschaften auf: die Einstellung, daß mit Geld prinzipiell alles zu haben ist, das Streben nach einer von der Werbewirtschaft propagierten Vollkommenheit, die im Grunde völlig unerreichbar ist, Egoismus und rücksichtsloses Streben nach der eigenen Befriedigung.
Den Reiz des Buches macht aus, daß diese Gesellschaftskritik nicht nach Hollywood-Manier in Zuckerwatte verpackt serviert wird, sondern mit aneinandergereihten Tabubrüchen, zynisch und dabei gnadenlos ehrlich, ein französischer Gegenentwurf zur sauber-prüden amerikanischen Kultur.Am Ende schafft der Autor neben allen kritischen Aussagen auch etwas, was neben ihm kaum ein anderer vermag: ein Teil des Weltschmerzes, der die Hauptfigur des Buches quält und der anfangs noch als überzogen und lächerlich empfunden wird, springt im Laufe der Lektüre unweigerlich auf den Leser über, und wenn Michel am Ende sagt, "Man wird mich vergessen. Man wird mich schnell vergessen", dann wirkt das überhaupt nicht mehr überzogen, sondern nur noch unendlich traurig, und es vollzieht sich eine selten gesehene Symbiose aus bitterböser Satire und melancholischer Liebesgeschichte.Mit "Plattform" befindet sich Michel Houllebecq zweifellos auf dem bisherigen Höhepunkt seines literarischen Schaffens.