Das außergewöhnliche Schicksal von Harry Potter wird bereits auf den ersten Seiten des Büchleins, das 1996 in einer Auflage von nur fünfhundert Exemplaren erschien, vorhergesagt. "Er wird berühmt werden - es werden Bücher über ihn geschrieben werden. Jedes Kind in unserer Welt wird seinen Namen kennen." Minerva McGonagall, die Hauslehrerin Gryffindors im Fach "Verwandlungen" an der Zauberschule Hogwarts, sollte recht behalten.
Dass es nur wenige Jahre später hunderte Millionen Leser sein würden, die diese Prophezeiung zu einer Tatsache auch in der Muggelwelt machen, hätte sich Autorin Joanne K. Rowling jedoch wohl kaum je träumen lassen. "Harry Potter ist der fulminanteste Bucherfolg der Geschichte", resümiert Michael Maar Rowlings Erfolgsstory. Und er fügt hinzu: "Das ist das kleinere Wunder. Das größere: er hat es verdient."
Nun mag diese Feststellung für den durchschnittlichen Harry-Potter-Fan nicht gerade spektakulär sein. Für gewöhnliche Muggels aber, wie es professionelle Literaturwissenschaftler wohl überwiegend (noch) sind, erscheint dieses Lob jedoch erstaunlich, kommt es doch aus berufenem Munde. Der 43-jährige Germanist und Schriftsteller Michael Maar hat sich nämlich bislang in erster Linie durch viel gelobte Studien über Thomas Mann ("Geister und Kunst. Neuigkeiten aus dem Zauberberg", 1995; "Das Blaubart-Zimmer. Thomas Mann und die Schuld", 2000) einen Namen gemacht. Und nun also nach Literaten von Weltrang widmet sich Maar einem sicherlich sympathischen, kommerziell überaus erfolgreichen, doch letztlich literarisch eher profanen Kinderbuch-Helden? Kann das gutgehen?
Es kann. Weil Michael Maar das Kunststück schafft, sich kindlich-fasziniert auf die magische Welt der Zauberlehrlinge in Hogwarts einzulassen und dabei doch nicht den kritischen Blick eines Literaturwissenschaftlers zu verlieren. Der Titel von Maars Harry-Potter-Essay ist ein beredtes Zeugnis von diesem Anspruch: "Warum Nabokov Harry Potter gemocht hätte". Michael Maar nimmt den Bucherfolg Harry Potter damit literarisch ernst - und das ist mindestens so spannend wie die Harry-Potter-Bände selbst. Der Literaturwissenschaftler zeigt nicht nur, wieso Joanne K. Rowling beispielsweise einer Enid Blyton und ihren Internatsgeschichtchen um Lichtjahre voraus ist, sondern auch, wo Unterschiede, aber eben auch Gemeinsamkeiten mit dem viel verglichenen Klassiker "Herr der Ringe" liegen und schließlich, wo Rowlings Stärken, aber auch Schwächen als Autorin zu finden sind.
Bestes Beispiel: Professor Severus Snape, das "Scheusal mit Hakennase, langem fettigem Haar, kalten Augen und kühlem logischem Intellekt", der laut Michael Maar "als Figur gerade darum gelungen ist, weil er nicht dem Gesetz der Kinderliteratur gehorcht, dass die böse Aussehenden auch böse sind." Der verbitterte Snape, der Harry paradoxerweise hasst, weil ihm dessen Vater einst das Leben gerettet hat, zeige, was Rowlings Kinderbücher von den meisten andern trennt: komplexe Psychologie. Und Ironie, wird jeder Potter-Fan hinzufügen, sowie ein kluger Aufbau. Geschickt wie die bewährtesten Krimiautoren versteht es Rowling, den Leser in jedem Band durch kleine Ablenkungsmanöver auf die falsche Fährte zu locken. "Wronski"-Szene nennt Maar das frei nach einer Passage im ersten Band "Harry Potter und der Stein der Weisen". Beim Lieblingssport der Zauberer, dem Quidditch, "gibt es einen besonderen Bluff, die Wronski-Finte, bei der ein Sucher auf seinem Besen in die Tiefe schießt, um den gegnerischen Sucher glauben zu lassen, dort unten sei der goldene Schnatz: der kleine geflügelte, schwer zu erkennende Ball, dessen Fang das Spiel beendet. Kurz vorm Aufprall auf dem Boden zieht der erste Sucher wieder hoch, und während der ihn Verfolgende hart aufschlägt, hat der Trickser alle Zeit der Welt, sich dem Schnatz zu widmen, der nie dort unten war." Nicht von ungefähr, so führt Maar weiter aus, sei Rowlings Lieblingsautorin Jane Austen, eine Klassikerin und Meisterin der Konstruktion.
Freilich: derartige Reflexionen, Hintergrundinformationen und Erläuterungen des Germanisten Maar kommen in den ersten vier Kapiteln des Buches angesichts einer recht ausführlichen Inhaltsangabe der bislang erschienenen Harry-Potter-Bände eigentlich etwas zu kurz. Wo immer Maar jedoch nachhakt, beginnt es interessant zu werden, seien es die Hinweise zu Rowlings Motivtechnik, zu Übersetzungsproblemen (allzuoft gehen schöne Sprachspiele im Deutschen verloren), zur ethischen Haltung in den Potter-Romanen oder aber der vorsichtigen Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus in der Magierwelt. Der Clou von Maars kleinem Büchlein ist allerdings ein anderer: der Autor bringt - lange vor Erscheinen des fünften Bandes - den Mut zu Spekulationen zum weiterem Gang der Geschichte auf - und das, obwohl die Wahrsagekunst in Hogwarts bekanntlich in eher schlechtem Ruf steht.
Voraussetzung für Maars Voraussagen ist letztlich allein die schlüssige Konstruktion der Bände. So ist sich der Germanist sicher: "Aus eben diesem Grund, weil Joanne Rowling das Prinzip der Vorausdeutung so streng beachtet und nichts aus dem blauen Himmel kommt, lassen sich einige Reprisen und Steigerungen ohne großes Risiko vorhersagen." Die wichtigen magischen Instrumente beispielsweise würden stets früh eingeführt und bislang nie vergessen. "Darum kann man sicher sein, dass die unorthodoxe Standuhr Mrs Weasleys zu gegebener Zeit die Todesgefahr eines Familienmitglieds anzeigen und womöglich die Entsendung von Hilfe erlauben wird. Umgekehrt, allein aus der Existenz dieser Standuhr kann man schließen, dass einer der Weasleys ernsthaft gefährdet ist." So und ähnlich argumentiert Maar mit zahlreichen Elementen und Figuren: mit dem Quidditch-Profi Victor Krum beispielsweise, mit der betörenden Fleur Delaceur, in deren Adern Veela-Blut fließt, den abstoßenden Dementoren oder auch dem bislang nur als Nebenfigur erwähnten Charlie Weasley, der in Transsylvanien als Drachenfänger arbeitet. Und Michael Maar mutmaßt weiter: Wird Ron, dem die Armut seiner Familie immer wieder zu schaffen macht, irgendwann richtig neidisch auf seinen Freund Harry? Rutscht Ron gar - vorübergehend - in die Nähe des Bösen?
Nun, inzwischen hat sich einiges geklärt. So wissen die Leser der englischsprachigen Ausgabe des fünften Bandes bereits (und alle anderen werden es ab November erfahren), warum nur manche Tote Geister werden und dass Ron vielmehr ein, zwei Schritte aus Harrys Schatten getreten ist. Doch zahlreiche Handlungsstränge sind weiter offen, zwei Bände fehlen noch - und weitere Spekulationen bieten sich natürlich an. Michael Maars Essay ist dafür eine inspirierende Quelle.
Über den Autor:
Michael Maar , geboren 1960, Germanist und Schriftsteller, wurde durch das Buch "Geister und Kunst. Neuigkeiten aus dem Zauberberg" (1995) bekannt, das mit dem Merck-Preis der Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet wurde. Die "London Review of Books" erklärte ihn 1999 zum talentiertesten deutschen Literaturkritiker der jüngeren Generation. Seine letzte Veröffentlichung war "Das Blaubart-Zimmer. Thomas Mann und die Schuld" (2000). Michael Maar lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin.