Bevor ich dieses Buch las, konnte ich mir nicht vorstellen, dass mich eine Geschichte über das eher langweilige alltägliche Leben eines unbekannten Menschen in einem nicht sehr abwechslungsreichen Beruf derart fesseln kann, wie das bei "Alle Namen" geschieht. Der Grund, weshalb ich mich überhaupt auf dieses Buch stieß ist die einfache Tatsache, dass es José Saramago verfasste, der portugiesische Literatur-Nobel-Preisträger 1998.
Der Autor erzählt in einem sehr eigenwilligen und gewöhnungsbedürftigen Stil die Geschichte eines Angestellten Amtsschreibers, dessen Aufgabe im Zentralen Personenstandsregister darin besteht, Karteikarten auszufüllen. Tagtäglich notiert er unter der strengen und teilweise beängstigenden Aufsicht Vorgesetzter in verschiedenen Abstufungen die persönlichen Daten derjenigen, die heiraten oder sich scheiden ließen, die Kinder bekommen haben oder umgezogen sind bis hin zu Informationen über Verstorbene und deren Beerdigungen.
Privat ist dieser ältere Herr ein einsamer Mann, der letztlich unter der engen Führung seines Berufslebens leidet und sich ein kleines Geheimnis als lichten Ausweg bewahrt hat. Er sammelt über "normale" Eckdaten wie Name und Anschrift hinaus Informationen über berühmte Persönlichkeiten. Interessant sind für ihn die Geburtsorte und Eltern, eventuelle Geschwister oder auch die Plätze, an welchen sie früher einmal spielten, lebten oder zur Schule gingen.
Unter Umgehung der offiziellen Gepflogenheiten und Erlaubnisse treibt es ihn immer wieder zur Nachtzeit in das Dienstgebäude, das er durch eine Verbindungstür seines Wohnhauses betreten kann, wenngleich das selbstverständlich schon längst verboten ist. Er nutzt dienstliche Dateien und Materialien, was selbstverständlich ungesetzlich und höchst gefährlich ist, denn die Wand des Unentdecktbleibens ist nur hauchdünn.
Eines Tages fällt dem Amtsschreiber die Karteikarte einer völlig unbedeutenden und unbekannten Frau in die Hände. Eigentlich nicht seinem Interesse entsprechend verfällt er doch der Faszination, auch von dieser Frau noch mehr herauszufinden. So verstrickt sich der Angestellte der zentralen Behörde immer mehr in Ungesetzlichkeiten, bringt sich in gesundheitliche und körperliche Not und setzt sich permanent der Gefahr aus, von den Kollegen oder gar der diktatorischen Leitung entdeckt zu werden.
So wird die letztlich unbedeutende, harmlose Geschichte doch stets auf einer "Flamme der Neugier" spannend gehalten. Irgendwie möchte man schneller lesen können, um so flotter herauszubekommen, was nun weiter geschieht und wie die Sache ausgeht. Das Ende ist dann eher merkwürdig und meiner Meinung nach nicht so ganz sinnig. Aber das ist die künstlerische Freiheit eines Autoren, der es immerhin geschafft hat, dass ich mich mit dem "stinknormalen" und ein wenig verrückten Leben eines unwichtigen Menschen beschäftigte und er dadurch plötzlich eine neue Bedeutung erlangte. Am besten gefielen mir stets die Gedanken des Protagonisten darüber, was ihm alles wiederfahren könnte, wenn nicht dieses oder jenes so gelaufen wäre, wie es eben lief. Das finde ich wirklich lesenswert, welche vagen und doch nie so vollzogenen Vorstellungen und Abläufe sich Senòr José - so sein Name - vor seinen ungewöhnlichen Handlungen gedanklich ausmalte.
Das Buch ist meiner Einschätzung nach sicher keinen Nobelpreis wert - Saramago bekam ihn auch nicht für diese Geschichte - es liest sich aber nach anfänglichem Unwohlsein dann doch immer flüssiger und bleibt bis zum Ende zumindest interessant. Es brachte mich zum Nachdenken darüber, welchen Wert Menschen in unserer Gesellschaft haben und wie schnell sie in Vergessenheit geraten. Andererseits wird auch deutlich, dass es nicht immer darauf ankommt, was jemand im öffentlichen Schein deutlich erkennbar tut, sondern auch die verborgenen Leben haben ihre individuelle Kraft und Wichtigkeit. Und am Ende gibt es ohnehin nur noch Nummer oder "Alle Namen" ... !