Als der Dauerstudent Berendt mit seinem Leben nichts mehr anzufangen weiß, wendet er sich der Insektenkunde zu. Er bereist Afrika und kehrt schließlich mit einem schwarzen Jungen zurück, den er Daniel nennt. Er ist kein schlechter Mann, aber auch kein guter, und was er als Akt der Barmherzigkeit betrachtet, wird für den Jungen zum Martyrium.
"Ich gebe meinen Negern schon mal eine Ohrfeige, peitsche sie selten, aber ich reiße sie nicht aus ihrem Heimatboden." Dies der Kommentar des versoffenen Zynikers Andersen, als sein Gast Berendt ihm seinen Plan eröffnet, den kleinen Schwarzen, den einzigen Überlebenden einer ausgerotteten Siedlung, mit nach Schweden zu nehmen. Doch Berendt fühlt sich im Recht, denn was für ein Leben hat der kleine Wilde schon zu erwarten? Daniel, der eigentlich Molo heißt, wird in eine ihm vollkommen fremde Welt verpflanzt, der er mit ebenso großem Unverständnis gegenübersteht wie sein weißer "Vater" ihm.
Ein schmerzlicher Gewöhnungsprozess beginnt. Daniel gibt sein Bestes, es dem Fremden Recht zu machen, doch die nagende Sehnsucht nach der afrikanischen Wüste, nach seinen Eltern und die Unbegreiflichkeit seiner neuen Umgebung lassen ihn immer wieder Fehler machen. Berendt hingegen scheitert kläglich an seiner selbstgewählten Elternrolle, die irgendwo zwischen vager Zuneigung und Ausbeutung angesiedelt ist. Als er mit dem Gesetz in Konflikt gerät, lässt er Daniel bei einer schwedischen Pflegefamilie zurück. Hier lernt Daniel die zurückgebliebene Sanna kennen. Mit ihr wagt er einen abenteuerlichen Versuch, in seine Heimat zurückzukehren. Doch inzwischen ist der Junge sterbenskrank.
Die rote Antilope beginnt wie ein "echter" Mankell: Eine Mädchenleiche wird gefunden, ein Mörder gesucht. Doch das Folgende ist die ergreifende Geschichte des namibischen Waisenjungen Molo, der sein kurzes Leben der Aufgabe widmet, zu lernen, wie man über das Wasser geht. Denn nur so kann er das viele Wasser überqueren, das ihn von seiner Heimat trennt. Während er sich nach anfänglichen Anpassungsversuchen und mit fortschreitender Krankheit immer tiefer in seine eigene Geisteswelt zurückzieht, wird deutlich, dass ein Brückenschlag über die beiden unterschiedlichen Kulturen (noch) nicht möglich ist. Er gerät an einen "Vater", der seine erste Pflicht darin sieht, Daniel/Molo beizubringen, wie man eine Türe öffnet und einen Diener macht. Die Gründe für sein Handeln kann der Weiße Daniel nicht begreiflich machen, ebenso wie der Junge daran scheitert, ihm seine Bedürfnisse und Wünsche deutlich zu machen.
Die tiefe Tragik des Romans liegt darin, dass keine bösen Menschen geschildert werden sondern solche, die so auf die Anwesenheit des Fremden auf die einzige Art reagieren, die sie verstehen. Einzig Sanna, die Andersartige, kann Molo auf gleicher Ebene begegnen, doch sogar für sie endet die Begegnung tödlich.
Fazit: Ein kalter, trauriger Roman, weitgehend aus der Sicht eines einsamen Kindes geschrieben. Die Anforderung an den Leser besteht darin, Verständnis für beide Kulturen aufzubringen.
Henning Mankell Die rote Antilope 384 Seiten, Taschenbuch dtv München ISBN 3-423-13075-X