Nach einem entsetzlichen Unfall muss Schriftsteller Sidney Orr alles neu lernen - vor allem das Schreiben. Ein zufälliger Besuch in einem Schreibwarengeschäft bringt die Wende. Von einem Chinesen kauft er ein blaues Notizbuch, und plötzlich strömen die Gedanken. Doch je mehr er schreibt, desto mehr kriselt es auch in Sidneys Ehe.
Für Sidney sind Geschichten mehr als eine Art, sein Geld zu verdienen. Sie sind sein Leben. Als er seine Schreibblockade endlich überwunden hat, überstürzen sich die Einfälle geradezu, die er in seinem blauen Notizbuch, Made in Portugal, festhält. Doch die ausgedachten Schicksale seiner Helden geraden aus dem Ruder. Es sind Geschichten, die von Ausweglosigkeit und Tod bestimmt sind. Doch Sidney kann nicht aufhören, und während er schreibt, bemerkt er kaum, wie sein eigenes, gerade erst mühsam wieder aufgebautes Leben aus den Fugen geraten zu scheint. Erst als er seine geliebte Frau Grace zur Heldin einer seiner Erzählungen macht, erkennt er, dass er die Macht des Notizbuches brechen muss.
Anzeige Paul Auster ist für seine zahlreiche Fan-Gemeinde zu so etwas wie einer Kultfigur geworden. Er ist der Meister der fein verwobenen Alltagsgeschichten, der souverän verschlungenen Handlungsfäden. Diese Vielschichtigkeit treibt er inNacht des Orakels nun auf die Spitze. Ein Schrifsteller schreibt eine Geschichte über eine Frau, die eine Geschichte schreibt, in der... So ähnlich präsentiert sich dem Leser die Vielzahl der Realitätsebenen. Hinzu kommt die Zweigleisigkeit des Buches selber, denn Auster arbeitet nicht nur mit dem Roman im Roman, er benutzt auch oft seitenlange Fußnoten, in denen Sidney seine eigene Geschichte ergänzt und kommentiert, so dass der Leser mitunter gezwungen ist, zwei Geschichten auch optisch parallel zu lesen.
Das Ergebnis ist so kompliziert wie reizvoll. Angereichert mit beinahe surrealen, oft beängstigenden Begebenheiten, in denen unerklärliche Gewalt, Besessenheit und eine Gratwanderung zwischen Natürlichem und Übernatürlichen thematisiert wird, vermag der Roman seine Leser fast über die ganze Länge des Buches hinweg zu fesseln. Leider wirkt das Ende vonNacht des Orakels im Gegensatz zu der fein aufgebauten Spannung enttäuschend banal. Statt die Andeutungen aufzuklären, die Handlungsfäden zusammenzuführen, lässt Auster seinen Helden einfach einen Schlussstrich unter die Episode "blaues Notizbuch" ziehen und in ein neues Leben wandern. Es sei ihm gegönnt, doch von einem Autor von Austers Format hätte man mehr erwartet.
Fazit: Faszinierendes Spiel um Schein und Sein vor New Yorker Kulisse.