Christa Wolf Die Ermutigung hätte nicht größer sein können: "Ja, wer soll denn schreiben können, wenn nicht Du? Schreib Christa!" Mit diesen Worten versuchte der Lyriker Louis Fürnberg der damals 27-jährigen DDR-Literaturkritikerin mit schriftstellerischen Ambitionen die Selbstzweifel auszureden. Mit Erfolg. Und Fürnberg hatte das richtige Gespür. Christa Wolf ist heute die - auch international - bekannteste deutsche Gegenwartsautorin. Am 18. März 2004 feiert sie ihren 75. Geburtstag. Sie lebt mit ihrem Mann Gerhard in Berlin. Umfangreiche Romane und "große Geschichten" sind ihre Sache nicht. Christa Wolf kann nicht erfinden, jedenfalls nicht im gewöhnlichen Sinn. So ist es der ihr eigene Ton, der sie einzig macht: nachdenklich-elegisch, fragend, manchmal sogar lyrisch - böse Zungen sagen auch "humorlos". Doch wer bloß unterhalten sein will, wird ohnehin von Wolfs Prosa enttäuscht. Ihr Thema ist die Erinnerung und der Weg des Menschen zu sich selbst - und diesen Weg muss der Leser schon mitgehen. Ihr eigener war nicht der geradeste. 1929 in Landsberg an der Warthe, im heutigen Polen, geboren, erlebt sie ihre Kindheit in der Zeit des Nationalsozialismus. Als 20-Jährige tritt Christa Wolf dann in die SED ein, weil sie, geschockt wie viele ihrer Generation durch die Erkenntnis der NS-Verbrechen, "auf keinen Fall mehr etwas wollte, was dem Vergangenen ähnlich sein könnte". Die Utopie eines humanen Sozialismus bewahrt sie sich, wie viele Autoren, bis zum Ende der DDR. Zugleich jedoch geht mit ihrer literarischen Entwicklung die zunehmende Abwendung von der offiziellen Parteilinie einher. "Der geteilte Himmel" trifft 1961 den Nerv des geteilten Deutschlands. Durch "Nachdenken über Christa T.", der sensiblen Reflexion einer Ich-Erzählerin über den Krebstod einer Freundin, wird Wolf wenige Jahre später endgültig im Westen bekannt. Ihre eigenwillige Version des antiken Mythos der Seherin "Kassandra" macht sie zu einer Leitfigur der Friedens- und Frauenbewegung der 80er Jahre. Christa Wolf erhält Preise und Auszeichnungen, wird gar als Nobelpreiskandidatin gehandelt. Ihre Leserinnen und Leser verehren sie quasi als literarische Heilsbringerin. Dann kommt die Wende - und mit ihr der "deutsch-deutsche Literaturstreit". Aus der vormals "unorthodox-kritischen und damit unbequemen DDR-Schriftstellerin" wird in der Debatte schnell die korrumpierte "Staatsdichterin". Dass Wolf von 1959 bis 1962 von der Staatssicherheit als "IM" geführt worden war, gilt als Bestätigung dieses Urteils. Ihre eigene spätere jahrzehntelange Bespitzelung dagegen wird kaum erwähnt. Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet, und Wolf wird wieder als das gehandelt, was sie ist: eine bemerkenswerte Autorin, die Konflikten nie aus dem Weg gegangen ist. Sie hat vielmehr stets ihre eigenen Schwächen, Fragen, Zweifel und "wunden Punkte" zum Movens ihres Schreibens gemacht. "Ich kann nur über etwas schreiben, was mich beunruhigt." Die besten ihrer Werke sind so entstanden.