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Lauschangriff PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Jörg von Bilavsky, am 15-11-2005 11:15
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Lauschangriff - Weiterlesen!Abhören gewünscht: Lauschangriff

"What the hell" sind Pop-Hörspiele? Dazu das Booklet: "Hörstücke, entstanden auf dem Boden der Popkultur, verankert im musikalischen Bewusstsein des Hier und Jetzt. Politisch und brisant. Unkonventionell und innovativ. Relevant, rhythmisch und radikal." In diesem "rhythmisch und radikal" verknappten Stil wirbt der Westdeutsche Rundfunk für fünf Hörspiele, die in den letzten Jahren von der Kölner Sendeanstalt produziert, auf WDR 3 und Eins Live gesendet und jetzt auf CD gepresst worden sind. Scheinbar verspielt kommt der Titel der CD-Box daher. Die inhaltlich und formal auf keinen gemeinsamen Nenner zu bringenden Hörspiel-Experimente werden summa summarum als "Lauschangriffe" bezeichnet. Der politischen Debatte über die Ausweitung der staatlichen Abhörgewalt entrissen, erhält dieser Begriff dank künstlerischer und medialer Bearbeitung ein doppeltes Gesicht. So zeugen die Hörwerke davon, dass die Autoren Politiker, Privatleute und Profitjäger belauscht haben, um mit allen Mitteln der Hörspieldramaturgie den Angriff gegen dieselben zu starten. Teils auf perfide, teils auf recht martialische Art.

Angriff auf Politik und Wirtschaft

"Politisch und brisant" gibt sich wie immer der Berliner Standup-Provokateur Christoph Schlingensief. In seinem vor drei Jahren entstandenen Hörspiel Rosebud werden die politische Prominenz der Berliner Republik und ihre medialen Begleiter durch einen bitteren Kakao gezogen. Weder der Kanzler und seine plötzlich entführte Gattin noch die Macher einer Sonntagszeitung, die dem Terrorismus den Kampf ansagen wollen, werden von seiner Brachialdramatik verschont. Melodramatische Filmmusik unterlegt die hyperventilierenden Dialoge, in denen Wut und Hoffnungslosigkeit eine Heimstatt gefunden haben. Gesellschafts- und Staatskritik als provozierende Hörtragödie, die allerdings nur wenig mit Orson Welles' Filmklassiker Citizen Kane zu tun hat, dem das Zitat "Rosebud" entnommen ist.

"Rhythmisch und radikal" werden in Stripped die Kontoauszüge eines mäßig erfolgreichen Drehbuchautors verlesen. Je rascher die Schulden wachsen, desto schneller werden der Sprecher und die Musik getaktet. Unterbrochen wird das Schulden-Stakkato immer wieder durch eingestreute Mahnschreiben und Werbeslogans der Finanzdienstleister. In dieser Aneinanderreihung kommt die Doppelzüngigkeit der Geldinstitute ebenso brutal zum Vorschein wie die wirtschaftliche Unmündigkeit des Kontoinhabers.

Über die Motorik dieses Missverhältnisses in kapitalistischen Ordnungssystemen klärt schließlich der Wirtschaftsjournalist Wolf Lotter auf, der zwischen den vielen Abbuchungen und wenigen Zahlungseingängen seine Theorie von der "Taschengeldgesellschaft" zum Besten gibt. Stefan Weigl hat mit dieser dokumentarischen Hörcollage nicht nur seinen Kontostand saniert, sondern mit kunstfertig montierten Datensätzen, Briefen und REklameSlogans hinter die glitzernde Fassade der Konsumgesellschaft geblickt.

Angriff auf die Sinnesorgane

"Unkonventionell und innovativ" ist der Blickwinkel in Battle Field Eye von Edgar Lipki. Kriegsgeschehen wird hier mit den teilnahmslosen Augen einer Rakete betrachtet. Vom Schlachtfeld weit entfernt, flimmern die Bilder der Gewalt durch die Pupillen hindurch in das Gehirn der Zuschauer, um spurlos zu versickern. Diesem visuellen Realitätsverlust versucht Lipki eine Mischung aus Kriegsbericht, Kriegsleiden und pulsierendem Gitarrenrock entgegenzusetzen. Klangsalven, die durch die Gehörgängen peitschen und in den Gehirnwindungen mit voller Wucht explodieren. Ein Angriff auf das Sinnesorgan Ohr, der nicht ohne Folgen auf das Bewusstsein bleibt.

Angriff auf Lachmuskeln und Tränendrüsen

Pitcher von Walter Filz und Eisstadt von Schorsch Kamerun verlangen nach anderen Zuordnungen. Pitcher ist eine einfallsreiche Montage aus O-Ton und fiktiver Replik, eine Satire auf den mörderischen Verschleiß an Stimmen in Film, Funk und Fernsehen, allerdings mit einem ironischen Augenzwinkern. Kein Geringerer als Joachim Kerzel, die Synchronstimme von Raubein Jack Nicholson, mimt hier den abgehalfterten Sprecher, der sich auf die Suche nach seinem schlimmsten Konkurrenten macht: einem Stimmendesigner aus Ostdeutschland. Bei dieser Jagd geraten seine Stimmbänder und die Lachmuskeln des Hörers gehörig in Wallung.

Schmerzvoller geht es in der Eisstadt zu, dem letzten Zufluchtsort für all diejenigen, die noch nicht erblindet sind. Das kaltblütige Oberhaupt der Enklave, Marschall Schaill, hat nämlich dem Rest der Weltbevölkerung durch den Abwurf von Gasbomben das Augenlicht genommen. Indessen sind die alteingesessenen Bewohner von Eisstadt auf die Tränenflüssigkeit der noch "sehenden" Flüchtlinge angewiesen. Eine unheilvolle Symbiose, die nur durch einen Aufstand der Ausgebeuteten aufgelöst werden kann. Eingekleidet in deprimierende Momentaufnahmen und Rückblenden der Betroffenen. Mut machen allein die von Kurt Weill und Bertolt Brecht inspirierten Songs.

Entgegen der vollmundigen Prognose des Booklets geben die Pop-Hörspiele keinen Anlass zu einer "Neudefinition der Genres". Es sind jedoch ergiebige Steinbrüche, die genug Material für andere Autoren und Dramaturgen liefern werden. In jedem Fall erweitern sie den akustischen und kognitiven Horizont der Hörer. Und nicht nur den der "Generation Pop".

FAZIT: Anspruchsvoller Angriff auf die Lauscher

Redakteur: Jörg von Bilavsky

Informationen zum Buch

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Lauschangriff
Vorgelesen von Joachim Kerzel, Leslie Malton
Randomhouse Audio
5 CDs, ca. 300 Minuten
ISBN
386604027X

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Letztes Update: 15-11-2005 11:15

Veröffentlicht in : Hörbuch, Sonstiges
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