Dan Brown hat geschafft, wovon die meisten Thriller-Autoren nur träumen können: Seine Unterhaltungsromane haben die Herzen der Kritiker in den seriösen Tages- und Wochenzeitungen erobert. Mit der abenteuerlichen Geschichte über die "Illuminati", einem wissenschaftsgläubigen Geheimbund, der die Vatikanstadt in Schutt und Asche legen möchte, fand der ehemalige Englischlehrer nicht nur die wohlwollende Aufmerksamkeit in den Feuilletons. Der Sprung in die deutschen Bestsellerlisten war ihm sicher. Die gekürzte Hörbuchfassung erschien wenige Monate später. Gesprochen von Wolfgang Pampel, der Synchronstimme von Harrison Ford.
Nicht von ungefähr dürfte die Wahl des Verlags auf diesen vielseitigen Sprecher gefallen sein, der seine sonore Stimme bereits dem wild gewordenen Archäologen "Indiana Jones" im gleichnamigen Abenteuerschinken geliehen hat. Genauso unglaublich und abenteuerlich nimmt sich auch die Handlung dieses vor zwei Jahren in Deutschland erschienenen Mystery-Thrillers aus, der den jahrhundertealten Kampf zwischen rationaler Wissenschaft und irrationaler Religion zum Thema hat.
Dan Brown hat diesen unerbittlichen Streit in die nahe Zukunft verlegt, in der die Wissenschaftler nicht nur über die scheinbar überzeugenderen Argumente, sondern auch über die wirkungsvolleren Waffen verfügen. Und zwar über die evolutionstheoretisch faszinierende und deshalb zu allerlei Spekulationen anregende Antimaterie. Die Physiker des Europäischen Teilchenlabors bei Genf (CERN) arbeiten nämlich seit Jahren fieberhaft an der Produktion dieses hochexplosiven Gegenstücks zur Materie, die beim Urknall freigesetzt worden sein soll, also am Anfang allen Lebens stand. Ein Stoff, der zwangsläufig Naturwissenschaftler wie Theologen interessieren muss.
Während die Forscher von CERN 1995 bisher nur eine winzige und gleich wieder zerfallende Menge an Anti-Wasserstoff herstellen konnten, produziert der fiktive Physiker im gleichen Labor bereits eine zerstörerische Dosis. Zu allem Unglück gelangt sie in die Hände der Illuminati. Hinterlassen haben die rachsüchtigen Geheimbündler die Leiche des Wissenschaftlers, versehen mit einem symbolträchtigen Brandmal, das zu deuten nur der Kunsthistoriker Robert Langdon in der Lage zu sein scheint. Gemeinsam mit Vittoria, der Tochter des ermordeten Atomphysikers begibt sich der Amerikaner auf eine tödliche Schnitzeljagd durch römische Kirchen, Verliese und Katakomben. Hier sind die Symbole der Illuminati versteckt, die früher zu ihrem geheimen Versammlungsorten führten, heute aber den Weg zur alles vernichtenden Antimaterie weisen.
Der Wettlauf mit der Zeit beginnt und das mysteriöse Schauspiel nimmt seinen Lauf. Allerdings in einem derart pathetischen Stil, dass dem Leser die Lust an der Auflösung der raffinierten und mit Bildungswissen gesättigten Rätsel vergehen kann. Dass Langdon und Vittoria wie durch ein Wunder all den Bedrohungen der Illuminati stand halten, wird durch allzu effekthaschende Beschreibungen besonders unglaubwürdig. "Höllisch", "brennend" und "glühend" sind immer wiederkehrende und sehr oberflächliche Umschreibungen für die seelischen und körperlichen Qualen, die hier von fast allen Protagonisten durchlitten werden müssen und die Wolfgang Pampel allzu inbrünstig vorträgt. Das wird besonders in jenen Passagen "schmerzlich" spürbar, in der die Kirche zu ihrem letzten scheinheiligen Gefecht ansetzt.
Die von Dan Brown bewunderten Schriftsteller, John Steinbeck und William Shakespeare, haben ihm stilistisch keine Schützenhilfe geleistet. Auf seine literarischen Fahnen kann er sich allerdings den spannenden Plot sowie die gelungene Mélange aus Fakten und Fiktionen schreiben. Denn der Geheimbund der Illuminati ist in den Geschichtsbüchern ebenso greifbar wie die von ihm plastisch beschriebenen Kunstdenkmäler in Rom, wo bereits "Illuminati"-Führungen angeboten werden. Nur schade, dass die "filmreifen" Aktionen und Dialoge seiner Hauptdarsteller einer etwas flachen Hollywood-Phantasie entsprungen sind.
FAZIT: Dieser Thriller stellt Verstand und Gefühl auf eine harte Probe.