"Die simple Kunst des Mordens", lautet der Titel eines 1944 erschienenen Essays, in dem sich Raymond Chandler für eine realitätsnahe Kriminalliteratur stark gemacht hat. Und in der Tat kümmern sich die Mörder in seinen Erzählungen selten darum, ihre Tat formvollendet zu inszenieren. Sie agieren spontan oder mit Vorsatz, aber selten mit dem Plan eines perfekten Mordes. Schüsse aus nächster Nähe mitten ins Herz oder durchs Auge mitten ins Gehirn sind ebenso wenig eine Seltenheit wie die Anwesenheit von Zeugen. Aber was macht das schon, wenn die Killer oder deren Aufraggeber über die nötigen Beziehungen nach oben oder sonstige Druckmittel verfügen.
Eine Kunst ist es allerdings, die Verbrechen und die darin verstrickten Personen authentisch und abwechslungsreich zu zeichnen. Und darin ist Chandler bis heute der unerreichte Meister. Seine Texte eignen sich hervorragend für die Hörspielbearbeitung, da der Detektiv oftmals Erzähler und Protagonist in einer Person ist. Der Regisseur dieser klassisch produzierten Hörspiele, Hermann Naber, konnte sich auf das Wesentliche, nämlich auf Chandlers Sprache konzentrieren und dafür die geräuschvolle Ausschmückung auf ein Minimum reduzieren. Was an knallharter Action stattfindet, fasst der Erzähler bereits selbst in sehr anschauliche und beeindruckende Worte. Und auf die schauspielerischen Höchstleistungen seiner Sprecher konnte sich der ehemalige Hörspielchef des SWF hundertprozentig verlassen. Für die knallharten Dialoge und ironischen Vergleiche hatte ja der Schriftsteller schon gesorgt.
In dreißig Jahren sind zehn Hörspielklassiker entstanden, die uns mit melancholisch angehauchten Jazzklängen in das Amerika der 1930er und 1940er Jahre zurückversetzen. Einem Land, das spätestens seit der Weltwirtschaftskrise in Korruption, Betrug und Mord zu versinken drohte. Chandler weiß diesen Moloch atmosphärisch so dicht zu beschreiben, dass Fiktion und Realität eine perfekte Symbiose eingehen. Erst so werden seine zeitgebundenen Geschichten zu - im klassischen Sinne - zeitlosen.
Zeitlos sind auch die in den Hörspielen verhandelten Mordmotive. Eifersucht in "Mord im Regen", Korruption in "Gesteuertes Spiel" oder sein Lieblingsmotiv "Erpressung" in "Straßenbekanntschaft". Doch weitaus mehr als die Motive der Täter interessieren den Hörer die Motive und der Charakter des Detektivs in seinem fast aussichtslosen Kampf gegen die Kriminalität. Umso größere Bedeutung kommt der richtigen Besetzung der Figuren zu. Hans Peter Hallwachs hat den illusionslosen und in ihrer Ehre unangreifbaren Schnüfflern zweifellos die glaubwürdigste Stimme geliehen. Der aus vielen Filmen und Hörbüchern bekannte Schauspieler vermag den zwischen Abgebrühtheit, Aufrichtigkeit und Ironie schwankenden Charakteren mit seinem rauen und gleichermaßen sanften Timbre den nötigen schroffen Charme zu verleihen. Weder Hilmar Thate oder Ulrich Pleitgen, noch der Star unter den Sprechern, Christian Brückner, bringen - trotz einwandfreier Darbietung - die Seele dieser Figuren so kongenial zum Klingen.
Perfekt abgerundet wird diese Hörspieledition durch ein reich und stimmungsvoll bebildertes Booklet, das nicht nur einen ausführlichen Lebenslauf Chandlers und ein Charakterbild Philipp Marlowes enthält, sondern auch mit Beiträgen zu Chandlers "Welt" und Anfängen aufwartet. Das Interview mit Hermann Naber und der kurze Aufsatz über die Verarbeitung seiner Stoffe in Film und Hörfunk sind konzise und aufschlussreich. Detaillierte Informationen zu den Hörspielproduktionen, weiterführende Links und Literaturangaben zu seinem Werk und Leben dürften auch den letzten Hörerwunsch erfüllen.
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Raymond
Chandler Gefahr ist ihr Geschäft Best of Marlowe und Co. Vorgelesen von Christian Brückner, Hans Peter Hallwachs, Arnold Marquis, Ulrich Pleitgen, Hilmar Thate Der
Audio Verlag 10 CDs, 650 Minuten, EUR 69,00 ISBN 3-89813-350-8