Die ganze Welt in einem Buch- was für ein Unterfangen. Spannend und anregend geschrieben, Neugier und Reiselust weckend. So ein gigantisches Werk kann nur der 1769 geborene Alexander von Humboldt, der weltsüchtige Olympier, gewagt haben. In einem Alter, in dem andere an den Ruhestand denken, reiste der vielseitige Gelehrte und Forscher in neun Monaten von Paris bis zur chinesischen Grenze 15 000 Kilometer legte er mit seinen Begleitern zurück, 12244 Pferde nutzend. Seine Reisen, seine Weltsicht, seine Forschungen, alles geht ein in sein Lebenswerk.
"Ich fange den Druck meines Werks ( des Werkes meines Lebens) an, schreibt er am 24. Oktober 1834 an den Freund, Berater und Lektor Varnhagen von Ense. "Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt, alles was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose auf den Granitfelsen wissen, alles in einem Werke darzustellen, und in einem Werke, das zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gemüth ergötzt. Jede große und wichtige Idee, die irgendwo aufglimmt, muss neben den Thatsachen hier verzeichnet sein".
Alexander von Humboldts Kosmos erschien erstmals 1845 bis 1862 im Cotta Verlag und avancierte im Handumdrehen zum Bestseller. Georg von Cotta berichtete beispielsweise über den Erstverkaufstag des zweiten Bandes von Schlachten, die in den Buchhandlungen geschlagen wurden, um in den Besitz des Werkes zu kommen.
80.000 Mal wurde die erste Auflage des Kosmos verkauft. Alexander von Humboldt selbst starb hochbetagt im neunzigsten Lebensjahr mitten in der Arbeit am fünften Band.
Posthum sind Straßen, Plätze, Akademien und Institute nach diesem vielseitigen Genie benannt worden, Denkmäler allerorten. Es gibt fast nichts, wofür Alexander von Humboldt nicht reklamiert werden könnte. Er sei, heißt es in einem Essay von Karl Schlögel, "die moralisch-politische Autorität, die uneingeschränkt auch heute noch taugen könnte gegen jede Form von Sklaverei, Rassismus und Fremdenhass".
Alexander von Humboldt taugt auch zum 20.jährigen Bestehen der Anderen Bibliothek, die Hans Magnus Enzensberger, auch er ein zielstrebiger Verwirklicher seiner Träume, (noch) herausgibt. Enzensberger hat mit dem Humboldt- Projekt der Anderen Bibliothek drei der wichtigsten Bücher Humboldts neu aufgelegt, in der bibliophilen sorgfältigen Edition, die zum Markenzeichen der Anderen Bibliothek gehört- ein Schmuckstück, ohne Frage.
Zu der verdienstvollen Edition gehört auch ein Hörbuch, in dem Hans Magnus Enzensberger und Gert Heidenreich den Forscher würdigen. Ersterer mit einem andächtig vorgetragenen Essay über diesen Deuter der Hyroglyphen, aus der die Welt zusammengesetzt ist, ein Text leuchtend wie die Sterne, die Humboldt beobachtet und beschrieben hat. Kurz, prägnant und dicht- ein Enzensberger eben.
Auch diejenigen, die nichts von Sternen und Lichtjahren wissen, die sich nicht für Naturwissenschaft oder auch astronomische Kenntnisse interessieren, werden von dieser Lesung in den Bann gezogen.
Klar, ernst fast nüchtern list Gerd Heidenreich Humboldts Texte über den Meteorstaub, über den Anblick des gestirnten Himmels. Keinerlei Dramatik, keine künstliche Spannung wurde hier benötigt, kein Musikgeklingel, keine Schnörkel. In schlichter Orientierung am Text lässt uns dieses Hörbuch still werden vor Staunen und Neugier und Konzentration.
Humboldts Beobachtungen über Erdbeben und Erderschütterungen, seine Beschreibungen über die Größe von sich fortbewegenden Erschütterungswellen klingt heute nach dem Wissen um das Seebeben aktueller denn je. Diese beiden CDs belegen eindrücklich den Titel des letzten Textteils: Humboldt überschüttet uns mit geistigen Schätzen.
Wer dem Kapitel über die Landschaftsmalerei lauscht, vermag danach sicher mit wacheren Augen durch die Welt gehen. Humboldt schärft Wahrnehmungen, lehrt uns riechen und sehen und das von Kristina Vaillant, Anne Vonderstein und Rainer Wieland ausgewählte Hörbuch "Kosmos" aus dem Eichborn Verlag schmeichelt den Ohren und macht Lust auf Mehr.