Gerade rechtzeitig platzt dieser vor kurzem mit dem englischen "Barry Award 2004" ausgezeichnete Krimi in unsere ach so friedliche Vorweihnachtszeit. Während wir diese Zeit bei Glühwein und Lebkuchen genießen können, wird sie für vier schottische Studenten in Val McDermids neuestem Roman zum Alptraum, der sie 25 Jahre lang gefangen halten wird.
Ziggy, Mondo, Alex und Weird finden auf dem Rückweg von einer nächtlichen Sauftour eine langsam verblutende Frau im Schnee, die sehr wahrscheinlich vergewaltigt worden ist. Jeder von ihnen kennt sie, noch vor wenigen Stunden hat Rosemary Duff sie in einem Pub bedient. Und einer von ihnen, Alex, hat ganz besonders oft ein Auge auf sie geworfen. Doch auch seine Hilfe kommt zu spät: Sie stirbt.
Und mit ihr beinahe auch die Freundschaft der vier Twens, die von der Polizei sofort verdächtigt und als potenzielle Mörder von der Öffentlichkeit, ihren Kommilitonen und den Brüdern des Opfers aufs Gröbste angefeindet werden. Bald schwindet das Vertrauen der Jungs auch untereinander und jeder traut dem anderen plötzlich die Tat zu. Doch bevor es zum endgültigen Bruch zwischen den Freunden kommt, werden die Ermittlungsakten aus Mangel an Beweisen und anderen Tatverdächtigen geschlossen.
Erst 25 Jahre später ist die Kriminaltechnik soweit fortgeschritten, dass diverse ungeklärte Mordfälle wieder aufgerollt werden können. Mit Hilfe einer DNA-Analyse sollte es doch möglich sein, den Mörder von Rosie Duff endlich zu überführen. Aber die Beweisstücke sind spurlos verschwunden. Bis auf eine Jacke, an der vom damaligen Gerichtsmediziner unbestimmbare Lackreste gefunden wurden, die schließlich zum Mörder führen. Nur zwei der mittlerweile gesellschaftlich etablierten Studenten von damals dürfen die Verhaftung des Täters miterleben. Die zwei anderen hat dieser beim Versuch, seine Spuren zu verwischen bis dahin bereits getötet.
Obwohl der Krimi über weite Strecken spannend und vor allem sehr einfühlsam geschrieben ist, leidet er bereits nach wenigen Minuten an einer dramaturgischen Schwäche. Dass die vier jungen Männer sofort unter Verdacht geraten, die Frau umgebracht zu haben, ist aus zwei Gründen wenig plausibel: Wieso schlagen sie einen Heimweg ein, auf dem sie mit Sicherheit auf die Tote stoßen müssen und warum versuchen sie dann auch noch Hilfe zu holen?
All dies lässt sich nicht mehr mit den seelischen Konflikten der Tatverdächtigen in Einklang bringen, die sich aus der Frage nach Schuld und Unschuld ergeben. Jedem Hörer ist außerdem bereits zu diesem Zeitpunkt klar, dass der Täter ein anderer gewesen sein muss. Der allerdings bleibt aufgrund einer Reihe geschickt eingestreuter und irreführender Verdachtsmomente lange Zeit unbehelligt. Das wiederum weiß die Bestsellerautorin aus Schottland wieder besonders raffiniert und glaubhaft zu komponieren.
Der mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Kölner TATORT-Kommissar Dietmar Bär weiß diese Spannung mit seinem zwischen Sanftheit und Rauheit changierenden Tonfall fast sechs Stunden lang aufrecht zu erhalten. Ganz im Gegensatz zu seiner oft ruppigen Art als Fernsehpolizist erweist sich Bär hier als gefühlvoller Interpret komplexer Stimmungs- und Charakterbilder, die wir der Beobachtungsgabe und Einbildungskraft Val McDermids verdanken.
FAZIT: Ein Ohrenschmaus mit dramaturgischen Aussetzern.