Urlaub im Ohr. Getreu diesem Motto produziert der Hörbuch-Verlag geophon akustische Reisen in die großen Städte und exotischen Regionen dieser Welt. Mit einer auditiven Betrachtung Berlins knüpfte sich der Verlag zugleich seine Heimatstadt vor, was diesem Hörbuch eigentlich einen zusätzlichen Authentizitätsbonus bescheren sollte.
Einladende Verpackung
Schon die bloße Aufmachung des Produkts lässt die Erwartungen des Betrachters, der bald Hörer werden soll, aufschäumen. Ein Digipack, mit dem Fernsehturm auf dem Cover, der verschwommen in den Nachthimmel ragt, davor, durch die Lichter der Stadt angestrahlt, poppig-gelb, die Weltzeituhr auf dem Alexandersplatz. Alles erinnert an ein Trendmagazin. Innen sind Auszüge vom Stadtplan, dort eingetragen sind die Stationen, die auch akustisch besucht werden. Das Booklet an sich liest sich schon wie ein Minireisehandbuch: Kurzinfos und Adressen bezüglich Cafes, Restaurants, Sehenswürdigkeiten, Bühnen, Shoppen, Kunst und Kultur bestätigen die Vielfalt der Hauptstadt und die Tatsache, dass es viel über sie zu berichten gibt.
Die Reise beginnt
Zu Beginn rattern und knattern die Züge der Berliner Verkehrsbetriebe und vermitteln vorab das Gefühl, man befände sich in einer schnellen, nie schlafenden Metropole. Berliner Stimmen äußern ihre Gedanken, ein Sprecher leitet das Hörbuch in bester ZDF-Dokumentarfilmmanier ein. Einen ersten kleinen Dämpfer bietet die Intro- und Übergangsmusik, die etwas seicht und ausdruckslos dahinplätschert, der berühmten Berliner Vielfalt einfach nicht gerecht wird.
Straßenschlacht in Disneyland
Erster Halt ist der Alex. Während die Sprecher dem Hörer erstaunlich gut verpackte Informationen vermitteln, pulsiert im Hintergrund das Leben. Ein Berliner Lehrer resümiert in humorvoller Art und Weise über den Fernsehturm. Schon geht es in Richtung Hackescher Markt. Einer der ältesten erhaltenen Stadtviertel Berlins und heute boomend, die Touristen aus aller Welt anziehend. Hier stochern die geophon-Macher mit ihren Mikrophonen in dem regen Kulturleben herum, ein Gallerist kommt zu Wort, der erzählt, wie seine Wohnung - Ende der Achtziger - zur einer Kunstgalerie wurde.
"Unansehnlich" sei der Palast der Republik, dazu Zeitzeugen über Erichs "Lampenladen". Die berühmte Museumsinsel darf hier nicht fehlen. Auf der Straße Unter den Linden bis hin zum Brandenburger Tor wird das Hörbuch langsam ein wenig zu reiseführerisch und verliert an Spannung. Die eingangs gut verpackten Informationen fangen an, etwas zäh zu wirken.
Ehe die Langeweile - während der Hörer innerlich die Friedrichstraße entlang schlendert, jedoch Infos in Tourismuslightversion ausgeliefert ist - vollständig aufsteigt, erzählt der Berliner Lehrer davon, wie seine Familie, mit dem Bau der Mauer, innerhalb Berlins getrennt wurde.
Der akustische Kundschafter, der sich durch das Regierungsviertel und den Tiergarten lauscht, wird zunehmend von den Sprechern (Henning Freiberg, Ingrid Goede) mit langweiligen Texten gequält, er beginnt sich die Schnipsel herbeizusehnen, in denen Berliner über ihre Stadt erzählen und das Treiben auf den Straßen dokumentieren.
Glücklicherweise lassen die Autoren Reinhard Kober und Matthias Morgenroth hin und wieder Gnade walten und halten ihr Mikro beispielsweise zwischen zwei Menschen, die ein witziges Verkaufsgespräch auf einem Trödelmarkt führen. Als die unterschiedlichen Paraden der Stadt Thema werden, sind auch ein paar Trommeln zu hören, die vom Karneval der Kulturen stammen und für eine kleine, kurzfristige und angenehme musikalische Abwechslung im Hörerlebnis sorgen.
Erwähnenswert ist jedoch schon das Bemühen der Macher, die Werbetrommel für die kleineren Theater und Kleinkunstbühnen Berlins zu rühren.
Leider geht die Talfahrt weiter. Was vielversprechend anfing, versackt im Treibsand der Bedeutungslosigkeit. Der Hörer möchte den Szenebezirk Prenzlauer Berg und bekommt Currywurst von Konnopke und Jazz serviert. Kreuzberg wird sozialromantisch verklärt, von den Straßenschlachten am ersten Mai abgesehen sei dort mittlerweile eine multikulturelle Ruhe eingekehrt. Spätestens hier dämmert dem Hörer das TUI-Sponsoring. Die akustische Reise zwischen Wannsee und Alex verkommt mehr und mehr zu einer Werbekaffeefahrt, was die belanglosen Ergänzungen der Berliner Autorin Tanja Dückers nicht aufhalten können.
Irgendwann landet der Hörer, nach dem dieser bei Softsexfilmmusik durch den Wannsee schwimmen musste, auch beim Einkaufen in Charlottenburg. Um nicht ganz im Konsumsumpf unterzugehen, schnell noch ein kleiner literaturhistorischer Abriss dieses Bezirks.
Der Finger geht zum Vorwärtsknopf. Der Potsdamer Platz als letzter Akt. Der Finger sucht den Ausknopf, auch wenn ein Berlinalemacher über Independentfilme schwadroniert.
Ausknopf
Und die Moral von der Geschicht? Vertraue einer Verpackung nicht! Hier bekommt der Hörer keinen echten Einblick in die Berliner Seele, was eigentlich schade ist, da die Idee sehr gut ist. Ein Reiseführer, der mehr als ein bloßes Buch ist, jedoch genügend Platz zum Phantasieren lässt, hätte dieses Werk sein können. Die Hauptstadt ist nach wie vor eine äußerst spannende Angelegenheit, das Hörbuch zelebriert einerseits ihre Vielfalt, kommt aber andererseits mit seiner ganzen Aufmachung dem nicht nach und trieft stattdessen bieder dahin. Das hat Berlin nicht verdient!
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Weiterführende Links / Besprechungen bei uns
Reinhard Kober und Matthias Morgenroth Berlin - Eine akustische Reise zwischen Wannsee und Alex 1 Audio - CD mit Booklet. Laufzeit 74 Minuten, EUR 14,90 geophon ISBN 3-936247-18-8