Willkommen in den 0er-Jahren. Dem ersten Jahrzehnt der deutschen Nachkriegsgeschichte, das seine Programmatik explizit benennt Steht doch die „0“ für Stillstand, Ideenlosigkeit und Verzagtheit. Zwischen Oder und Rhein: Null Bock, Null Ahnung, Null Trieb. Wären die 0er-Jahre ein Fußballspiel, dann wäre der Halbzeitstand ein 0:0, und Günther Netzer würde sagen: Wir müssen mehr laufen.
Gewiss. Nur wohin? Also tritt ganz Deutschland verlegen auf der Stelle und versucht, die Stürme der Globalisierung mit den Strategien des Kalten Krieges zu überdauern: Duck-And-Cover.
Durchhalten bis zur Rente. Aussitzen, Runde zwei. So hätte es eigentlich noch ein paar Jahrzehnte weiter gehen können. Wären da nicht die Rekordarbeitslosigkeit und die drohende Pleite der Sozialkassen. Man sitzt zunehmend unbequem. Die Stillstandsdepression und die Angst vor dem Abstieg nagen bereits am Fundament der so genannten Neuen Mitte.
Das Unbehagen hat einen Namen: Hartz IV. Dem gleichnamigen Maßnahmenpaket haftete schon durch die Form seiner offiziellen Verkündigung im Französischen Dom zu Berlin der Ruch der Theaterreform an. Zeitig zum Schillerjahr begann dann auch das Redesign der Arbeitsagentur als moralische Anstalt. Statt: „Kein Mensch muss müssen.“ hieß es fürderhin: „Alle ran! - Für einen Euro die Stunde“. Globalisation is coming home und fordert nun auch beim Exportweltmeister ihren Tribut.
Doch im Zeichen von Hartz gab es nicht nur Verlierer. Während unter dem Rubrum Eigeninitiative kurzsichtigen Rentnern die Sehhilfen gestrichen wurden, erprobten VW-Manager und -Betriebsräte unter Arbeitsdirektor Peter Hartz in den Bordellen der Welt neue hedonistische Formen des Auslandsinvestment und überbrückten die Kluft von Arbeit und Kapital beim globalisierten flotten Dreier. Wo der letzte Pfennig der Arbeitslosen in 16-seitigen Hartz-IV-Formularen erfasst wurde, reichte im System Hartz bei VW der schnell hingeschmierte Eigenbeleg „im Interesse des Unternehmens für den Gesamtbetriebsausschuss.“ Fast scheint es, als sollte bewiesen werden: Mit viel Eigeninitiative und vollem (Körper-)einsatz lebt es sich „in der freien Wirtschaft“ so viel besser als unter der Knute des allumsorgenden Sozialstaates.
Aber was hat die „total verrückte Reform“ (Der Spiegel) der deutschen Sprache gebracht? Zunächst viele schöne Schleiervokabeln aus der Welt der Unternehmensberater. Nimmermüde warfen die Kommunikationsmanager der Hartzfestspiele in einer Parallelaktion zu Hartz I bis IV neue Begriffe und soziale Tatbestände auf den Markt. Die Hartz-Kommission wandte die Consulting Language und den zugehörigen flotten Excel-Powerpoint-Aktionismus erstmals konsequent auf ein nationales Sozialsystem an. Analyse: „Auf der Kostenseite nicht darstellbar.“ To-Do: Outsourcing des sozialen Ballasts.
Diesen Denkmustern aus den Hartz-Think-Tanks und ihren Auswirkungen auf die deutsche Sprache widmet sich das Buch „Hartz Deutsch“. Über 250 Begriffe des Hartz Deutschen von „0-Runde“ bis „Zumutbarkeit“ werden auf ihren Beitrag zum Totaloutsourcing von Sinn und Verstand aus unserer Muttersprache untersucht. Ein intellektuelles Vergnügen der Extraklasse.
Der Autor
Werner Kleine-Hartz ist Germanist und lebt als freier Autor und Dozent in Hamburg und Berlin. Er hat bereits als Redakteur, Fachbuchautor und Texter für Interneterotikangebote gearbeitet.
Informationen zum Buch
Sie können das Buch bequem
online bei unseren Buchhandelspartnern bestellen:
Diese Bücher könnten Ihnen auch
gefallen
Werner Kleine-Hartz Hartz-Deutsch Das kleine ABC der 0er-Jahre 132
Seiten, 80 Abbildungen, EUR 8,88 ISBN 3000166637