In ihrer Dokumentation "Vergessene Schicksale - Festnahmen in Mitteldeutschland 1945 - 1961" arbeitet die Autorin Annemarie Lüdicke für die Region Anhalt ein bisher verschwiegenes und vergessenes Kapitel der Nachkriegsgeschichte auf.
Mit dem Ziel der "Entnazifizierung" hat die sowjetische Besatzungsmacht nach dem Kriegsende 1945 bis Ende der 50er Jahre mehrere Hunderttausend deutsche Bürger festgenommen und in Speziallager gesperrt.
Teilweise wurden hierfür bisherige Konzentrationslager wie Sachsenhausen und Buchenwald weiter genutzt, viele Inhaftierte mussten aber auch die folgenden Jahre in Sonderlagern des Geheimdienstes NKWD in der Sowjetunion verbringen. Unter den Verhafteten waren Nazifunktionäre eben so wie Mitläufer und einfache Bürger, die im Dritten Reich keinerlei Funktion bekleidet hatten. Oftmals wurden sie nach Denunziationen von einem sowjetischen Militärtribunal verurteilt. Mitunter musste die Wachmannschaft auch nur einen Gefangenentransport wieder auffüllen. Um gestorbene oder geflüchtete Häftlinge zu ersetzen, wurden willkürlich Personen, auch viele Jugendliche, festgenommen. Mindestens 42000 Menschen kamen bis 1950 in Speziallagern um.
Die Angehörigen erfuhren oftmals erst nach der Wende vom Schicksal des Ehemannes, Vaters oder Sohnes. Nachforschungen waren ihnen in der DDR untersagt, Rückkehrer durften unter Androhung erneuter Verhaftung nicht über ihre Erlebnisse sprechen. Der Tod Zehntausender Menschen wurde deshalb vergessen. Ihre Namen sollten nach dem Willen der damaligen Machthaber für immer ausgelöscht werden.
Auch der Vater und der Onkel der damals siebenjährigen Annemarie Lüdicke aus Zerbst waren 1945 spurlos verschwunden. Mit der Öffnung der Archive 1990 begannen ihre Nachforschungen. Dabei konzentrierte sich die Autorin auf das heutige Gebiet des Landkreises Anhalt-Zerbst und die Region Dessau in Sachsen-Anhalt. Sie nutzte deutsches und russisches Archivmaterial und sprach außerdem mit Hunderten von Zeitzeugen, geht es der Autorin doch darum darzustellen, wie die Festnahmen die Bevölkerung trafen. Zum ersten Mal erhalten so zahlreiche Opfer ihre Namen wieder. Allein die Liste der Verhafteten und Toten – nach Berufsgruppen geordnet – umfasst 46 Seiten.
Erlebnisberichte aus den Sonderlagern Weesow, Landsberg/Warthe, Buchenwald, Jamlitz, Mühlberg, Ketschendorf, Torgau und Workuta/Russland ergänzen die Dokumentation und veranschaulichen das schwere Los der Betroffenen.
Zur Autorin:
Annemarie Lüdicke wurde 1938 in einer Kaufmannsfamilie in Zerbst, Sachsen-Anhalt, geboren. Nachdem drei ihrer Onkel 1941 im Krieg gefallen waren, kamen weitere Angehörige beim Bombenangriff im April 1945 auf Zerbst ums Leben. Ihre Großmutter starb, als russische Soldaten ihr Haus durchsuchten, ihre Cousine wurde von sowjetischen Besatzungstruppen umgebracht. Ihr Vater Gerhard Lüdicke sowie sein Bruder Hellmut sind nach dem Kriegsende spurlos verschwunden. Ihr Vater wurde zum letzten Mal im Mai 1945 nach Auflösung seiner Kompanie unverletzt in der Nähe von Senftenberg gesehen.
Nachdem ihr ein Studium verweigert wurde, flüchtete Annemarie Lüdicke 1956 nach Hamburg, wo sie Pädagogik studierte. Sie arbeitete dort später als Studienrätin für Mathematik und Französisch. Als Sportlehrerin war ihr Spezialgebiet das Schwimmen. Sie nahm erfolgreich an mehreren internationalen Wettkämpfen teil und wurde 1988 Europameisterin im Senioren-Schwimmen. Von 1993 bis1995 unterrichtete sie Deutsch, Musik und Sport in Saratow/Russland.
Nach ihrer Pensionierung 2003 kehrte Annemarie Lüdicke in ihre Heimatstadt Zerbst zurück, wo sie sich Forschungen zur Regionalgeschichte widmet.