"Knastologie" ist ein Geschichtsbuch besonderer Art. Der Autor versetzt Leserinnen und Leser in die Zeit der 50er Jahre. Die Handlung beginnt mit der Verhaftung einiger Kommunisten, die in dieser Zeit des kalten Krieges als Partei verboten wurden und illegal weiter arbeiteten.
Der Weg geht über verschiedene Stationen der Entwicklung. Die Fragwürdigkeit von Verboten und Unterdrückung politischen Wollens in einer Demokratie drängt sich dem Leser auf. Es werden verschiedene Lebensbilder von Gefängnisinsassen charakterisiert. Die zentrale Person ist jedoch Peter Leonhardt, dem der Prozess gemacht wird und dessen Familie unter der ganzen Geschichte leidet.
Einer der Höhepunkte ist das Beispiel Saar, wo in mehreren Kapiteln die Zwiespältigkeit der politischen Parteien angeprangert wird. Natürlich darf die Geschichte der Germanen nicht fehlen, allerdings etwas anders als gewohnt. Vom Herrenmenschen mit Stammbaum bleibt nicht viel über.
Wo die Gefängnisinsassen ihre Vorbilder sehen und wie sich die Kriminalität auch auf diese Weise entwickelt und verfestigt gibt einen kleinen Einblick in die Psychologie der Strafgefangenen.
Ein Buch mit Pfiff, manchmal traurig und doch sehr lebensbejahend, im Ganzen tiefgründig.
Einleitung
Was ist Knastologie? Die Leserinnen und Leser werden sich schon den Kopf zerbrochen haben, was dieses Wort bedeuten soll. Schauen Sie gar nicht erst nach. Im Duden steht zwar Knast gleich Gefängnisstrafe, aber "Knastologie" kennt der Duden nicht oder noch nicht.
Knastologie ist eine Wort- und Begriffsschöpfung im Zusammenhang mit einer Gefängnisstrafe.
"Wo warst du so lange?"
"Frag mich nicht. Ich habe studiert."
"Du hast studiert? Ja, was denn?"
"Na, Knastologie."
"Ach so, na das ist ja in Ordnung. Da bist du ja noch der Alte."
Knastologie ist also ein Begriff, der im Gefängnis geprägt wurde. Wer ihn erfunden hat, ist nicht bekannt. Ein Diplom hat er jedenfalls nicht dafür bekommen.
Das vorliegende Buch behandelt, untersucht und beschreibt diese Wissenschaft. Man kann sie ruhig so nennen.
Ein Knastologe ist, um diesen Begriff noch weiter zu beschreiben, ein Gefängnisbruder. Dabei spielt allerdings die Religion keine oder nur eine untergeordnete Rolle.
Interessant dürfte dieses Buch deshalb werden, weil im Zentrum der Handlungen, die Kommunisten stehen. Im August 1956 wurde die Kommunistische Partei (KPD) in der Bundesrepublik verboten. Wer weiter machte und die Legalität der KPD wieder zu erreichen versuchte, wurde mit Prozessen und anderen Mitteln unter Druck gesetzt.
Dieses Buch beschreibt, wie die Kommunisten arbeiteten, wie Prozesse abliefen und was man so im Gefängnis alles erleben konnte. Es werden auch verschiedene Probleme aus der allgemeinen Geschichte, aus Politik und Wirtschaft behandelt.
Von großer Bedeutung waren damals die Auswirkungen des "kalten Krieges" auf das Leben und insbesondere das Verhalten der Behörden und der Medien gegenüber den Kommunisten und ihren Angehörigen.
Dazu gehören natürlich auch die Erlebnisse und die Geschichten der verschiedenen Gefängnisinsassen. Damals wurde davon gesprochen, dass das Gefängnis nicht nur der Bestrafung, sondern auch der Umerziehung dienen sollte, was ich nach meinen Erlebnissen für sehr fragwürdig halte. Damit im Zusammenhang stehen die Arbeitsmöglichkeiten, die Entlohnung, die Reaktion und das Verhalten der Insassen. In den Vordergrund schiebt sich da die psychologische Seite.
Sie als Leserinnen und Leser lernen hier die Struktur und die Hierarchie der Gefangenen etwas kennen. Vielleicht erkennt man auch so etwas wie Solidarität.
Wer sind die Vorbilder, an denen sich die Knastologen orientieren? Dieser Frage wird in einem besonderen Kapitel nachgegangen.
In verschiedenen Kapiteln kommt das Problem der Isolierung der politischen Gefangenen im Verhältnis zu den übrigen Insassen zur Sprache.
Der menschlichen Seite der Auswirkungen des politischen Geschehens wird im Buch besondere Beachtung geschenkt. Bei Leserinnen und Lesern wird unweigerlich die Frage auftauchen, ob dieses Geschehen nun eines demokratischen Staates würdig war? Ich glaube nicht, denn in Europa ist Deutschland der einzige Industriestaat, der solche Verbotsgesetze beschlossen und diese Verfahren gegen Kommunisten durchgeführt hat.
Über den Autor:
Karl Jakob Weil, Jahrgang 1922, hat die Weimarer Republik und die Nazizeit als Jugendlicher, Schüler und später als Soldat der Deutschen Wehrmacht erlebt. Krieg und Gefangenschaft hinterließen bleibende Eindrücke. Seine Schlussfolgerung: "Nie wieder darf eine solche Entwicklung, Hetze gegen andere Völker und Krieg zugelassen werden." Dieser Vorsatz schlägt sich auch in seinen Büchern nieder.
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Karl Jakob Weil Knastologie Deutsche
Geschichte aus dem Untergrund Chateau Verlag 280 Seiten, EUR 17,80 ISBN 3-00-014080-8