Als der Autor Delaney Mossbacher eines Tages auf dem Highway von Los Angeles den Mexikaner Cándido anfährt, prallen buchstäblich zwei Kulturen aufeinander. Da die beiden sich nicht verständigen können, drückt Mossbacher dem Mann unsicher ein paar Dollars in die Hand, und ihre Wege trennen sich. Cándido schleppt sich in den Canyon, wo er mit seiner schwangeren Frau América in einer Art Müllhalde campiert, Mossbacher fährt zurück in seine millionenschwere Villa, zu seiner Frau, der Immobilienmaklerin Kyra, und seinem Stiefsohn Jordan.
Das Villenviertel, in dem die Mossbachers wohnen, ist eine der vornehmsten Gegenden in Los Angeles. Um die wenigen Mexikaner, die nicht als Angestellte dort arbeiten, auch noch von dort zu vertreiben, beschließen die Bewohner des Viertels, eine Mauer um ihren Distrikt zu ziehen und ein bewachtes Tor zu installieren. Der liberale Delaney Mossbacher ist dagegen, doch nachdem herumstreunende Coyoten seine Hunde anfallen, bröckelt der Widerstand. Die Angst vor den wilden Tieren wird schließlich vorgeschoben, um die rassistischen Motive des Mauerbaus zu verbergen, das Viertel Arroyo Blanco wird zur Festung ausgebaut.
Cándido ist nach dem Autounfall so schwer verletzt, daß er nicht arbeiten kann. Die zwanzig Euro, die er von Mossbacher bekommen hat, sind für ihn und seine Frau viel Geld, aber auch irgendwann aufgebraucht, und so beschließt América gegen Cándidos Willen, zur Arbeitsvermittlung zu gehen und sich einen Job zu suchen. Doch das Leben des jungen Paares wird durch eine Widrigkeit nach der anderen zerstört: sie werden überfallen und ausgeraubt, América wird vergewaltigt, und die Schließung der Arbeitsvermittlung raubt den beiden jede Existenzgrundlage.
Auch die Bewohner von Arroyo Blanco haben Schwierigkeiten, wenngleich auf anderem Niveau: Graffiti-Schmierereien an der neuen Außenwand des Viertels, Herumtreiber, die trotz des Tores durch die Straßen ziehen, Landstreicher, die auf dem Gelände von Häusern campieren, die Kyra verkaufen will. Und eines Tages entzündet Cándido aus Unachtsamkeit ein Feuer im Canyon, das sich bis vor die Tore des Wohngebietes frißt und in seiner Zerstörung nicht zwischen Villen und Baracken unterscheidet.
Boyle erzählt vom Leben der beiden Familien, deren Wege sich immer wieder kreuzen, meist nur in Form flüchtiger Begegnungen von Sekunden. „América“ stellt eine gegensätzliche Welt dar, wie sie nicht nur in Kalifornien, sondern überall in der Welt existiert: die Koexistenz verschiedener Gesellschaftsschichten, die von Intoleranz und Haß geprägt ist. Dabei wäre es, so scheint es in diesem Buch, zumindest theoretisch so leicht, beide Interessengruppen zufriedenzustellen, wenn man sich nur ein wenig Mühe geben würde.
Doch Boyles Roman ist ein Roman, und in dem sind die Charaktere doch sehr einfach und stereotyp gehalten: hier die friedfertigen Obdachlosen, dort die erzkonservativen Besitzbürger, dazwischen der gemäßigte Delaney Mossbacher, dessen nach Toleranz rufende Stimme von der Mehrheit der Konservativen – personifiziert durch seine Frau, die in ihrer Ehe das meiste Geld verdient und den Ton angibt – übertönt wird, und der im Angesicht der Bedrohung seiner eigenen Existenz selbst seine liberalen Motive vergißt. Der Roman „América“ macht es sich mit dieser Schwarz-Weiß-Zeichnung sehr einfach, und so wirkt auch das Happy End nicht versöhnlich, sondern allenfalls wie eine konsequente Fortzeichnung dieser Vereinfachung einer Welt, in der fast alles zwei Seiten hat.
Das Thema von „América“ mag von sozialer Wichtigkeit sein, und Boyles Ruf nach einem toleranten Miteinander zweifellos gut gemeint. Die Romanumsetzung wirkt jedoch – abgesehen von der gelungenen Kontrastierung der beiden Sichtweisen durch den außenstehenden Erzähler und einigen unterhaltsamen Einfällen in der Handlungsführung – zu sehr mit dem erhobenen Zeigefinger geschrieben, bleibt zudem oberflächlich und fade. Jeder Ansatzpunkt, den der Leser zum Nachdenken findet, scheint ihn auf den einzig möglichen moralischen Schluß hinzustoßen, es gibt keine Offenheit, keine Zweideutigkeiten – man fühlt sich vom Autor gegängelt. So verhallt der Ruf nach Gerechtigkeit am Ende, weil sich das Buch da längst vom Mitgefühl des Lesers gelöst hat.
Über den Autor: Tom Coraghessan Boyle, geboren 1948 im Staat New York, unterrichtet an der University of Southern California in Los Angeles. Für den Roman „World’s End“ erhielt er 1987 den PEN/Faulkner-Preis.