Das Stellwerk, eine Marburger Künstlergemeinschaft, gibt zu seinem einjährigen Bestehen eine Anthologie heraus. Über 20 Autoren und Künstler zeigen darin Ausschnitte ihres Schaffens in Wort und Bild.
Begonnen hatte alles mit einer Einladung zu einer öffentlichen Lesung. Einsendungen aus ganz Deutschland und sogar aus Frankreich gingen ein, vierzehn Autoren lasen schließlich zwei Tage lang in einem Marburger Café vor Publikum, die Lesung wurde von einem Marburger Radiosender aufgezeichnet und ausgestrahlt. Um das Ereignis über die Lesung heraus zu konservieren, hat die Stellwerk-Gemeinschaft sich außerdem zu der Herausgabe dieser Anthologie entschlossen.
Um das Projekt abzurunden und herauszustellen, daß das Stellwerk zwar auch, aber nicht ausschließlich mit Literaten besetzt ist, wurde das Buch von verschiedenen Künstlern illustriert; zum Teil verlieren die Bilder jedoch leider durch den Schwarzweißdruck ihre Wirkung. Ursprünglich hatte man dem Buch auch noch eine CD-Aufnahme der Lesung beilegen wollen, was jedoch an technischen Hürden scheiterte.
Lyrik, Prosa und Malerei – drei Kunstformen also, vereint in einer Anthologie. Die Gedichte reichen in der Spannweite von naiv bis abstrakt und beackern in diesen unterschiedlichsten Formen doch immer wieder die ureigene Themen der Lyrik – Liebe, Leidenschaft, Trauer. Die Prosatexte hingegen sprechen vielfältigere Sprachen – satirische Betrachtungen über das vertrackte moderne Leben zwischen Einkaufswagenchips und zu entwertenden Parkausweisen, sogar eine leichte Liebeserzählung, aber auch Düsteres wie die Geschichte einer Soldatenwitwe, die im Namen ihres gefallenen Mannes Briefe an sich selbst schreibt.
Die Erzählungen, so verschieden sie im Ton auch sein mögen, haben in vielen Fällen doch ein Motiv gemeinsam – das Ausbrechen aus Gewohnheit und Alltagstrott, meist durch gewaltsame Akte. Ob durch den Sprung vom Hochhaus, das Erschlagen des Lebensgefährten, dessen Schlürfen am Kaffeetisch seine Frau nicht mehr ertragen will, oder der Schnitt durch die Kehle der Freundin an einem heißen Sommertag – das Bedürfnis nach Veränderung scheint die Autorinnen und Autoren der Anthologie zu einen.
So ist "Stellwerk – die erste Anthologie" auf jeden Fall ein interessanter Querschnitt durch das aktuelle Schaffen verschiedener, größtenteils semiprofessioneller Autoren. Die literarische Qualität der Erzählungen und Gedichte ist, wie oft bei solchen Anthologien, dabei durchaus gemischt, hier und da hätten die Texte noch etwas mehr Feinarbeit vertragen, an anderen Stellen gibt es dafür auch Fundstücke in der Anthologie, die durchaus zu begeistern verstehen, bei denen man sich fragt, warum ihre Autoren nicht längst schon bekannter sind.