Wieviel Liebe und Leid kann eine Frau ertragen? Cecilia glaubt, alles hinter sich zu haben: Die Liebe Casanovas und wilden Aufmerksamkeiten Byrons haben ihr mehr Glück und Qualen beschert, als irgendeiner anderen Frau. Jetzt steht sie am Canale Grande mit einem Brief, den sie dreißig Jahre zu spät erhalten hat und starrt in die kalten Fluten des aqua alta der Wasserstadt Venedig.
Cecilia ist dreizehn, liebt Farben und Schokoladentorte, und steht gerade an der Schwelle des Erwachsenwerdens, als der größte Verführer des 18. Jahrhunderts sie in sein Bett holt. Trotz eines Altersunterschiedes von gut dreißig Jahren lernt das Mädchen an Casanovas Seite nicht nur Lust sondern die echte Liebe kennen. Es ist eine Verbundenheit, die Casanovas Verbannung und Tod überdauert. Jahre später - Cecilia ist die bedeutendste Portraitmalerin Venedigs geworden – tritt die Liebe erneut in ihr Leben. Es ist der zwanzig Jahre jüngere Lord Byron, das enfant terrible des 19. Jahrhunderts, dem sie rettungslos verfällt. Auch als er seine schwangere Geliebte verlässt, kommt sie nicht los von ihm. Sieben Jahre später, als er nach wilden Ausschweifungen wieder bei ihr auftaucht, macht ihr der Schatten eines Toten deutlich, dass sie endlich eine Entscheidung treffen muss.
Carnevaleist eine Liebeserklärung an die Serenissima, die fröhliche Wasserstadt Venedig. So wie ihre Wasser die Stadt, so umschlingt das Wasser die fiktive Lebensgeschichte der Cecilia Cornaro. Aus der Badewanne holt sie der eine Liebhaber, in den kalten Kanälen der Stadt wäscht sie sich nach einem aufregenden Leben wieder rein. Dazwischen liegt ein pralles Sittengemälde, das in leuchtenden Farben den Untergang des 18. Jahrhunderts und den Aufstieg des Viktorianismus beschreibt. Gleichzeitig ist der Roman aber auch eine Entzauberung der größten männlichen Legenden ihrer Zeit: Casanova und Byron. In Rückblenden und Berichten entrollt sich die Lebensgeschichte der beiden Männer. Beide ohne Liebe aufgewachsen wird aus Casanova ein Glückritter und fadenscheiniger Komödiant, aus Byron ein egomanischer Sadist. Doch erst durch ihren Einfluss durchläuft Cecilia einen Reifeprozess, der aus dem wilden unabhängigen Mädchen eine verantwortungsbewusste Mutter und gütige Frau macht.
So wie Venedig ist auch der Roman in seine eigene Schönheit verliebt. Neben gut recherchierten Fakten über die Zeit und den heiter-weisen Kommentaren von Casanovas räudigem Kater, bietet er vor allem üppige Wortgebilde. Man muss sich Zeit nehmen für dieses Buch, denn die vielfältigen Beschreibungen der Serenissima und seiner Menschen treiben die Handlung nicht voran. Geschickt macht er eine untergegangene Epoche lebendig, auch wenn die Charaktere in weiten Teilen oberflächlich bleiben, und insbesondere Cecilias Vernarrtheit in den grausam-kindischen Byron ist nicht in allen Teilen nachvollziehbar ist. Dennoch bietet Carnevale ein amüsantes Lesevergnügen, das über mehr als 600 Seiten zu unterhalten versteht.
Michelle Lovric
Carnevale
671 Seiten, gebunden
Marion von Schröder Verlag, München
ISBN 3-547-76192-1
Redakteurin:
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