Diese Aufzeichnungen erheben nicht den Anspruch ein Sachbuch zu sein. Vielmehr will ich versuchen Menschen zu helfen, ihre Unsicherheit und Ängstlichkeit, ja oft auch Hilflosigkeit geistig und körperlich Behinderten gegenüber abzubauen. Ich will erzählen, wie wenig es braucht um Menschen mit Behinderungen, ja auch mit Mehrfachbehinderungen glücklich zu machen. Wie viel es aber auch braucht, nämlich Kraft, Mut und Liebe, ja und auch ein ganz schön kräftiges Stück Humor, um mit der Umgebung, den Behinderten und der eigenen Entscheidung sich ganz mit behinderten Kindern und Jugendlichen zu befassen, fertig zu werden.
Leseprobe aus Komm - wir bauen einen Turm
Ich habe oft erlebt, wenn ich mit geistig behinderten Kindern oder Jugendlichen, später auch Erwachsenen, auf die Straße ging, Menschen uns auswichen oder sowohl uns Betreuer als auch die Behinderten mitleidig oder peinlich berührt, ansahen oder auf die andere Straßenseite wechselten.
Den Rest meines Berufslebens als Krankenschwester hatte ich mir anders vorgestellt. Die überzogene politische Stimmung in meiner Abteilung, gaben meiner beruflichen Laufbahn eine ganz andere nie vorhergesehene Richtung.
Ich bekam das Angebot in einer Tagesstätte für geistig und körperlich behinderter Kinder und Jugendlichen zu arbeiten.
Die Entscheidung da zu arbeiten, habe ich mir nicht leicht gemacht. Es ist und war eine Herausforderung, zumal in meinem Alter, und der wollte ich mich stellen.
Es gibt Worte oder Verse die einen nie loslassen. Der obengenannte Vers, entnommen aus der Bibel, stand über dem Eingang einer geschützten Werkstatt, in der ich einmal hospitierte. Er drängte sich immer wieder in meine Überlegungen.
Es war mir sehr hinderlich. Ich sollte und mußte zu einer Entscheidung kommen. Und da ist immer wieder dieser Vers:
"Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten...
Als Krankenschwester hatte ich zwar mit sehr vielen Menschen, weniger aber mit geistig Behinderten zu tun. Ich war der Meinung, die Erfahrungen aus meinem Beruf einbringen zu können. Ich mußte aber erkennen und erfahren, daß ich einen völlig anderen Beruf ausüben würde.
Sehr schnell habe ich begriffen: Ob geistig oder körperlich Behinderte - sie wollen kein
Mitleid, sie brauchen Verständnis - unser Verständnis.
Und noch etwas habe ich gelernt. Nur mit dem Willen, in dieser Einrichtung zu arbeiten und der obengenannten, schnell gemachten Erkenntnis komme ich nicht weit. Denn das hier ist Arbeit - knallharte Arbeit und Wirklichkeit.
Aber die Arbeit und die Wirklichkeit waren schön, sehr schön. Vielleicht die schönsten Jahre in meinem Berufsleben.
Ich überlege, was ich hier soll. Was tue ich hier? Um mich herum ist alles fremd, ich fühle mich unsicher. Noch vor einiger Zeit war ich als Krankenschwester tätig, heute bin ich mitten unter geistig und körperlich behinderten Kindern in einer pädagogischen Einrichtung.
Während ich in mich hinein horche, dabei aber gleichzeitig versuche meine Umgebung bewußt wahrzunehmen, schiebt sich eine kleine Hand in meine im Schoß verschlungenen Hände. Es ist als hätte der kleine Mensch neben mir mein innerliches Beben und Flehen,
" mein Gott hilf mir" , gehört und verstanden. Ruben, ein Junge von sieben Jahren sucht meine Nähe. Das Kind, blond, von zierlicher Gestalt und gut gewachsen schmiegt sich an mich. Das sehr blasse Gesicht ist fein gezeichnet dem man die Behinderung nicht ansieht. Noch nicht. Seine großen braunen Augen sehen mich fragend an, so als wollte er sagen:
" Habe keine Angst ich helfe dir."
Über sein Gesicht huscht ein zaghaftes, mir scheint wissendes Lächeln.
Während die Leiterin der Gruppe, der ich zugeteilt bin, mit den übrigen Kindern die Stühle für den Morgenkreis stellt, schaue ich mich im Zimmer um. Es ist sehr groß und hell. Zwei Fenster nehmen die ganze Breite einer Wand ein - die Sonnenseite des Hauses. Auf den Fensterbrettern stehen Grünpflanzen und kleine lustige Figuren aus Ton. Die kleinen Pferdchen und Kätzchen, in ihrer Konstruktion nicht immer perfekt, sehen aus als wären sie selbst angefertigt worden. In einer großen geräumigen Schrankwand, an der Wand den Fenstern gegenüber, haben Bastelutensilien, Mal - und Schreibzeug, sowie Spiele und Plüschtiere ihren Platz gefunden. Entlang der anderen Wände sind eine große Wandtafel und Regale so angebracht, daß sie sich harmonisch in das Gesamtbild einfügen. Unter der Fensterwand liegt ein Spielteppich. Ein großer Plüschwürfel liegt herum. Ein dickes Nilpferd, eigentlich zum darauf Reiten gedacht, ist umgefallen und streckt seine kurzen Beine in die Luft. Auf dem obersten Regal hockt ein Kasperl und läßt seine Beine in der Luft baumeln. Sein freundliches Lachen fällt direkt in mein Gesicht. Ich habe das Gefühl als wolle er sagen:
" Nur zu, wir sind auf dich gespannt."
Das Zimmer ist also gut durchdacht und praktisch eingerichtet.
Und somit beginne ich meine ersten zaghaften Schritte in dieser Einrichtung. Was wird mich erwarten?
Der Tag in der Gruppe beginnt mit dem Morgenkreis. Wir fassen uns alle an den Händen und bilden einen Kreis. An der linken Hand habe ich Ruben, Lisa, mit einem Langdon Down Syndrom, kommt auf mich zu und faßt wie selbstverständlich meine rechte Hand. Sie schubst dabei ein anderes Kind zur Seite, aber das ist Lisa egal. Wie zum Trotz faßt sie meine Hand noch fester. Wir beginnen im Kreis zu gehen und singen das Lied:
Wie schön ist doch der Morgen
Ich bin erstaunt, wie gut und stimmlich rein die Kinder singen. Später werde ich die Erfahrung machen, daß geistig Behinderte einen geradezu sechsten Sinn für Musik haben, ja das sie die Musik suchen und vor allen Dingen lieben. Wir setzen uns, und ich schaue in die erwartungsvollen Augen der Kinder. Irgend jemand hat einmal gesagt:
" Geistig behinderte Kinder haben oft sehr ausdrucksvolle Augen, so als wäre das ganze Geheimnisvolle Wissen der Welt in ihnen verborgen."
Es ist etwas Wahres `dran.
Langsam arbeite ich mich ein und mache mich mit den Tagesablaufplänen vertraut. Der Tischdienst, auch eine feste Einrichtung, muß nach dem Abräumen des Geschirres, auch den Tisch abwischen. Dazu muß ein kleiner Eimer mit Wasser aus dem Waschraum geholt werden. Lisa ist dran, und ehe wir es uns versehen läuft sie in den Waschraum um den Eimer mit Wasser zu holen.
" Um Gottes Willen, Frau Stelzner hinterher!" Ruft Frau Schran. Ich weiß zwar noch nicht, warum, aber im Waschraum wird mir alles klar. Nichts ist für ein Kind schöner, als mit Wasser zu matschen. Da gleichen sich doch alle Kinder. Ich komme gerade zur rechten Zeit. Lisa ist dabei, die schönste Wasserorgie zu veranstalten. Sämtliche Wasserhähne sind bis zum Anschlag voll aufgedreht. Die Becken können die Fluten nicht aufnehmen, somit plätschert und schwappt es im ganzen Raum. Mittendrin Lisa, die voller Wonne in die Hände klatscht. Ich drehe die Wasserhähne zu und suche Lappen, um den Boden aufzuwischen. Lisa muß helfen, und das paßt ihr überhaupt nicht. Es dauerte schon eine Weile, bis wir wieder alles trocken hatten. Den Tischeimer mit Wasser hat dann Peterle geholt.
Es ist immer einfach über geistige Behinderung zu reden. Es liest sich manches leicht, aber dahinter steht eine gehörige Portion Arbeit und Geduld. Geistig behinderte Menschen brauchen viel Zeit und Zuwendung. Ich mußte begreifen lernen, daß Tätigkeiten, die für uns völlig normal sind, über die wir gar nicht nachdenken, so normal sind sie, von geistig Behinderten hundert -, ja tausend Mal geübt oder neu erlernt werden müssen. Es durchströmt mich immer ein warmes Gefühl, wenn ich in die leuchtenden Kinderaugen sehe und sie mir zeigen, daß ihnen ein noch so oft geübter Handgriff, meistens aber wieder vergessen, gelungen ist. Dann ist der Erfolg für sie so groß. Eben so groß und hoch wie ein Turm, den wir gestern auf unserem Spielteppich bauten.
Einmal, während der allgemeinen Mittagsruhe, ich arbeite inzwischen in den Gruppen der 16 - 18 Jährigen, bin ich zufällig in der Teeküche. Ich höre ein dauerndes Brabbeln, und gehe dem Geräusch nach in den Waschraum. Zum Glück kann ich ein aufsteigendes Lachen noch unterdrücken. Gerhard, dick und behäbig, ein junger Mann mit einem Langdon Down Syndrom, angetan mit einer großen Schürze, ein Fensterputzmittel in der linken, den Lappen in der rechten Hand, hält einen Vortrag. Seine Worte kann ich nicht verstehen. Es sieht aus, als hielte er dem Spiegel, in dem er sich sieht, und den er gerade putzen will, einen Vortrag wie wichtig seine Arbeit ist. Ich höre eine Weile zu. Dann schließe ich leise die Tür, Gerhard hat mich nicht bemerkt, und gehe nachdenklich in meine Gruppe zurück.
Geht es uns nicht oft auch so, daß wir unserem Spiegelbild einen Vortrag halten wie wichtig wir sind und wie wichtig unsere Arbeit ist? Wie oft schauen wir in den Spiegel und finden uns wunderbar. Und dann wollen wir unseren Spiegel putzen, weil uns irgend etwas nicht gefällt. Nur, so einfach geht das nicht mit dem Putzen. Wir werden immer wieder unserem Spiegelbild begegnen. Ob nun mit Flecken, Kratzern oder blitzeblank. Sind wir wirklich so wichtig?
Unser Gesicht soll das Spiegelbild unserer Seele sein. Das ist, glaube ich der Punkt. Es kommt darauf an, wie gut oder schlecht wir " drauf " sind.
Genauso wird unsere Ausstrahlung sein. Aber wir sind Menschen, die Gefühle haben. Wohl uns, wenn wir sie auch ausleben und zeigen können.
Und das habe ich von meinen Behinderten gelernt:
Egal was ihnen widerfährt, sie leben ihre Gefühle deutlich aus. Sie kümmern sich nicht um andere und was sie über sie denken würden. Sie sind unvoreingenommen und unbekümmerter als wir, die sogenannten " Normalen".
Wir haben in unserer Stadt einen rührigen Jugendclub, in dem auch häufig Veranstaltungen mit und für geistig Behinderte durchgeführt werden. Es sollte eine Tanzveranstaltung werden, und schon am Tag vorher waren alle Jugendlichen sehr aufgeregt. Die immer wieder kehrende Frage war, was ziehen wir an. Alle, ob die Jungen oder Mädchen kamen am nächsten Morgen fein herausgeputzt in die Einrichtung. Ich mußte jeden einzelnen begutachten. Sie sahen aber auch schmuck aus, unsere Jugendlichen. Gottfried weicht nicht von meiner Seite, und ich denke was will er nur? Ich schaue zu ihm hoch, immerhin ist er 1,92 Meter groß. Ich frage was er will. Endlich kommt es stockend aus ihm heraus:
" Frau Stelzner, tanzt du mal mit mir? Und erwartungsvoll sieht er mich an.
" Aber sicher" lache ich. " Wir werden eine kesse Sohle aufs Parkett legen."
Mit ein paar lustigen Worten begrüßt uns der Clubleiter und dann dröhnt die Musik los. Sofort steht Gottfried in voller Länge vor mir. Wir tanzen, zumindest versuchen wir es. Aber der Gute hat Schuhgröße 49, so daß ich dauernd über seine Füße stolpere und er ständig auf meinen steht. Aber er macht sich nichts d´ raus. Gottfried ist glücklich. Meine armen Füße benötigten am Abend ein heißes Bad. Sie sind selten so "geschunden" worden.
Langsam werden die Jugendlichen müde. Einer nach dem anderen holt sich eine Cola, sie setzen sich an die Tische, und hören einfach der Musik zu. Der Clubleiter legt eine langsame und weiche Musik auf.
Und dann sehe ich sie tanzen. Hanna, ein Mädchen von 25 Jahren, dunkelhäutig, schwarze, lange Haare. Das Gesicht markant geschnitten, mit leicht vorstehenden Wangenknochen. Braune, große Augen, die, wir mir scheint, nur in ihr Inneres schauen. Die etwas vollen Lippen leicht geöffnet so geht sie ganz allein auf die Tanzfläche, und wiegt sich, genau Takt haltend im Rhythmus der Musik. Ich habe in meinem Leben selten etwas Schöneres gesehen und werde es nicht vergessen. Die Arme leicht schwingend, scheint ihr ganzer Körper voll Musik zu sein. Sie wiegt ihre Hüften und streckt ihren Oberkörper als wolle sie leichten Fußes eine Leiter emporsteigen. Ihre Füße scheinen den Boden nicht zu berühren. So muß eine Elfe tanzen, geht es mir durch den Sinn. Ich habe den Eindruck sie sei völlig " entrückt", und ich kann den Blick nicht von ihr nehmen. Es ist als habe sie alles um sich herum vergessen. Die Augen hat sie jetzt fest geschlossen. Es ist als wechselten sich auf ihrer hohen Stirn Licht und Schatten ab. In ihrem Tanz drückt sie alles aus. Ihre Sehnsüchte, ihren Schmerz, ihr Leid und ihre Freude. Ihr ganzes Leben breitet sie in ihrem Tanz vor uns aus. Und das soll ein behindertes Mädchen sein? Eine geistig behinderte junge Frau?
So kommt der Winter 1989 heran. Es bewegt sich etwas in unserem Land, und das merken auch unsere Behinderten. Und sie stellen viele Fragen. Was das ist, ein ganzes Deutschland. Die meisten können sich darunter nichts vorstellen. Für sie ist die DDR Deutschland. Zwar sehen sie fern, und sie haben die Werbung und Filme gesehen von Leuten, die auch ihre Sprache sprechen, aber sie begreifen den Ablauf und den Inhalt der Sendungen nicht. In ihrem sozialen Verhalten können sie nicht verstehen, warum mitten durch ein Land eine Grenze gezogen ist. Warum dürfen sie nicht mit den Menschen "drüben" reden? Wie sollen sie es begreifen, ist es doch für uns, die wir als Nichtbehinderte zu den intelligenten Menschen zählen, nicht zu fassen. Das Wort Westgeld hat für sie eine magische Anziehungskraft. Sie wissen nicht damit umzugehen, daß es aber etwas Gutes sein muß, verstehen auch sie.
Es sagt sich so einfach, die DDR gibt es nicht mehr. Es ist ein Gefühl, das man so gar nicht beschreiben kann. Die Mauer ist gefallen, und sie ist da die Wende. Neues gibt es zu lernen, auch, und besonders unsere geistig Behinderten sind da nicht ausgenommen.
Einmal für gut Befundenes, wird plötzlich zum wertlosen Ding auf das man nur mitleidig herabsehen kann. Auf dem Weg, der nun plötzlich nach vorn und wenn möglich weit nach oben gehen soll, bleiben Menschen einfach liegen. Keiner, der sie an die Hand nimmt, keiner der sie mitnimmt. Auf der Strecke geblieben? 40 Jahre wurden wir das Gefühl nicht los, daß vieles nicht zusammenpaßt, wir es aber nicht fassen, nicht greifen können. 40 Jahre war der Staat uns Heimat, war Beruf den wir liebten, war Gemeinschaft mit den Freunden und Kollegen, war das Gefühl des Verlorenseins, wenn wir von den Freiheiten des anderen deutschen Staates hörten und sahen. 40 Jahre hatten wir das Gefühl nicht für uns sondern für die Siegermacht zu arbeiten und zu leben. 40 Jahre wurden wir ausgepresst wie Zitronen und waren doch zu feige uns zu wehren. Oder doch nicht feige? Haben wir uns nur angepasst?
Vom " runden Tisch" bekamen wir das Gebäude der Staatsicherheit zugewiesen. Wir haben entrümpelt, gewerkelt, Staub geschluckt und gemeinsam mit den Handwerkern bis in die Nacht hinein gearbeitet, um unseren Behinderten ein schönes und behagliches Tagesheim zu schaffen. In kürzester Zeit hatten wir es geschafft, gemeinsam und mit unseren Behinderten. Die neue Zeit kann beginnen. Die Stasi - Burg hat neue Bewohner.
Unser Tagesablauf beginnt sich zu normalisieren. Ich hatte die Idee mit meinen Jugendlichen zu versuchen, mit Ton zu arbeiten. Habe aber nicht bedacht, daß Rolf und Kurt eine gegenseitige Gefahrenquelle darstellen. Beide können sich nicht riechen. Wir sitzen alle an der Arbeitstafel. Vor jeden Jugendlichen lege ich ein größeres Brett auf dem wir nun den Ton kneten können. Ich erkläre wie man den Ton bearbeitet. Alle schauen etwas skeptisch, aber letztlich versuchen sie es doch. Auf den Arbeitstisch stellte ich eine Schüssel mit Wasser, um den Ton geschmeidiger zu machen. Alle sind mit Eifer bei der Arbeit. Nur Kurt nicht. Kurtchen sitzt vor seinem Ton und tut gar nichts." Der brütet etwas aus," denke ich. Und dann kommt` s. Kurt hat nicht vergessen, daß Rolf ihn mal geärgert hat. Er nimmt eine Handvoll glitschigen Ton und schmeißt ihn gezielt Rolf an den Kopf, genau in` s Gesicht. Mund und Augen sind total zu. Alle sind erschrocken und starren auf Rolf, denn der hat einen höllischen Schreck bekommen. Ich kann nicht mehr. Ich lache so sehr, und kann mich einfach nicht mehr halten. Kurtchen sitzt da, als denke er: " So das mußte sein." Gebannt schauen die Jugendlichen zu mir und was ich sagen werde, und dann stimmen sie in mein Lachen mit ein. Wir " befreiten" Rolf von seinem"Klitsch"und nun konnte auch er mit lachen.
Aus unserem Ton sind dann doch noch ganz hübsche Dinge, wie Kätzchen, Blätter und kleine Schalen entstanden.
Ich stellte fest, und später hat mich das oft beeindruckt, daß wir nicht selten geneigt sind, Menschen, die wegen einer Gehirnschädigung sich nur mühsam bewegen oder sprachlich sich nicht äußern können, sie oft für dumm zu halten. Keineswegs. Ich bin erstaunt, wie sie alle versuchen die Aufgaben zu meistern.
Es hat Jahre gedauert, bis ich mich durchgerungen habe alles aufzuschreiben. Es tut mir heute gut, wenn ich meine Behinderten in der Stadt treffe und sie schon von weitem mir zurufen und winken, und mich umarmen. Es tut gut nach so langer Zeit die Kinder der Tagesstätte zu treffen. Sie mich noch kennen und sich freuen. Mir wird klar, diese Zeit mußte ich durchleben. Meine Entscheidung damals, in einer Einrichtung für geistig und körperlich Behinderte zu arbeiten, war richtig. Unsere Zeit ist so kalt und lieblos geworden. Wie oft hören wir von Menschen, die in ihrer Nachbarschaft keine Behinderten dulden. Sie sind ja so auffällig, sie sehen oft anders aus als wir, sie haben andere Gewohnheiten, sie sind eben nicht wie wir. Und Vorurteile gibt es mengenweise. Dabei sind es Menschen wie du und ich, nur ein bißchen anders. Stellt sich die Frage, warum reagieren wir so anders geistig Behinderten gegenüber? Ist es die Angst vor dem Andersein? Das schlechte Gewissen, weil es und so gut geht? Oder ist es einfach unsere Unsicherheit, unser Unbehagen, mit dem Behindertsein umzugehen?
Erst wenn wir uns diese Fragen ernsthaft stellen, werden wir eine Anwort finden. Am besten aber noch im Umgang mit den " ach so anderen Menschen."
Ich habe viel von meinen Behinderten gelernt. Sie sind unbefangen, zutraulich und unbekümmert. Sie kennen kaum das Wort Toleranz, sie leben es aber. Sie lachen und weinen wie du und ich, und sie freuen sich über Dinge, die uns ganz normal erscheinen. Für sie sind sie eben nicht normal, darum können sie sich noch so herzlich freuen.
Ich bin überzeugt, nein, ich weiß es jetzt, die Liebe und Geduld, die wir den Behinderten entgegenbringen, kommt tausendfach an Segen zu uns zurück.
Und der Kreis schließt sich:
Was ihr getan habt einem von
diesen meinen geringsten
Brüdern,
das habt ihr mir getan.
Ruth Schäfer Komm - wir bauen einen Turm
Erfahrungen im Umgang mit geistig und körperlich behinderten Kindern und Jugendlichen
232 Seiten, R.G. Fischer-Verlag
ISBN 3-8301-0075-2