Zuletzt war es wohl Adam Green, der spätestens seit seinem Auftritt in der Harald-Schmidt-Show als „absoluter Kult“ gefeiert wurde, als „neuer Star am Pophimmel“ und als neuer Messias sowieso. So etwas passiert in regelmäßigen Abständen – und nicht selten fragt man sich als kritischer Beobachter, was genau denn jetzt an diesem Musiker oder jener Band, die auch nur Akkorde aneinander reiht wie Tausende andere auch, das Besondere, das Kultverdächtige ist.
Neben den vergötterten (und nach zwei bis drei Chartumdrehungen wieder vergessenen – oder wann haben Sie das letzte Mal Adam Green im Radio gehört?) popkulturellen Eintagskometen gibt es eine zweite Gruppe von göttergleich verehrten Musikern: Altstars, die früher einmal, zu Recht oder zu Unrecht, frenetisch gefeiert werden und die längst in einen Olymp aufgestiegen sind, von dem aus sie im Grunde auch die Gelben Seiten zum vorprogrammierten Rhythmus eines Casio-Keyboards vorlesen könnten, diesem Vortrag würde dennoch als Offenbarung gehuldigt. Damit sind sie sozusagen die Päpste der Popmusik – alle ihre Veröffentlichungen sind eine Art Dogma, sie sind Kult per Definition. Zu diesen Päpsten gehören neben Pink Floyd und Bob Dylan, die wenigstens in früherer Zeit mehr oder weniger Revolutionäres geschaffen und sich selbst weiterentwickelt haben, auch die Rolling Stones, deren größte Leistung darin besteht, sich seit zwanzig Jahren mit jedem neuen Album an musikalischer Belanglosigkeit selbst zu untertreffen und damit die Meßlatte des Kultes noch ein Stück niedriger zu hängen.
Soviel also zum Kult. In seinem Buch „Don’t Believe the HYPE!“ hat der Schriftsteller Sky Nonhoff mit Hilfe einiger Gastautoren über 70 vermeintliche Kultalben zusammengetragen und erklärt im Wesentlichen, warum sie ihm nicht gefallen. Die Auswahl streift ohne erkennbare Ordnung fünfzig Jahre Popgeschichte, von Elvis Presley und den Beatles bis zu Robbie Williams und Björk. All diese Künstler haben irgendwann einmal hochbejubelte Alben herausgebracht – und stets ist der Autor der Meinung, daß der Jubel mit Sicherheit nicht gerechtfertigt sei. Damit gibt er dem Leser zumindest das beruhigende Gefühl, daß er nicht der einzige ist, der den Hype um manche Künstler nicht versteht – aber reicht das für ein unterhaltsames Buch?
Fangen wir mit dem Besten des Buches an: dem Nachwort. Ein „Schluß mit den Meisterwerken“ betitelter, äußerst gelungener Essay aus der Feder von Nick Currie, der sich mit dem Phänomen auseinander setzt, warum es überhaupt so etwas wie Kult gibt, und sich gegen Einheitsbrei, vorgefertigte Meinungen und grassierende „Verkultung“ wendet, auf wenigen Seiten sehr pointiert so ziemlich alle Krankheiten, die die popkulturelle Industrie befallen haben, zusammenfaßt und den Leser auffordert, sich eine eigene Meinung zu bilden, anstatt blind vermeintlichen Hypes zu folgen. Brillant!
Leider kann Nonhoff selbst die Qualität dieses (von einem Gastautor verfaßten, nur um das noch einmal herauszustellen!) Essays nicht im mindesten halten. Daher ein gut gemeinter Rat: Falls Sie mit dem Gedanken spielen, dieses Buch zu kaufen, machen Sie bitte vorher ein kleines Gedankenexperiment. Stellen Sie sich einen typischen CD-Verriß aus einem Musikmagazin Ihrer Wahl vor. Und jetzt stellen Sie sich bitte weiterhin vor, so etwas dreihundert Seiten am Stück zu lesen. Finden Sie diese Vorstellung immer noch spannend? Falls ja – gut, dann kaufen Sie sich meinetwegen das Buch. Geschmäcker sind eben verschieden.
Genau das aber sieht Nonhoff scheinbar anders. Mit seinen Verrissen präsentiert der Autor sich ähnlich dogmatisch wie diejenigen, die die Alben zum Kult ausgerufen haben. Hier gibt es keinen Widerspruch –hat der Autor eigentlich das Nachwort zu seinem Buch selbst gelesen? Davon ab ist es nicht gerade kreativ, einer Liste von Kult-Alben mit einer Liste von überbewerteten Alben zu antworten.
Aus den gesammelten Verrissen spricht aber nicht nur Abneigung, sondern geradezu Hass auf die besprochenen Alben. Warum aber läßt der Autor nicht einfach Milde walten, erfreut sich an wenig beachteten Perlen der Musikwelt und läßt vermeintliche Kultalben vermeintliche Kultalben sein? Wäre ein literature.de-Monatsverriß ein psychologisches Gutachten des Autors, würde ich jetzt die Frage stellen müssen, woher dieser Haß rührt, und vielleicht zu der Erkenntnis kommen, daß Nonhoff selbst als Musiker gescheitert ist, und den in diesem Scheitern begründeten Haß auf sich selbst und die Musikindustrie auf die hier besprochenen Alben projiziert. Gut, daß ein literature.de-Monatsverriß kein psychologisches Gutachten ist.
Statt dessen folgt hier noch ein gut gemeinter Rat – und damit ist dies wohl der erste Monatsverriß, der gleich mit zwei guten Räten aufwarten kann: investieren Sie das Geld statt in dieses Buch lieber in eine gute Platte. Ganz gleich, ob sie gerade ein Mega-Hype ist oder von einer gänzlich unbekannten Band, Hauptsache, sie gefällt Ihnen. Meinetwegen auch die von Adam Green.