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Der Schattenhändler PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Heiko Paulheim, am 01-08-2005 14:00
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Der Schattenhändler - Weiterlesen!Schattenlos durch die Zeit

Der Angestellte Theo C. setzt sich nachts nach einem Betriebsausflug von der Gruppe seiner Kollegen ab, um noch ein wenig frische Luft zu schnappen. Doch seine Sinne spielen ihm einen Streich, er verläuft sich und findet sich plötzlich im Rotlichtviertel wieder. Anfangs widern ihn die eindeutigen Angebote noch an, doch schließlich folgt er einer Frau, von der er später nur noch wissen wird, daß sie grüne Augen hatte. Als C. am nächsten Morgen erwacht, macht er eine eigenartige Entdeckung: er hat keinen Schatten mehr. Doch handelt es sich um mehr als ein seltsames Naturschauspiel: aufgrund seiner Schattenlosigkeit beginnen andere Menschen, sich vor ihm zu ängstigen und zu ekeln, und schließlich folgt auch der soziale Abstieg – C. wird in seinem Unternehmen erst versetzt und dann herausgeworfen, und der Kontakt zu Lina, seiner Kollegin, auf die er ein Auge geworfen hat, bricht ab.

Und als sei dies noch nicht genug, werden zwei Herren bei ihm vorstellig. Der erste ist ein Vertreter der Firma „Shadow Colours“, der ihm einen künstlichen Schatten verkaufen will. Dieser soll nicht nur den alten, abhanden gekommenen ersetzen, sondern darüber hinaus noch mehr können: modernere Modelle seien sogar in der Lage, den Eindruck, den ein Mensch von einem hat, zum Positiven hin zu manipulieren. Der zweite Mann ist ein Beamter der Schattenermittlungsstelle, der ihn darüber belehrt, daß er den Verlust des Schattens rechtzeitig hätte anzeigen müssen und dadurch, daß er dies unterlassen hat, straffällig geworden ist.

Theo C. läßt sich auf einen Handel mit „Shadow Colours“ ein: anstatt den hohen Preis für einen der hochwertigen Schatten zu bezahlen, verpflichtet er sich, der Firma regelmäßig neue Kunden zuzuführen. Mit dem neuen Schatten kann er nun eine erfolgreiche Karriere beginnen, und selbst zu Lina hat er wieder Kontakt. Alles scheint gut zu laufen, bis er eines Tages mit Gedächtnisverlust in einem dunklen Verlies zu sich kommt, in dem nur ein Laptop auf einem Tisch steht, in den er seine Gedanken eingibt.

Er findet heraus, daß er bei den Dunkelmännern, einer Gemeinschaft von Schattenlosen, die sich in einem alten Kloster versteckt hält, aufgenommen wurde, auch Lina findet er hier wieder. Die Anführerin der Gemeinschaft, eine Frau namens George, zelebriert sektenähnliche Meditationen, mysteriöse Messen und verfolgt dabei einen ganz eigenen Plan: ein Krieg in der nahen Zukunft soll verhindert werden.

Ein Anschlag auf den Präsidenten, den C. zusammen mit drei weiteren Mitstreitern ausführen soll, schlägt fehl. Mit Hilfe einer „Notfalluhr“, die Zeitreisen ermöglicht, entkommt C. in eine fünfhundert Jahre entfernte Zukunft, eine Welt, die er kaum versteht. Die Menschen dort leben in einer Art Kegelstadt, ihre Ernährung und ihr Wach-Schlaf-Rhythmus werden von Automaten kontrolliert. Es gibt eine Zweiklassengesellschaft aus Menschen mit Schatten, denen die Benutzung von Fluggeräten vorbehalten ist, und Schattenlosen. C. kann bei den letzteren unbemerkt untertauchen, wenngleich er die Sprache der Menschen nicht spricht und den Sinn der Arbeit, der er, um nicht aufzufallen, täglich nachgeht, nicht versteht.

Doch auch aus der Zukunft muß C. fliehen, und da der Weg zurück in die Gegenwart wenig sinnvoll erscheint, flüchtet er in die Vergangenheit. Dort findet er in einem Mönchsorden Unterschlupf, der in demselben Kloster beheimatet ist, in dem Jahrhunderte später auch die Dunkelmänner residieren. Seine Anwesenheit führt zunächst nicht zu größeren Problemen, bis er in der Vergangenheit wieder auf Lina trifft. Sie ist der Hexerei angeklagt und soll in Kürze auf dem Scheiterhaufen hingerichtet werden, und Theo muß innerhalb kürzester Zeit einen Plan ersinnen, wie er sie ihrem Schicksal entreißen kann.

Ilka Hoffmanns Romandebüt greift ein Motiv auf, das der Autor Adelbert von Chamisso 1831 in seinem Märchen „Peter Schlemihl“ erstmals verwendet hat: die Schattenlosigkeit. Zunächst durchaus spannend und dicht geschrieben und durch zahlreiche Vor- und Rückblenden geschickt erzählt, wirkt das Thema der Schattenlosigkeit nach einiger Zeit überstrapaziert und ermüdend. Als sei dies der Autorin bewußt, läßt sie etwa nach der Hälfte des Romans das Zeitreisethema vom Himmel fallen. Nach und nach drängt sich der Eindruck auf, die Autorin wollte in ihrem Romandebüt alles ausleben, was sie schon immer einmal zu Papier bringen wollte: eine gesellschaftskritische Gegenwartserzählung, eine Science-Fiction-Story und einen historischen Roman.

So verwässert der Roman nach und nach zu einem beliebigen Mix aus unzusammenhängenden Ideen, in dem auch die Story nach einiger Zeit an Kraft verliert. Zu viele Handlungsfäden bleiben lose, ohne am Ende zusammengeführt zu werden, lassen das Buch zu einem zerfaserten Durcheinander von Einzelgeschichten entgleisen. So fragt man sich nach hundert Seiten mittelalterlichem Klosterleben plötzlich, was jetzt genau der Hintergrund des Präsidentenattentats in der Gegenwart war, und welchen Plan die Zeitreisenden in der Zukunft eigentlich ausführen sollten. Oder war es doch ein Versehen, daß sie in der Zukunft gelandet waren? Wohin ist das Haus verschwunden, in dem der Erzähler zu Beginn mit der mysteriösen Frau verschwunden ist, wer hatte überhaupt ein Interesse daran, ihm seinen Schatten zu entwenden, und warum? Und daß schließlich dem Präsidenten selbst der Schatten mit einem aus der Zukunft eingeführten Schattenentferner genommen wird und so die mißliche Lage, die der Leser ohnehin schon längst vergessen hat, mit einem weit dahergeholten Deus Ex Machina aufgelöst wird, ist am Ende nur der Gipfel der Enttäuschungen, denen der Leser nach dem durchaus vielversprechenden Beginn ausgesetzt ist.

Redakteur: Heiko Paulheim

Informationen zum Buch

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416 Seiten, Wiesenburg Verlag
ISBN
3-937101-50-0

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Letztes Update: 01-08-2005 14:00

Veröffentlicht in : Buch, Verriss des Monats
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