Es gibt Bücher, die sind so schlecht, daß man Sie sie als Redakteur nicht einmal lesen müssen, um sie verreißen zu können. Sie finden, das klingt vermessen? Mag sein – aber lesen Sie selbst: für unseren Verriß des Monats Juli genügte bereits ein zweiseitig bedrucktes Flugblatt vom „Freundeskreis Naturphilosophie Baden-Württemberg“, das mir beim Mittagessen in der Mensa in die Hände fiel.
Ein wissenschaftliches Werk wurde da angepriesen, das den Titel „Die Entzauberung Einsteins“ und den nicht mehr allzu wissenschaftlichen Untertitel „Warum die Spezielle Relativitätstheorie totaler Blödsinn ist“ trägt. Anhand von vier Thesen, in deren Überschriften die Gedanken Einsteins höchst wissenschaftlich mit „Blödsinn“ und „Megablödsinn“ bezeichnet werden, will der Autor Reinhard Rohmer zeigen, daß er es besser weiß.
Dabei sind schon die sprachlichen Mittel, derer er sich dazu bedient, abenteuerlich. Die Welt Einsteins bezeichnet er als „mathematisch“ oder „rein rechnerisch“, während er das klassische Weltbild mit Begriffen wie „gesunder Menschenverstand“ und „objektiv“ belegt. Dabei kommen dann so spannende Sätze heraus wie: „Die Spezielle Relativitätstheorie darf nicht länger Bestand haben, so erfolgreich ihre […] technische Anwendung auch ist.“
Gerade diese technische Anwendung scheint der Autor vollkommen aus seinem Weltbild auszuklammern. Er bezeichnet es als Blödsinn, daß schneller bewegte Uhren langsamer gehen und sagt statt dessen: „Gemessene Zeit ist objektiv (absolut). Eine Sekunde bleibt eine Sekunde.“ Das mag er so sehen – tatsächlich findet die Relativität von Zeit etwa in GPS-Navigationssystemen Eingang, die sonst nur weitaus ungenauer arbeiten würden. Aber was ist schon ein real funktionierendes Navigationssystem gegen Rohmers Menschenverstand?
Auch bei den anderen Beispielen, die der Autor anführt, werden formale Beweise und experimentelle Bestätigungen bewußt ausgeklammert und anstelle dessen der „gesunde Menschenverstand“ ins Feld geführt. Dazu bemüht er einerseits selbst Gedankenexperimente, andererseits kritisiert er ebendiese Technik bei Einstein als unsinnig: wenn der versuche, ein Lebewesen als abgeschlossenes System zu betrachten und auf annähernd Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen, würde er Grundlagen der Biologie mißachten, weswegen dieses Gedankenexperiment völliger Unsinn sei. So kann man es natürlich sehen, wenn man bewußt nach einem Angriffspunkt sucht – daß diese Grundlagen der Biologie für die Aussage des besagten Gedankenexperimentes eigentlich gar keine Rolle spielen, klammert Rohmer wiederum geflissentlich aus.
Die Ironie des Ganzen: Der Autor möchte seine Leser nach eigener Aussage dazu bewegen, der „Obrigkeit“, die die Relativitätstheorie unterstützt, zu widersprechen, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Interessanterweise traf Einstein schon zu Lebzeiten auf ähnliche Widerstände, als die „Obrigkeit“ das klassische Newtonsche Weltbild lehrte. Insofern könnte ein solcher Aufruf zum eigenständigen Denken, wie Rohmer ihn formuliert, wieder einen Einstein mit einer neuen Relativitätstheorie hervorbringen. Aber auch das ist nur eine Ungereimtheit unter vielen.
Neben den hanebüchenen Aussagen im Flugblatt ist es vor allem der hochgradig unwissenschaftliche und beleidigende Tonfall, der ins Auge fällt: wenn der Autor wirklich eine Aussage zu treffen hätte, dann könnte er sie auch ohne Polemik vorbringen und würde damit sicherlich auf offenere Ohren stoßen. Die Dreistigkeit, mit der er seinen eigenen „gesunden“ Menschenverstand als Maß aller Dinge setzt, ist beispiellos – was Rohmer nicht versteht, kann also nur falsch sein. Würden wir dieser Logik folgen, könnten wir auch die Dreisatzrechnung als falsch bezeichnen, der wird nämlich von vielen Menschen auch nicht verstanden. Rohmer wäre mit Sicherheit dafür. Und jetzt sagen Sie noch einmal, daß man dieses Buch wirklich erst hätte lesen müssen, bevor man es zum „Verriß des Monats“ gekürt hätte.
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Die Entzauberung Einsteins Warum die Spezielle Relativitätstheorie totaler Blödsinn ist Reinhard Rohmer Naturphilosophischer Verlag Reinhard Rohmer ISBN 3-9809831-0-2
Geschrieben von roughy, am 03-10-2008 16:21, , Registriert
1. Kritik zur Kritik
Hallo, ich bin 15 Jahre alt und Schüler an einem Gymnasium. Ich las das oben genannte Buch und war erst skeptisch. Die verwandte Alltagssprache machte mich stutzig über die Seriösität des Buches. Nach einigem Lesen jedoch wurde mir erst der Sinn dieser Lektüre bewusst. Ironisch ist nun, dass jemand eine derartige Kritik dieses Buches schreibt, ohne dabei zu ahnen dessen Sinn in konkreter Weise zu bestätigen. Durch Ihre Kritik und Ihre Äußerungen haben sie den Wert dieses Buches für die Allgemeinheit bestätigt. Genau wie Einstein sind sie ein Freidenker. Sie beschränken sich nicht auf V