Hätte die Terrororganisation "El Kaida" im wirklichen Leben mit Gegnern wie Tweed, dem stellvertretenden Direktor des Secret Intelligence Service, zu tun. Na dann, gute Nacht England. "Der vermutlich wichtigste Mann in ganz Großbritannien" und sein mit Binsenweisheiten, Vermutungen und Vorurteilen ermittelndes Team ("Oft sind die scheinbar unwichtigsten Leute am Ende die wichtigsten") treiben in Colin Forbes neuestem Thriller ihr kriminalistisches Unwesen. Ihre Spezialkenntnisse sind gefragt, als Scotland Yard in einem politisch-prekären Fall nicht mehr weiter weiß.
Die Frau des britischen Sicherheitsministers ist seit drei Wochen wie vom Erdboden verschluckt. Der einzige Hinweis auf das plötzliche Verschwinden: ihr verlassener Porsche. Gefunden unweit der kleinen Ortschaft Crapford, dem Zweitwohnsitz des prominenten Ehepaars. Die Befragung ihrer recht zwielichtigen Nachbarn bringt lediglich zutage, dass einer der Bewohner regelmäßig leere weiße Umschläge von einem Motorradfahrer erhält. Erst als ein "zuverlässiger" Informant aus der Londoner Unterwelt brisante Neuigkeiten für Tweed hat, erscheinen die rätselhafte Vorgänge im Dorf in einem ganz neuen Licht.
EIN ANSCHLAG STEHT BEVOR
Ein Terrorakt in der Londoner Innenstadt ist geplant. Er soll den vom 11. September in New York noch in den Schatten stellen. Und alle Zeichen deuten darauf hin, dass den Terroristen in Crapford jemand Unterschlupf gewährt haben muss. Die Entführung seiner engsten Mitarbeiterin und das plötzliche Verschwinden von Zeugen und Verdächtigen geben Tweed schließlich Gewissheit. Hier sind Terroristen am Werk. Doch wo, wann und wie werden sie zuschlagen?
Aus diesen grundsätzlichen Fragen versucht Colin Forbes nun Funken der Spannung zu schlagen. Doch es reicht nur zu einer schwachen Glut, die das Feuer der Phantasie nicht zu entfachen vermag. Das liegt vor allem - aber nicht nur - an der eindimensional angelegten Ermittlungskonstellation. Tweed als klügster Kopf in der Schaltzentrale die Liste der Verdächtigen notierend, seine Untergebenen mit schwerem Geschütz im lebensgefährlichen Einsatz vor Ort.
JEDE MINUTE ZÄHLT
Natürlich ist sein Team der Aufgabe in höchstem Maße gewachsen. Sobald sich ein Talibankämpfer durch seinen "verstohlenen Gang", sein "irres Grinsen" oder den schwarzen Turban verdächtig gemacht hat, wird er in Sekundenschnelle zur Strecke gebracht. Mit Zweifeln oder komplexen Erklärungsversuchen plagen sich Forbes und seine Figuren nicht herum. Sie drängt es zur sofortigen Entscheidung. Denn jede Minute zählt. Merkwürdig nur, dass häufig noch Zeit für ein ordentliches Frühstück oder ein Schläfchen bleibt.
Aber das Tweed & Co. den Terroristen überhaupt Paroli bieten können, verdanken sie in erster Linie dem wirklich unglaublichen Dilettantismus der radikalen Islamisten. Wer seine Gefangenen nicht auf Waffen untersucht und sich mit Krummdolch und schwarzem Turban auf die Lauer legt, hat auch nichts besseres als den Tod verdient. Dass die El Kaida bei ihren Terroranschlägen in den USA wesentlich raffinierter und umsichtiger vorgegangen ist, berücksichtigt Forbes in seinem Roman nicht. Für den mittlerweile 83-jährigen Autoren zählt in erster Linie der heldenhaft patriotische Einsatz seiner Protagonisten. Den weltpolitischen Konflikt reduziert er auf eine blutige Hetzjagd. Der Meister des politisch-ambitionierten Spionageromans, Eric Ambler, würde sich bei der Lektüre dieses Buches im Grabe umdrehen.
"Das Netz" ist wenige Monate nach dem 11. September 2001 in England erschienen. Leider ist Forbes im Eifer des möglichst schnellen und erfolgreichen Publizierens das Gefühl für differenzierte Charaktere, kluge Dialoge und gründlichere Analysen abhanden gekommen.