Als hätten wir es nicht schon immer geahnt. Die Welt wird nicht von Präsidenten und Kanzlern gelenkt, sondern von einer verdeckt operierenden Elite, die ihren Herrschaftsanspruch mit jahrhundertealter rassischer Überlegenheit legitimiert und nötigenfalls mit Gewalt geltend macht. Unbemerkt und unerbittlich ziehen die weltweit einzigen und scheinbar gleichgestellten Eliten aus Europa und den USA die Fäden der Marionette Mensch.
Hinter den Kulissen der Macht scheint alles in bester Ordnung, bis die amerikanische Fraktion ihren Führungsanspruch gegenüber der europäischen mithilfe einer künstlich ausgelösten Massenepidemie (Pandemie) durchsetzen will. Zur gleichen Zeit beauftragen die ahnungslosen Europäer den Meisterspion Ogden damit, die im Besitz der Amerikaner befindliche Lanze von Longines zu stehlen. Ein uralter magischer und angeblich kräftespendender Kultgegenstand, der schon Hitlers Machtphantasien beflügelt haben und nun die Vorherrschaft der Europäer garantieren soll. Von beiden Plänen wissen nur Ogden und sein geheimnisvoller Berliner Geheimdienst. Ein Wissensvorsprung, aber auch ein Fluch für ihn und seine Spionage-Söldner. Schließlich geht es im Wettlauf um die Macht um nichts weniger als um die Rettung der Menschheit.
Wer sich bei diesem Plot nicht an ein Dutzend James Bond-Romane erinnert fühlt, wird zumindest ein Hauch von Dan Browns Thrilleratmosphäre spüren oder das Spiel mit Illusion und Realität aus dem Kinohit "Matrix" wiederentdecken. Doch die Reminiszenzen reichen bis in die unmittelbare politische Gegenwart hinein. In diesem von Liaty Pisani esoterisch verbrämten Endzeit- und Verschwörungsszenario spielt der Konflikt zwischen Europa und den Vereinigten Staaten ideologisch eine zentrale Rolle. Zumindest in der amerikanischen Elite meint man die konservativen Think Tanks und den Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zu erkennen, die den angeblich beschränkten US-Präsidenten zum Weltenbrand anstiften sollen.
Wer sich realiter hinter den italienischen Repräsentanten der europäischen Elite verbirgt, bleibt ebenso undurchsichtig wie die Rolle des gefühlsduseligen Rockstars Hibbing. Der wegen seines musikalischen Genius' mit Mozart verglichene und von allen vergötterte "Künstler" ist dramaturgisch eine reine Fehlbesetzung. Die erzählerisch viel zu breit angelegte Jagd der amerikanischen Elite auf die wegen ihrer politischen Kritik so gefürchteten Rock-Ikone wirkt ebenso überspannt wie das unkonventionelle Eingreifen Hibbings im letzten und entscheidenden Moment. Der Schrecken vor einer künstlich verursachten Pandemie muss angesichts einer solch langatmigen Exposition und eines solch unfassbaren Konfliktverlaufs fast zwangsläufig erlahmen.
Die italienische Bestsellerautorin verstrickt ihre moralisch fragwürdigen Protagonisten in groteske Verschwörungs- und Machtspiele, die umso unglaubhafter wirken, je mehr sie in Beziehung zur realen Weltpolitik gesetzt werden. Pisani vermag die zwei Wirklichkeiten weder in sich stimmig zu konstruieren noch die Unglaubwürdigkeiten geschickt mit der Realität zu verknüpfen. Den Klischees über Geheimbünde sitzt sie dabei ebenso auf wie den oberflächlichen Meinungen über die amerikanische Außenpolitik. All dies hätte vielleicht verschmerzt werden können, wenn wenigstens die typischen Zutaten eines James Bond-Thrillers "Good living, sex an violent action" (Times Literary Supplement) richtig dosiert worden wären.
FAZIT: Spionagethriller ohne politische oder literarische Relevanz.