Der „Wilde Westen“ trägt seinen Namen nicht umsonst – im Amerika der Jahrhundertwende ging es tatsächlich wild zur Sache: Postkutschenüberfälle, Viehdiebe, Betrüger und Erpresser trieben ihr Unwesen; schillernde Figuren wie die Dalton-Bande, Bonnie und Clyde oder Billy the Kid schufen Legenden, die in Balladen besungen und in Filmen dramatisch zugespitzt wurden.
Michael Schulte präsentiert in seinem Buch „Krumm gelaufen!“ knapp zwei Dutzend Kriminalfälle aus dem Amerika dieser Zeit. Ihnen allen ist gemein, daß die Täter irgendwann vom Arm der Justiz gefaßt wurden. Der Autor kennt die Mythen und die Fakten und legt Fall für Fall dar, was wirklich belegt ist und was in den Bereich der Legenden gehört. Daneben schildert er noch einige interessante Hintergründe, etwa die Konflikte der Bevölkerung mit den Eisenbahngesellschaften, die oft dazu führten, daß Eisenbahnräuber große Sympathien in der Bevölkerung genossen.
Haarsträubendes wird da berichtet, von abgerichteten Elstern, die Schmuck aus Hotelzimmern stehlen, von Eisenbahnüberfällen, bei denen statt des Postwagens, wie meist üblich, die Fahrgäste direkt ausgenommen wurden, von einem geheimnisvollen Baron, der den Besitz ganzer Bundesstaaten beanspruchte, oder von einer Witwe, die das Geheimnis ihrer wahren Identität mit ins Grab nahm. Über allem weht ein Hauch von Wildwest, gemischt mit ein wenig Humor, eine Mischung aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Lucky Luke“.
So weit, so gut. Was aber will dieses Buch sein? Eine unterhaltsame Geschichtensammlung? Schultes aufklärerische Absicht, dem Leser bei jedem Fall beizubringen, wie es wirklich war, ist nicht sonderlich unterhaltsam, vielmehr geht die besserwisserische, oberlehrerhafte Art des Autors, das immergleiche Schema „Das ist die Legende, die Sie bislang geglaubt haben, aber das ist natürlich alles Unsinn, denn es war eigentlich so“ dem Leser spätestens beim dritten Fall gehörig auf die Nerven. Und streckenweise ist das Buch dann so langweilig wie ein tagelanger Ritt durch die amerikanische Prärie.
Ist es dann vielleicht eher ein Sachbuch, das Licht in die Kriminalfälle des Wilden Westens bringen soll? Die pedantische Auflistung von Quellen und das Personenregister sprechen vielleicht dafür, dagegen spricht aber die betonte Subjektivität. Schulte sympathisiert offen mit den Tätern, die sich heldenhaft gegen die bösen, bösen Eisenbahngesellschaften stellen, und bezeichnet sie als Genies, Gentleman und dergleichen, oder er macht sich derart unverhohlen über ihr tölpelhaftes Vorgehen lustig, daß man ihn fragen möchte, wie viele Postkutschen er eigentlich schon erfolgreich überfallen hat. Dazu ist seine Sprache oft schnoddrig wie die von Dieter Bohlen. Und wenn er dann noch in einer Geschichte, die eigentlich überhaupt nichts mit diesem Thema zu tun hat, plötzlich die von den Amerikanern getöteten Indianer mit den im dritten Reich ermordeten Juden aufzurechnen, fällt es schwer, ihm die Absicht abzunehmen, ein sachliches, objektives Bild der Geschichten darzulegen. Nein, ein Sachbuch kann es eigentlich auch nicht sein.
Das alles deutet darauf hin, daß es wohl in die Nicht-Fisch-nicht-Fleisch-Kategorie des „Infotainment“ gehört, und tatsächlich könnte man sich eine TV-Version dieses Buches perfekt in die Flut von RTL-Doku-Soaps eingereiht vorstellen. Der Klappentext empfiehlt übrigens einen Whiskey zur Lektüre – und das ist durchaus sinnvoll: auch manche Bücher muß man sich erst schön trinken.