Der Oberlehrer hat das Wort : Von Servicepoint bis unkaputtbar
Was sich hinter diesem launigen Titel verbirgt, ist eine gewaltige, nach allen Regeln der pädagogischen Kunst vorbereitete Unterrichtseinheit. Sie scheint sich an all jene zu richten, die in den Fächern Deutsch und Geschichte nicht aufgepasst haben oder von Haus aus über soviel Sprachgefühl verfügen wie ein Säugling. So bringt uns der Direktor eines Gymnasiums in Baden-Württemberg mit "geschulter" Stimme und viel Geduld die erste und zweite Lautverschiebung nahe, informiert uns über die Herkunft und Bedeutung von Begriffen, die er Abschnitt für Abschnitt in unterschiedlichen Themenbereichen (Politik, Technik, Militär etc.) zusammenfasst.
Sprachwissenschaftliche Betrachtungen über die Dialekte und Soziolekte fehlen ebenso wenig wie gut gemeinte Tipps zum besseren mündlichen und schriftlichen Ausdruck. Und in Fragen des Sprachstils orientieren wir uns am besten an den Ikonen des deutschen Bildungsbürgertums. An Lessing, Wieland, Goethe und Schiller, die sich um die "Erweiterung des Wortschatzes und der Geschmeidigkeit" der deutschen Sprache verdient gemacht haben. Bei Schreiner hört die deutsche Sprachentwicklung anscheinend mit der Epoche der Klassik auf. So als hätte es Jean Paul, Heinrich von Kleist oder Georg Büchner nie gegeben. Von sprachlich originelleren Autoren wie Georg Christoph Lichtenberg ganz zu schweigen.
Doch die meisten der von Schreiner ausgewählten Beispiele stammen gar nicht aus literarischen Texten. Oft sind sie dem gemeinen Volk abgeschaut, dem er erklären will, was jedem von uns da eigentlich Tag für Tag über die Lippen kommt. Und weil der durchschnittliche "Volksschüler" nur durch ständige Wiederholung des Unterrichtstoffes einen Lernerfolg verbuchen kann, wird das etymologisch, semantisch oder grammatikalisch einmal Erkannte vom Autor durch unzählige Beispiele belegt. Ob diese Art der Wissensvermittlung in Form von Aufzählungen und Aneinanderreihungen beim Leser ankommt, ist fraglich. Und Schreiner sagt doch selbst: "Das Fassungsvermögen eines Schülers ist begrenzt."
Eine unterhaltsame Lektüre, wie sie der Klappentext verspricht, ist dies auch aus anderen Gründen nicht. Der gewollt lockere Schreibstil Schreiners verleidet einem das Lesen ebenso wie seine Anspielungen auf Schule und Schüler ("Heute weiß jedes Schulkind, was mit Newton oder Joule bezeichnet wird."). Nur an wenigen Stellen regt seine Darstellung zum Nachdenken und zur Heiterkeit an. Im Kapitel Reinheit der Sprache stellt der Autor eine Reihe von Übersetzungen und Neuschöpfungen vor, die von den deutschen Sprachgesellschaften im 17. Jahrhundert formuliert wurden. Ob das Fenster besser "Tagleuchter" oder das Fieber lieber "Zitterweh" heißen sollte, ist aus sprachkreativer Sicht durchaus eine Überlegung wert.
Kurt Schreiner ist ganz offensichtlich Lehrer für die Fächer Deutsch und Geschichte, wie kleinere historische Exkurse und bildungsbürgerliche Randbemerkungen vermuten lassen. Und leider merkt man fast jedem seiner Sätze und fast jeder seiner rhetorischen Wendungen den eingefleischten Pädagogen an. "Der einfallsreiche Mensch verlässt immer wieder einmal ausgetretene Pfade und versucht sich selbst mit der Sprache", heißt Schreiners Devise, der er - um im Schuljargon zu bleiben - nur "ungenügend" gerecht geworden ist.
FAZIT: Für Junggebliebene, die unbedingt noch einmal die Schulbank drücken wollen.