Moores Embedded Journalists : Verraten und Verkauft – Briefe von der Front
Im letzten Irak-Krieg ließ die Regierung der Vereinigten Staaten Bilder von Särgen gefallener US-Soldaten zurückhalten und kontrollierte mit Hilfe der Embedded Journalists einen Großteil der Informationen, die von der Front in die Welt gelangten; lebend zurückgekehrte Soldaten wurden als Helden empfangen und gefeiert. Was aber empfanden die Soldaten und deren zurückgebliebenen Angehörigen wirklich in diesem Krieg?
Der Autor und Filmemacher Michael Moore, der zuletzt mit seinem Film „Fahrenheit 9/11“ zur Abwahl von Präsident George W. Bush trommelte und mit seiner Rede zur Oscar-Verleihung einen kleinen Eklat auslöste, startete auf seiner Internetseite einen Aufruf: Amerikanische Soldaten aus dem Irak (und anderen Teilen der Welt) mögen ihm ihre Erfahrungen und Botschaften an die Welt per E-Mail zukommen lassen, er würde ihnen einen Stimme geben und ihre E-Mails veröffentlichen. Mit dem vorliegenden Buch löst er sein Versprechen ein.
250 Seiten lang tritt der Autor, der sonst wortgewandt und bissig gegen Regierende und Wirtschaftsbosse agitiert, hinter die Botschaften der Soldaten und ihrer Angehörigen zurück. Dabei geht es jedoch weniger um Erfahrungsberichte aus den Kriegsregionen – vielmehr liest sich der typische Bericht so: „Ich war vorher eigentlich für Bush, und Sie waren mir auch immer ein wenig unsympathisch, aber seit ich Fahrenheit 9/11 gesehen habe, bin ich gegen ihn und werde ihn abwählen.“ Dieses Thema wiederholt sich mit leichten Variationen mehr als einhundert Mal – Moore, der große Erwecker, sonnt sich im Lob der durch ihn erleuchteten.
Den Leser beschleicht dabei das Gefühl, daß irgend etwas an diesem Buch nicht stimmen kann. Es ist schon auffällig – in jedem zweiten Brief berichten die Soldaten von anders gesinnten Kameraden, die Moore hassen, die Bush verehren und ihm bis in den Tod folgen wollen. Es mutet doch extrem unwahrscheinlich an, daß solche Soldaten nie an Moore geschrieben haben – und vielleicht einmal eine Gegenmeinung dargelegt haben. Auch wirken die Briefe leicht zurechtgebogen: zu glatt die Formulierungen (was natürlich auch an den Übersetzungen liegen kann), zu auffällig das Fehlen jeder Ausfälligkeit – bei rund 200 Briefen, die gegen Bush wettern, muß doch auch einmal ein Schimpfwort gefallen sein!
Das ganze läßt leider nur eine Erklärung zu – Moore hat mit diesem Buch sein Mittel zur Schaffung von Fakten überreizt. Seit jeher ist es der Stil des Autors und Filmemachers, nur diejenigen Informationen herauszupicken und darzulegen, die seiner Argumentationslinie zuträglich sind, und die anderen geflissentlich unter den Tisch fallen zu lassen; der Leser und Kinozuschauer weiß das, nennt das eben „satirische Überspitzung“ und amüsiert sich. Nun ist nur „Verraten und Verkauft“ keine Satire, sondern im Grunde ein ernstes Anliegen, gepaart gar mit einer Spur von journalistischem Anspruch.
Darüber, ob der pazifistische Zweck die journalistisch fragwürdigen Mittel heiligt, mag man geteilter Meinung sein, faktisch begibt sich Moore damit aber in eine Linie mit der Politik der Embedded Journalists. So wie diese das Bild transportiert haben, der Irak-Krieg sei nicht viel mehr als eine saubere, professionell durchgeführte Polizeirazzia, bei der statt Drogen in einem Club eben Massenvernichtungswaffen in einer Wüste gesucht werden, will Moore uns dagegen weismachen, daß alle amerikanischen Soldaten Bushs Politik ablehnen und gegen den Krieg sind. Beides schießt vermutlich ähnlich weit an der Realität vorbei.
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Michael Moore Verraten und Verkauft – Briefe von der
Front Übersetzt von Michael Bayer, Karheinz Dürr, Thomas Pfeiffer und
Heike Schlatterer 270 Seiten, Piper Verlag ISBN 3-492-04735-1