Einmal angenommen, das jüngste Buch von dem früheren FAZ Mitarbeiter Uwe Wittstock wäre im Literarischen Quartett vorgestellt worden, es hätte sicherlich einen zumindest wohlwollenden Segen erhalten. Wahrscheinlich wären Worte gefallen wie redlich, gründlich recherchiert, schlüssig im Aufbau, solide in der Darstellung.
Vielleicht hätte es einen kurzen kontroversen Schlagabtausch mit Sigrid Löffler über die Frage gegeben, ob der Gegenstand des Buches, die Person im Mittelpunkt, angemessen dargestellt und gewürdigt worden ist. Als Fazit aber wäre man sich in der Runde einig gewesen, im großen und ganzen sei das Geschriebene richtig, auch wenn manche Akzente durchaus anders gesetzt werden könnten.
Kein Zweifel, Uwe Wittstock hat sich eine der interessantesten Persönlichkeiten der deutschen Kulturszene vorgenommen, aber auch eine der schwierigsten, auch wenn Wittstock als Mitarbeiter in der FAZ- Literaturredaktion nah daran war an seinem einflussreichen Chef. Der gern als Literaturpapst titulierte Kritiker Marcel Reich-Ranicki hat nie wirklich in eine der gängigen Schubladen gepasst. Er hat keine Kontroverse ausgelassen, an seinen Einschätzungen, aber auch an seinem Auftreten und an seinen Ansprüchen scheiden sich bis heute die Geister. Ein ungemein kluger, belesener Mann, der keinen Konflikt scheut und kein Blatt vor den Mund nimmt. Niemand wohl blieb ihm gegenüber gleichgültig oder unbeteiligt. Er forderte heraus, ihn bewunderte, ihn fürchtete man. Ein Verriss von ihm konnte tödlich sein für einen Autor, so wie es ihm mit seiner Macht gelang, Autoren und natürlich auch Autorinnen groß zu machen. Wenn er sich für einen Autor entschieden hatte, wenn er an sein Talent glaubte, dann hat er es für seine Pflicht gehalten, mit allem ihm zugänglichen Mitteln diesen Autor in der deutschen Öffentlichkeit durchzuboxen, heißt es an einer Stelle. Ulla Hahn, Wolfgang Koeppen sind nur zwei Beispiele für die Macht Reich- Ranickis im bundesdeutschen Literaturbetrieb. Er war der Herr über Stirb und Werde, über Aufstieg oder Fall, der bekannteste und kenntnisreichste Literaturkritiker der Bundesrepublik.
Über seine Liebe zur Literatur, über seine Freunde und auch Feindschaften innerhalb der schreibenden Zunft hat er selbst bereits im Jahr 1999 in einer überaus spannenden und bewegenden Autobiographie mit dem Titel „ Mein Leben „ Auskunft gegeben. Für ihn war damit wahrscheinlich alles, zumindest das Wesentliche gesagt. Kindheit in Polen, eine Jugend in Berlin, das Überleben im Warschauer Getto, der endgültige Abschied von den Eltern und Verwandten, die in Auschwitz umkamen. Eine zeitweilige Arbeit in London, für den polnischen Geheimdienst, die allmähliche Abkehr von den Idealen der kommunistischen Partei und der Neuanfang in Deutschland mit einem mühsamen aber unaufhaltsamen Aufstieg in die literarischen Schaltstellen der deutschen Medienlandschaft.
Uwe Wittstock ergänzt die bereits bekannten Fakten mit vielen neuen und vertiefenden Aspekten und würdigt vor allem die entscheidenden Impulse, die Marcel Reich Ranicki mit seiner Arbeit dieser Republik gegeben hat. Der heutige mediale Umgang mit Büchern, die längst selbstverständliche zentrale Rolle der Literaturkritik, all das hat Marcel Reich Ranicki begründet und entscheidend mitgeprägt. Der „Popstar“ der Kritik hat das Bewusstsein der Republik geschärft. Doch wer wie er in bleierner Zeit mit der Literatur für mehr Freiheit und mehr Zivilcourage kämpfte, trug notgedrungen Blessuren davon, so wie auch seine Mitstreiter oder Gegner. Die Debatte um seine Zugehörigkeit zur Gruppe 47, öffentliche Auseinandersetzung mit Schriftstellern wie Heinrich Böll oder Martin Walser, Konkurrenzkämpfe mit Fritz J. Raddatz, Freundschaft und Entfremdung mit Walter Jens- Uwe Wittstock hat jeden dieser Aspekte gründlich beleuchtet und belegt. Er stützt sich auf bisher unveröffentlichte Korrespondenz, auf Gespräche mit Weggefährten und Schriftstellern. In seiner Darstellung nimmt er einige Korrekturen an der vor allem von Tilmann Jens veröffentlichten Meinung über Marcel Reich Ranicki und seine zeitweilige Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst vor. Vor allem aber wirkt Uwe Wittstock auf eine angenehm ehrfürchtige und dennoch nicht devote Haltung für Verständnisgegenüber der scheinbar unbeugsamen Haltung, die Marcel Reich- Ranicki im Lauf seiner beruflichen Karriere eingenommen hat. Für Wittstock ist Habitus und Härte darauf zurückzuführen, dass der Porträtierte Zeit seines Leben um die Zugehörigkeit, genauer gegen die Ausgrenzung gekämpft hat. In einem Interview hat er einmal geäußert, er habe sich immer gegen die antisemitische Propaganda wehren müssen, so sei bei allem was er tue auch Trotz im Spiel.
Diesen Trotz, dieses Beharrungsvermögen und diese immense Kraft, die Marcel Reich- Ranicki in einem langen arbeitsintensiven Berufsleben an den Tag gelegt hat, würdigt Uwe Wittstock in einem spannend geschrieben, sehr lesbaren Buch.
Einmal angenommen, es gäbe noch diese wunderbar puristische Fernsehform des Literarischen Quartetts, wir würden nach der Lektüre dieser Biographie mit ganz anderen Augen und Ohren auf die messerscharfen Worte des Kritikers reagieren.