David K. Shipler The Working Poor Invisible in America Crown Publishing Group 336 Seiten, gebunden ISBN 0-375-40890-8
Das unsichtbare Amerika- The Working Poor
Was ist beispielsweise von einer großen Supermarktkette zu halten, die lieber bunte Ballons in ihren Warenhäuser aufhängt als ihren Mitarbeitern eine geringe Lohnerhöhung in Aussicht zu stellen? Ein Abteilungsleiter von WalMart diktierte David K. Shipler direkt in die Feder, dass der Gewinn sicher noch groß genug ist, wenn man einigen Mitarbeitern die geringen Löhne um einen Dollar pro Stunde anhebe. Im Gegenzug könne man sich aber dann einige Dekorationen nicht mehr leisten.
Sein Unverständnis darüber und viele Unannehmbarkeiten finden sich in David K. Shiplers The Working Poor. In den Jahren 1999-2003 besuchte er mehr als 12 Amerikaner, die am Rande des Existenzminimums arbeiteten, viele mit mehr als zwei oder drei Jobs um überhaupt über die Runden zu kommen. Eine Krankenversicherung hat keiner von denen, wie weitere knapp 42 Millionen Amerikaner in einem Land, in dem sich stets der Mythos hält, es vom Tellerwäscher zum Millinär zu bringen.
Für einige mag dieser Traum in Erfüllung gegangen sein, die Mehrheit der Amerikaner hält sich jedoch mit unterbezahlten Jobs über wasser, die gerade für die Miete in einer heruntergekommenen Gegend und billigen Lebensmitteln reicht.
Shipler verschweigt aber auch nicht, dass viele der Interviewpartner an ihrem Elend selbst schuld sind. Von einigen Ausnahmen abgesehen, die einen Ortswechsel von mehreren Hundert Kilometern auf sich nehmen um einen besser bezahlten Job (80 Cent mehr pro Stunde) anzunehmen, klagen einige über zu wenig Geld, geben aber Unmengen für Telefonate, Kabelfernsehen und Rockkonzerte aus, wo eine Karte schnell einmal 160 Dollar kostet.
Der Autor ist auf der Suche nach den "unsichtbaren" Armen in Amerika, die trotz Job(s) keine Möglichkeit haben, auf einen grünen Zweig zu kommen. Ob Caroline, die sich eine 250-ollar-Reperatur ihres Gebisses nicht leisten kann und daher keinen besser bezahlten Job bekommt, Wanderarbeiter aus Mexiko, zusammengepfercht in Barakken oder Näherinnen aus Vietnam, die in Los Angeles Kleider für Designer zu einem Hungerlohn fertigen, deren Endpreis die Produktionskosten um das Hundertfache übersteigt.
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Finanzielle Notlagen nutzen andere aus. Dubiose Finanzdienstleister gewähren einen Vorschuss auf die sichere Steuerrückzahlung - Bearbeitungsgebühr 50 Dollar für das Vierfache in bar. In Amerika, wo der Konsum vergöttert wird bekommen selbst Kunden mit äußerst schlechter Bonität von Banken und Kreditinstituten einen Dispokredit eingeräumt bei bis zu 24 % Zinsen pro Jahr.
Fazit: Shipler bietet mit The Working Pooreinen lesenswerten Einblick ins "unsichtbare" Amerika. Gekonnt wird Pro und Contra der Clinton-Ära beleuchtet, denn kurz nach dem Präsidentschaftswechsel begannen seine Untersuchungen und Interviews. Es ist zugleich auch eine Anklage an die Regierung von George W. Bush, die die Kindergeld-Pauschale für viele Familien mit einem Einkommen unter 26.625 Dollar strich und die kostenlosen Schulspeisungen weiter einschränkte. Und es zeigt die Hoffnung vieler, doch noch eines Tages zu Wohlstand zu kommen.