Spätestens seit dem 11. September zittert die westliche Welt vor der Gefahr, die von Bin Laden und Co. ausgeht. Terroristen, Fundamentalisten und die Achse des Bösen sind zu Schlagworten im öffentlichen Disput geworden. Höchste Zeit, den Vorurteilen auf den Grund zu gehen…
Michael Lüders erste Begegnung mit Arabien waren die Romane von Karl May. Seine zweite die mit der Polizei, als er als Student arabische Literatur in Damaskus studierte. Was folgte war der lange, schmerzhafte Prozess, die Realität mit dem Wunschbild in Einklang zu bringen. Dass es ihm gelang, führte zu einer lebenslangen Freundschaft zwischen einem Europäer und einem fremden, unbegreiflichen Land.
Und unbegreiflich ist es, das macht Lüders literarische Dokumentation sehr deutlich. Der Leser wird mit Menschen und Schauplätzen konfrontiert, die sich in kein Klischee pressen lassen. Und natürlich legt der Autor den Finger bewusst auf die Reizthemen, die die Presse und den Stammtisch heutzutage gleichermaßen bewegen. Ist der Ganzkörperschleier Demütigung oder Freiheit, was bringt die Menschen dazu, zu Selbstmordattentätern zu werden, und muss Toleranz dem Nahen Osten gegenüber gleich zu Antiamerikanismus führen?
Der Autor wirft Fragen auf, doch auch er selber kennt nicht immer die passenden Antworten. Und das ist gut so, denn es verhindert, dass aus der Berührung mit der fremden Kultur die dogmatische Missionierung eines besserwisserischen Gutmenschen wird. Solche Bücher gibt es leider zur Genüge, so dass Im Herzen Arabiens ist eine erfreuliche Ausnahme von der Regel darstellt. Auch wenn der Autor es nicht immer verhindern kann, polemisch zu werden, macht er diese Ausrutscher wett, indem er ein farbenfrohes, sensibles Bild der fremden Kultur zeichnet, das Ägypten, den Sudan, Saudi-Arabien abdeckt und die Vergangenheit ebenso streift wie die Gegenwart und Zukunft.
Dabei legt Lüders keinen Wert auf eine chronologische Geschichtsstunde oder einen geographisch geordneten Streifzug. Für einen Leser, der mit den Fakten nicht vertraut ist, führt das zwar bisweilen zu leichter Verwirrung, doch die Intention des Buches wird nichtsdestotrotz erfüllt. Es weckt Neugier auf einen fremden Kontinent und seine Menschen, die ihre Sehnsüchte und Aggressionen haben, wie jeder andere auch.
Fazit: Bunte Streiflichter auf eine andere Kultur - stimmt nachdenklich und macht Spaß.