1967 erblickte in der Nähe von Seattle ein Junge namens Kurt Cobain das Licht der Welt. Im Jahr 1994 beendete er sein Leben mit einem Kopfschuß, wiederum in Seattle. Dazwischen lagen 27 Jahre Musikerdasein, der kometenhafte Aufstieg einer Garagenband zu global gefeierten Superstars, Drogensucht, Platinauszeichnungen und Hymnen für eine ganze Generation Heranwachsender.
Cobains Musik, die er mit seiner Band Nirvana aufnahm, prägte die Musikwelt. Im Fahrwasser von Nirvana wurden der "Seattle-Sound" und der Grunge-Stil in den Medien ausgewalzt, bekamen Bands wie Pearl Jam oder Soundgarden internationale Aufmerksamkeit, die ihnen sonst womöglich nie zuteil geworden wäre. Mit kryptischen Texten und brachialen, mal wilden, mal düsteren Gitarren-Klängen erspielten sich Nirvana ein Millionenpublikum, obwohl oder gerade weil ihre Musik wie das genaue Gegenteil der gefühlsarmen, steril produzierten Popmassenware der Neunziger klang. Als sie auf dem Höhepunkt ihres Ruhms in New York ein später weltberühmtes Unplugged-Konzert für MTV spielten, wirkten Song-Auswahl und Bühnen-Dekoration im Nachhinein fast wie eine vorgezogene Begräbnisfeier für Cobain.
Nun, im Jahre 1994, jährt sich sein Todestag zum zehnten Mal, neben dem vorliegenden Buch wurde bereits im letzten Jahr ein Best-Of-Album herausgebracht; zahlreiche tagesfüllende Sondersendungen im Musikfernsehen halten das Mysterium Cobain aufrecht. Denn wie alle jung und durch eigene Hand gestorbenen Rockstars umgibt auch ihn ein Hauch des Mystischen, es gibt dutzende Theorien, was einen jungen Mann auf dem Gipfel des Erfolges dazu bringt, Frau und Kind hinter sich zu lassen und seinem Leben mit einem Schrotgewehr ein Ende zu setzen.
Da gibt es solche, die sagen, der Selbstmord sei eine Folge des Drogenmißbrauches gewesen. Andere, die zu wissen glauben, Cobain habe den Erfolg und den Rummel um seine Person nicht ausgehalten. Und wieder andere sagen gar, der Selbstmord Cobains sei in Wirklichkeit ein Mord gewesen, in Auftrag gegeben von seiner Witwe Courtney Love – einem Dokumentarfilm über diese Theorie folgte Ende der Neunziger ein Rechtsstreit zwischen Love und dem Filmproduzenten. Solche Mysterien verkaufen eben Bücher wie dieses, Bücher, die versprechen, genau dieses Mysterium aufzulösen.
Doch genau das tut dieses Buch nicht. Es handelt sich um eine Sammlung von Kopien von Briefen, Notizen und Zeichnungen, die in der originalen Handschrift abgedruckt und mit Anmerkungen versehen übersetzt sind. Vieles davon ist erstaunlich banal – Cobain schreibt über die Reaktionen von Besuchern auf seine Konzerte, von seinen Ideen für Nirvana-Songs, zeichnet T-Shirt-Entwürfe und schreibt seine Eindrücke von Konzerten anderer Bands nieder. Man beobachtet, wie sich aus Textfragmenten langsam die endgültigen Songtexte schälen; eine Interpretationshilfe bietet Cobain dagegen nie an. Darüber hinaus erhält man erstaunlich wenig Einblick in seine Gefühlswelt – nur wenige Seiten sind wirklich tiefgründigen Gedanken gewidmet.
Das wiederum läßt zwei mögliche Schlüsse zu. Entweder hat Cobain tatsächlich größtenteils nur Banales in seinen Tagebüchern niedergeschrieben, oder man hat für die Veröffentlichung, der vor der Textauswahl durch den Verlag ja bereits eine Vorauswahl durch Courtney Love vorausgegangen ist, gezielt nur solche Texte herangezogen. Aus Marketing-Gesichtspunkten wäre das durchaus verständlich, denn schließlich würde eine Entzauberung des Mysteriums die kultische Verehrung für Nirvana –sogar durch die heute junge Generation, die den Erfolg der Band nicht mehr selbst miterlebt hat – letztlich die bis heute hohen Platten- und Merchandise-Artikel-Verkäufszahlen eindämmen.
So aber bleibt das Mysterium Cobain am Leben, werden weiter Legenden gesponnen und Interpretationsversuche seiner Texte gestartet; die Musik Cobains bleibt unsterblich. Auf dieses Buch dagegen kann man getrost verzichten und das Geld statt dessen in ein Nirvana-Album investieren.
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Kurt Cobain Tagebücher Herausgegeben und aus dem
Amerikanischen übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann 320 Seiten,
Fischer Taschenbuch Verlag ISBN 3-596-16016-2