Jeanne Andrejew war der einzige weibliche Navigator auf einem Blockadebrecher während des Krieges. Doch dann soll sie desertiert sein, heißt es und wurde zur Schmugglerin. Jetzt taucht sie auf Jargus, einem abgelegenen Planeten wieder auf. Und läuft ausgerechnet Kommandant Strogoff in die Arme, dessen Sohn durch Andrejews Fehler sterben musste. Strogoff lässt sie verhaften.
Aber als es zu unerklärlichen Computerausfällen auf der Station kommt und der Kommandant Sabotage vermutet, sieht er sich gezwungen mit der Schmugglerin zusammen zu arbeiten. Sie ist die einzige, die wirklich profunde Kenntnisse über Computer und Hacker besitzt. Mit der Aufklärung wird auch der junge Kommissar David Woolfe betreut, der sich in seinem ersten Auftrag bewähren soll. Woolfe verliebt sich wider Willen in die Schmugglerin.
"Er machte zwei lange Schritte und deutete auf die beiden Soldaten. [...] ‚Vielleicht hätte ich nach dem Krieg doch bei der Flotte bleiben sollen. Dann bräuchte ich auch nur mit dem Passierschein zu winken.' Nein. Er sollte nicht versuchen, Witze zu machen, wenn er eben an Sarah gedacht hatte. Zum Glück stellte Stanis nie forschende Fragen. Auch jetzt sah er David nur kurz an, als müsste er seinen Gemütszustand einschätzen, dann lächelte er: ‚Mit dem Kommandanten hättest du es dann bestimmt auch leichter.' Da haben wir's wieder, dachte David. ‚Woher weißt du das? Ich denke, du kennst diesen Strogoff auch nicht?' ‚Seine Hinweise für Besucher klingen so unfreundlich. Wahrscheinlich hält er es mit Admiral Cuyper. Alle Zivilisten sind potentielle Anarchisten.' "
Jede Person erhält in der ersten Hälfte ihre eigene Geschichte, die nach und nach in den Szenen enthüllt und miteinander verknüpft werden. Das verhilft den Personen zu einer Authentizität, wie man sie in wenigen Romanen findet. Flugverbot lebt von seinen Figuren und die Figuren leben durch die Fähigkeit der Autorin, Personen durch ihre Handlungen zu charakterisieren.
Selbst der Stationskommandant gewinnt ein eigenes Gesicht. Er ist nicht die Person, die man sich als Nachbar wünscht oder die sympathisch wäre - sympathisch zu sein, ist vermutlich das Letzte, das er anstrebt - aber er ist ein Mann mit eigenem Gesicht, nicht der typische Bürokrat und Militärstiefel, als den ihn viele Autoren zeichnen würden. Da zeigt sich, wie wichtig es ist, auch Unsympathen ernst zu nehmen. Groß ist die Versuchung für einen Autor, hier statt einer Person einen Typ zu schaffen.
In der ersten Hälfte fließt der Roman ruhig dahin. Ein typischer Krimifan würde sich hier vielleicht mehr Action wünschen. Ich fürchte aber, dass der Text dann das, was er an Handlung gewinnen, an Charakterisierung und Setting verlieren würde, beides ebenfalls Elemente, die Spannung erzeugen, wenn auch ganz anderer Art. Und trotz des ruhigen Anfangs schlägt der Text einen bald in Bann und man kann das Buch nicht mehr aus der Hand legen.
Flugverbot erinnert an Asimovs SF Krimis, Asimov weiß die Handlung sicher besser voranzutreiben. Was die Charakterisierung der Personen angeht, ohnehin nicht Asimovs starke Seite, kann er Barbara Slawig nicht das Wasser reichen. Auch "Fräuleins Smillas Gespür für Schnee" fällt mir ein, vielleicht, weil Jeanne Andrejew, die Schmugglerin, Fräulein Smilla sehr ähnlich ist.
Nicht nur mich hat Flugverbot begeistert. Andreas Eschbach ("Das Jesus Video", "Der letzte seiner Art") schreibt über den Roman: "Hier wird eine zukünftige Welt geschildert, die man sehen, anfassen, riechen kann, bevölkert wahrhaftigen, lebendigen Menschen. Ich halte Barbara Slawig für eine der ganz großen Hoffnungen der deutschsprachigen Science Fiction."
"Die lebenden Steine von Jargus" ist kein typischer SF Roman, der sich mit anderen ins Regal der Bahnhofsbuchhandlungen stellen ließe und dort einen vorhersehbaren Umsatz erzielt. Er passt sicher auch nicht in das Krimiregal, Krimifans ohne Sinn fürs Phantastische würden ihn enttäuscht beiseite legen. Obwohl er eine faszinierende Liebesgeschichte enthält, kann ich ihn mir auch nicht unter den Liebesromanen vorstellen und dass viele Literaturfans sich bei SF immer noch mit Grausen abwenden, versteht sich von selbst. Vom ökonomischen Standpunkt ist der Text ein Hochsicherheitsrisiko. Umso erfreulicher, dass er jetzt doch noch als Taschenbuch erschienen ist.
Über die Autorin:
Barbara Slawig ist promovierte Biologin, arbeitete am MPI für molekulare Genetik und kehrte 1986 der Wissenschaft den Rücken. Seitdem lebt sie in Berlin als Tai-Chi Lehrerin, Übersetzerin und Autorin.