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Gesichter der Gewalt PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Heiko Paulheim, am 31-01-2003 08:10
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Hier bestellen!Der dreizehnjährige Bobby ist aufgewachsen in der South Bronx, einer Welt von Armut, Dreck und Gewalt. Bobby ist schwarz, seine Freundin Maria Lateinamerikanerin, eine Verbindung, die einigen Jungen aus Marias Umfeld nicht paßt. Auf dem Weg zur Schule lauern sie die beiden auf, schlagen Bobby zusammen und attackieren Maria brutal mit Säure.

Bobby kann sich retten, schleppt sich durch die Straßen von New York, wo er schließlich von einem alten Mann gefunden wird, der ihn mit in sein Zuhause nimmt. ein dunkles, aber luxuriös ausgestattetes Kellerversteck irgendwo im Untergrund von New York. Der alte Mann, der sich als Moishe vorstellt, verarztet Bobby, gibt ihm zu Essen und ein Bett.

Während Bobby mehrere Wochen bei dem seltsamen alten Mann verbringt, geht das Leben in New York weiter - Bobbys Mutter kann die allgegenwärtige Ungewißheit darüber, was ihrem Sohn zugestoßen ist, kaum verdrängen, und Maria leidet so stark unter den Verbrennungen und der Vorstellung, komplett entstellt zu sein, daß sie sich mit einem Sprung aus dem Krankenhausfenster das Leben nimmt.
Als Bobby vom Tod seiner Freundin erfährt, nimmt er sich fest vor, Rache zu nehmen an der Gang. In seinem unterirdischen Refugium sammelt er Stärke im Krafttraining und wartet sehnsüchtig auf den Tag, an dem er stark genug sein wird, seinen Feinden gegenüberzutreten.

Diese Entwicklung beobachtet Moishe mit Sorge, und so erzählt er Bobby seine Lebensgeschichte, die mit seinem Leben als Werner Schultz in Deutschland beginnt. Als sein Geschäftspartner Schultz loswerden will, steckt er den Nazis kurzerhand die fingierte Meldung zu, daß dieser ein Jude sei. Schultz, der von seinen jüdischen Mithäftlingen "Moishe" getauft wird, überlebt das Konzentrationslager und beginnt ein neues Leben in den Vereinigten Staaten. Doch auch dort macht das Schicksal keinen Halt vor ihm - sein Sohn fällt im Vietnam-Krieg, kurz darauf stirbt seine Frau.

Moishe muß zu seinem Leidwesen mit ansehen, wie sich Bobby zwar seine Geschichte anhört, aber seine Botschaft, daß der Haß ihn nur zerstören wird und daß er nur in der Vergebung seinen Frieden finden kann, nicht verstehen will. Statt dessen verfolgt er weiter seinen Racheplan...

Auch Selby möchte uns diese Botschaft mitgeben - daß Haß nicht nur die gehaßten, sondern in erste Linie auch den Hassenden selbst zerstört. Doch hätte es dazu nicht auch weniger getan? Bandenkrieg zwischen Schwarzen und Hispanics, Nazi-Deutschland, Vietnam-Krieg - das alles zusammen wirkt etwas zu stark aufgefahren. Und daß Selby dann - anders als in seinen früheren Romanen - auch noch eine Art Happy End aus dem Hut zaubert, scheint dann wirklich etwas zu viel des Guten.

Dabei hätte man die Botschaft auch ohne so viele Klischees herüberbringen können - die Charaktere wirken tief, echt, glaubhaft, und auch der Konflikt zwischen Moishe als Mann, der seinen Frieden gefunden hat, und Bobby als Jungen, der sein Heil in Ehre und Vergeltung sucht, ist scharf herausgearbeitet. Außerdem hat das Buch seine bewegendsten Momente gerade dann, wenn der Autor über banalen Alltag anstelle großer Weltgeschichte schreibt, etwa, als Bobbys Mutter mit einem wildfremden Mann schläft, damit der ihren Fernseher repariert - Selbys Stärke bleibt, wie schon in "Requiem for a Dream" oder seinem Kult-Erfolg "Last Exit to Brooklyn", der Schrecken, der hinter der Fassade des Alltäglichen lauert.

Über all dem aber schwebt Selbys grandiose Sprache (zumindest im englischen Original), die in weiten Teilen wirkt, als hätte er das Buch in einem Rausch geschrieben - Gedankengänge ziehen sich ohne Punkt und Komma über Seiten, die rauhe Sprache der Straße stellt sich gegen die sanft-poetischen Worte des Erzählers - ein Rausch, der den Leser mitreißt in die Geschichte hinein und ihn hinwegsehen läßt über die Häufung von Klischees.


Hubert Selby
The Willow Tree
Bloomsbury Paperbacks, 280 Seiten
ISBN 0-7475-4244-9



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    Letztes Update: 31-01-2003 08:10

    Veröffentlicht in : Buch, Fremdsprachen
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