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Siebenschläfer
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Wie das Meer, so weit - 2008/06/30 10:24 Wie das Meer, so weit

Das gleichmässige Dröhnen des Motors hatte eine einschläfernde Wirkung und Hans verfiel, wie so oft beim Pflügen, in einen Dämmerzustand, automatisch Gaspedal und Kupplung bedienend. Wenn er die Augen leicht zusammenkniff, wurden die Konturen unscharf, verschwamm alles und fügte sich zu einem unwirklichen Gemälde, in welches die noch tief stehende Sonne funkelnde Lichtreflexe zauberte. Bereits konnte er sich vorstellen, wie das Land – sein Land – in einigen Wochen aussehen würde. Getreide, wohin das Auge blickte, wogende Ähren, die sich im Sommerwind wiegten. Noch lag der Boden nackt vor ihm, ungeschützt, ihm ausgeliefert. Bald würden sich die Verhältnisse ändern. Das Feld, kurz vor der Ernte, würde einem Meer gleichen, unendlich, wenn man sich mitten drin befand, ohne Anfang, ohne Ende.

Als kleiner Junge hatte er sich einst darin verlaufen und aufgrund seiner noch geringen Körperhöhe völlig die Orientierung verloren. Den halben Nachmittag war er umhergeirrt, die wachsende Angst niederdrückend, mit zusammengebissenen Zähnen. Er hatte sich gefühlt wie ein Schiffbrüchiger ohne Aussicht auf Rettung. Reiner Zufall war es gewesen, dass er wieder zum Hof gefunden hatte, zur rettenden Insel, und sein Leben lang würde er sich an die Panik erinnern, die ihm damals den Atem genommen hatte, an seinen zugeschnürten, schmerzenden Hals. Keinem Menschen hatte er von seinem Missgeschick erzählt, denn sein Vater hatte ihm streng verboten, zu nahe ans Getreide zu gehen. Seine Mutter hatte sich gewundert, als er während der darauffolgenden Nächte unruhig schlief und unverständliche Laute von sich gab, doch sie schrieb es seinem übermässigen Wachstum zu, denn es war der Sommer, in welchem sie ihm zweimal die Hosenbeine verlängern musste.

Im rechten Augenwinkel sah er den Hof vorbeiziehen, ruhig, majestätisch, wie eins dieser riesigen Kreuzfahrtschiffe, die er im Fernsehen gesehen hatte. Wie es wohl wäre, auf dem richtigen Meer? Wasser, nichts anderes, bis zum Horizont? Hans öffnete schnell die Augen, um sich zu vergewissern, dass es nicht Wasser, sondern solide Erde war, die ihn umgab. Er blickte zurück und lächelte beim Anblick des kleinen Weilers, den sein Gehöft bildete. Nur wenige Stunden noch, dann würde er dorthin halten. Er würde vom Traktor steigen, seine steifen Glieder strecken, sich am Brunnen erfrischen und dann in die gemütliche Stube treten, wo Martha, seine Frau, mit dem Essen auf ihn wartete. Tief sog er die Luft ein, und mit ein bisschen Fantasie konnte er neben der würzigen, erdigen Luft den Duft eines Brathähnchens riechen.

Das Meer hatte Hans noch nie gesehen, und es war ihm recht so. Auf dem Land, das seit Generationen seiner Familie gehört hatte, fühlte er sich wie ein Fisch im Wasser, und solange er seine Insel nicht aus den Augen verlor, war alles gut.

Beitrag bearbeitet von: Siebenschläfer, um: 2008/07/02 11:14
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Juni
Redaktion 2008/06/03 15:07
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Zabaione 2008/06/08 19:32
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Agemo 2008/06/14 21:50
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miklos_muhi 2008/06/19 20:31
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Redaktion 2008/06/30 10:19
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Siebenschläfer 2008/06/30 10:24
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Phineas 2008/06/30 18:53
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