Agemo
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 Grünschnabel
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Re:Mai - 2008/05/30 17:03
Eine Nacht zum Meer
Es gibt Nächte, die sind magisch. Sie kommen unerwartet, schleichen sich in dein Leben und flüstern zu dir. Du musst nach ihnen greifen, sonst sind sie wie der sagenumwobene Gott Kairos mit seinem goldenen Schopfe auch schon wieder fort. Die meisten Menschen sind zu langsam und verpassen ihre Gelegenheit. Heute vor einem Jahr hatte ich genau so eine Nacht. Sie hieß Lea: „Lass uns zum Meer fahren! Wenn wir uns abwechseln, dann können wir noch den Sonnenaufgang sehen.“ Das war Lea! Sie konnte gerade vollkommen alltäglich sein, den Abwasch erledigen, und plötzlich zeigte sich dieses Funkeln in ihren grünen Augen. „Zum Meer fahren? Warum?“ Meine Rolle war es, ganz einfach solche saublöden Fragen zu stellen. Wahrscheinlich steigerte ich damit sogar ihre Lust auf ein Abenteuer.
Die Autoscheinwerfer gruben sich in die Dunkelheit und die Fahrbahnmarkierung sauste monoton unter dem Fahrzeug her, um wieder in der Nacht zu verschwinden. „So ist das Leben. Wie ein einzelner weißer Streifen auf der Autobahn.“ Ich blickte kurz zu Lea. Sie nahm einen Schluck aus der Colaflasche und strich eine blonde Strähne zurück. „Wie ein weißer Streifen?“ „Ja, Henry! Wie ein gottverdammter weißer Streifen! Sie sehen alle gleich aus, laufen Glied in Glied und sind so schnell wieder fort wie sie erschienen sind. Es ist alles so sinnlos. Henry, wenn wir nicht aufpassen, dann enden wir im Leben genau hier.“ Danach schwieg Lea. Auch ich sagte kein Wort. Wir fühlten uns. Es war DER Moment. Der richtige Moment. Wir wussten es beide und schwebten über diesen vielen, unzähligen weißen Streifen bis zum Meer.
„Wann geht die Sonne auf?“ Lea und ich hatten die Zeit vergessen und tatsächlich einen einsamen Strand irgendwo an der Nordsee gefunden. Es war gerade Flut und es war perfekt so. Ich blickte auf meine Uhr. „In einer halben Stunde vielleicht.“ Lea nickte. Wir setzten uns ans Wasser. Der Sand war feucht, wir froren beide, doch das war egal. „Wir sind angekommen.“ Lea nahm meine Hand. „Bist du sicher?“ fragte ich. „Ja. Wir sind hier. Also sind wir angekommen.“
Die Sonne erschien schneller als erwartet und wir sprangen beide auf, als der Horizont in ein Flammenmeer eintauchte. „Was tun wir jetzt?“ Ich musste an die lange Fahrt hierher denken. Mein Körper fühlte sich schwer an. Das war typisch für Lea. Sie dachte niemals an den Rückweg. Es gab für sie immer nur dieses eine Ziel und warum sollte man zurückkehren, wenn alles erreicht war? „Ich weiß nicht, was wir jetzt tun sollten. Sag du es mir. Ich wollte nur die Sonne über dem Meer sehen. Wir sind hier, Henry.“ Sie hatte Recht. Wir waren hier. Hier am Meer. Und der Himmel brannte.
„Bist du glücklich?“ Es war eben dieser verrückte Augenblick, der mir diese Frage schenkte. Ich möchte gar nicht daran denken, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht mit Lea ins Auto gestiegen wäre. Ein einsamer weißer Fahrbahnstreifen auf dem Weg zum Meer wahrscheinlich, ohne jemals anzukommen. „Ja. Ich bin glücklich.“ Lea ließ sich nach hinten in den Sand fallen. Ich fiel mit ihr. „Dann heirate mich!“ Lea drehte ihren Kopf zu mir und lächelte. „Du hast es verstanden“, sagte sie.
Beitrag bearbeitet von: agemo, um: 2008/05/31 18:11
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