vinyaromeniel
Benutzer
 Grünschnabel
| Beiträge: 1 |   | Karma: 1
|
Der Traum vom Jubeln - 2008/05/15 18:55
Die Julisonne spiegelte sich in den unzähligen Autos und erzeugte so eine Helligkeit, die mit ungeschützten Augen kaum ertragbar war. Markus hatte versucht die Autos zu zählen, bei 200 hatte er aufgegeben. Auf diesem Parkplatz stand wohl jedes Modell, das jemals gebaut wurde, in allen möglichen und unmöglichen Farben und Formen. Es kam ihm vor wie eine Ausstellung, ein Gebrauchtwagenmarkt gemischt mit einem Museum. Er schüttelte den Kopf, dass sich manche Menschen trauten mit solchen Blechbüchsen noch rum zu fahren. Der Wind frischte auf und das Stimmengewirr vieler Menschen drang an sein Ohr. Es wurde lauter, änderte sich von Jubelrufen zu Buhrufen, wurde ruhiger. Es musste ein spannendes Fußballspiel sein, das war sicher. Als der Wind abebbte, verstummten auch die Rufe, stattdessen konnte er einem Vogelpaar dabei zuhören, wie sie in den höchsten Tönen miteinander stritten. Oder unterhielten sie sich nur? Markus war kein Vogelkenner, aber er hörte gerne dem Gesang der Vögel zu. Er verwandelte diese Blechwüste in eine Idylle. Wenn er die Augen schloss und sein Gesicht in die Sonne hielt, hatte er fast das Gefühl allein auf dieser Welt zu sein. Der Wind streichelte sein Gesicht und ließ ihn beinahe vergessen, dass um ihn herum nichts außer Autos und Betonstraßen waren. Erneutes Jubeln, diesmal um einiges lauter als vorher, drang an Markus’ Ohr. Ob wohl ein Tor gefallen war? Er hatte noch nie ein Stadion von innen gesehen, aber es musste toll sein, mitten in der Menge zu stehen und mit seiner Mannschaft um den Sieg zu kämpfen. Er stellte sich vor, wie er eine dieser vielen Stimmen war, die laut jubelten, wenn es zum Torschuss kam und frustriert seufzten, wenn das Tor von der gegnerischen Mannschaft geschossen wurde. Dabei hatte er nicht einmal eine Lieblingsmannschaft. Er kannte nicht einmal die Regeln. Eigentlich mochte er Fußball gar nicht, aber einmal mit über 30.000 anderen Menschen in so einem Stadion zu sein, das musste einzigartig sein. Der Klang der Stimmen hatte sich geändert. Das Brummen eines Motors durchschnitt die Idylle und riss Markus aus seinen Gedanken. Seufzend streifte sich Markus die orange Sicherheitsweste über. Er griff nach der Kelle, die um seinen Hals gebaumelt hatte, und erhob sich aus seinem Klappstuhl. Er stellte sich mitten auf die ihm am nächsten liegende Kreuzung und rückte noch einmal seine Weste zurecht. 30.000 Menschen… Und alle wollten jetzt nach Hause. Wie viele Autos er heute heil aus seinem Parkplatz ordern musste? Vermutlich mehr als 200. Die ersten Autos erreichten seine Kreuzung. Noch war alles ruhig. Wer wohl vorzeitig das Stadion verließ, nur um in Ruhe den Parkplatz verlassen zu können? Er hätte in die Autos schauen können, doch die Sonne spiegelte so sehr, dass er trotz Sonnebrille kaum etwas sah. Noch einmal atmete Markus tief die Juliuft ein. Noch roch es nach Heu, dessen Geruch der Wind von den Feldern hier her getragen hatte. Doch bald, wenn das Stimmengewirr von 30.000 Menschen bei ihm angekommen war, wenn 30.000 Menschen in ihre Autos aus allen möglichen und unmöglichen Farben und Formen gestiegen waren und den Parkplatz verlassen wollten, dann wäre die Idylle des Hochsommers vorbei. Heugeruch würde abgelöst werden von Benzingestank. Die Symphonien der Vögel würden übertönt von dem schrillen Hupkonzert hunderter Autos und die Apathie des Hochsommers würde der Hektik von 30.000 Menschen weichen. Doch Markus ignorierte es. Nächstes Jahr, vielleicht nächstes Jahr würde er IN einem der Autos sitzen und würde in das schrille Hupkonzert mit einstimmen, denn dann wäre er eine dieser Stimmen, die im Stadion jubelte, seufzte und buhte.
Beitrag bearbeitet von: vinyaromeniel, um: 2008/05/27 12:40
Beitrag bearbeitet von: Vinyaromeniel, um: 2008/05/31 21:14
|