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Re:März - 2008/03/24 21:56
Allein im Meer
Seine Finger krallten sich um die rostige Reling. Metallsplitter schnitten in seine Handflächen. Der Sturm riss an seinen Haaren. Er schaute auf den Horizont. Eine dünne graue Linie, die den Himmel kaum vom Meer zu trennen vermochte. Überall nur Wasser. Unvorstellbare Mengen an Wasser. Er wagte es nicht hinter sich zu schauen. Wollte nie wieder die Gebäude sehen. Das Wellblech. Den Bohrturm. Die ölverschmierte Plattform. Für ihn gab es nur noch die Welt vor ihm. Die Welt, die das Meer war. Die überflutete Welt. Unter ihm kochte das Meer. Der Sturm rüttelte an der Bohrinsel. Brachte sie zum Schwanken. Die Stützpfeiler kreischten unter der Belastung. Lange würden sie dem Sturm nicht mehr Stand halten können. Die Bohrinsel würde unendlich langsam zur Seite kippen. Ins Meer stürzen und darin versinken. Zum Meeresgrund hinabtauchen. Und für immer dort zu seinem nassen Sarg werden. Die Erinnerung an die letzten Tage ließ ihn erschauern und er setzte einen Fuß auf die erste Sprosse der Reling. Wo waren die anderen Menschen? Eines Morgens war er aufgewacht. Hatte sich auf der Bohrinsel befunden. Ganz allein. Kein Mensch war auf der Insel. Nur er. Er hatte alles abgesucht. War in den dunklen Gängen der Bohrinsel entlang gekrochen. Hatte verzweifelt um Hilfe geschrien. Sich nachts zitternd in eine Kajüte gesperrt. Hatte kaum geschlafen. Jedes Geräusch hatte ihn aufschrecken lassen. Wo waren alle? Aber die viel quälendere Frage war: Wie war er hierher gekommen? Er kannte sich aus auf Bohrinseln. Hatte jahrelang auf Inseln in der Nordsee gearbeitet. Doch diese Insel kannte er nicht. Auch das Meer war ihm nicht bekannt. Er wusste, welches Blau die Nordsee annahm, wenn ein Sturm drohte. Erkannte ihr Grau im Winter, wenn der Schnee fiel. Und vor allem kannte er ihren Geruch. Der scharfe salzige Geruch, durchsetzt von unzähligen Fischschwärmen, Algen, von jahrmillionen alter Erinnerung, die in jedem Tropfen Meerwasser gespeichert war. Ein Duft so erotisch, wie das Intimste einer Frau. Stundenlang konnte er an der Reling sitzen und wurde nicht müde diesen Duft einzuatmen. Und wenn er nach Monaten auf der Insel an Land kam, sich in einem Puff eine Frau kaufte, steckte er seine Nase tief in ihren Schoß. Roch die süße Schärfe, roch die anderen Männer, roch das Duschgel, mit dem sie versucht hatte sich zu säubern, aber roch vor allem das Meer. Sog tief ihren Duft ein und kam sofort. Aber dies war nicht die Nordsee. Er setzte seinen zweiten Fuß auf die Reling. Sein Blick fiel hinab. Hundert Meter. Der Aufprall würde ihn zerfetzen. Er würde eins werden mit dem Meer. Wo waren die anderen? Zwei Wochen hatte er es hier ausgehalten. Ohne zu wissen wo er war. Kein Schiff hatte er gesehen. Kein Flugzeug hatte am Himmel seine Spur hinterlassen. Es schien, als wäre er der letzte Mensch. Vergessen von Gott. Seit Tagen rüttelte ein Sturm an der Insel. Hatte so fest an ihr gerissen, dass ein Pfeiler geborsten war. Die Insel war zur Seite gekippt. Hatte sich halten können. Aber immer wieder kreischte das Metall, gab der Pfeiler nach und die Plattform neigte sich ein paar Grad mehr zur Seite. Es gab keine Rettung. Niemand würde kommen und ihn holen. Auf seine Funksprüche hatte niemand reagiert. Nur Rauschen war aus den Lautsprechern gekommen. Die Welt war versunken im Meer. Und in wenigen Tagen würde die Plattform ebenfalls versinken. So lange wollte er nicht warten. Er warf die Beine über die Plattform. Sog ein letztes Mal den Duft des Meeres ein. Und sprang.
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