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DIE STATIONÄRE PROVOKATION - 2008/01/08 19:44 DIE STATIONÄRE PROVOKATION

"Aber es scheint, als müsse uns das Leben fast zu Tode peinigen,
bis wir endlich den Schlüssel begreifen."
(Gustav Meyrink, Das grüne Gesicht)

"Wie schlimm steht es um mich?"
"Es ist dies eigentlich kein Thema mehr."
"Aber es muß mir doch jemand Auskunft geben, Stellung beziehen
meinethalben. Mich einordnen."
"Besinnen Sie sich selbst. Sie waren lange genug auf uns angewiesen."
"Ich stelle mich nicht länger zur Verfügung."
"Sie haben sich die Unklarheit selbst zuzuschreiben."
"Was hier geschieht, ist lächerlich."
"Sie haben kein Verhältnis mehr zur Realität."
"Ich weiß, was Sie damit sagen wollen. Aber ich merke deutlich, daß
Sie nur abzulenken versuchen."
"Jetzt einmal ganz konkret: was wäre gewonnen, wenn Sie völlig gesund
wären? Würde sich deswegen das Wetter ändern? Käme die
Wirtschaftskrise zuende? Ließe sich damit der nächste Weltkrieg
verhindern? Na also. Seien Sie nicht so fixiert."
"Sie verlangen doch hoffentlich nicht von mir, daß ich Sie ernstnehme, wenn
Sie so daherreden."
"Niemand verlangt etwas von Ihnen."
"Aha. Verstehe. Also, ich bin lästig."
"Sie überschätzen sich."
"Ich lebe doch schließlich noch, oder?"
"Das ist doch kein Grund, sich zu überschätzen."
Zwei Männer in einem Zimmer. Der eine in einem klinisch hergerichteten Bett. Im Schlafanzug. Etwas unrasiert. Der andere wie ein Doktor. Die Positionen sind soweit vergeben, Ihre Relevanz muß offensichtlich noch gefunden werden. Ein weiß tapeziertes Zimmer übrigens. Grau lackierte Fenster- und Türrahmen. Vorhänge beige. Bettgestell, Nachtkästchen, Stuhl, weiß.
"Ich bringe keinen Sinn hinein."
"Das braucht Sie persönlich nicht zu beunruhigen."
"Aber immer, wenn ich erwache, liege ich hier. Wieder und wieder. Welchen
Sinn hat das?"
"Tut Ihnen denn nichts weh?"
"Doch. Schon. Aber was erklärt das?"
"Sie spüren wieder etwas. Das ist gut. Das ist schon sehr viel"
"Wollen Sie mir Angst machen?"
"Sie überschätzen mich."
"Dann reden Sie nicht so mit mir."
"Ich weiß, wie man mit Ihresgleichen zu reden hat."
"Das ist ja interessant. So weit ist es also gekommen. Ich bin für Sie
irgendein 'Ihresgleichen'. So sehr nehmen Sie mich ernst"
"Was wissen Sie denn schon über sich selbst, daß Sie versuchen, mich zu
interpretieren."
"Wieso reden Sie so mit mir?! Bin ich ein Intellektueller oder ein
Geistesgestörter?"
"Sie sind einer, der sich schonen müßte•"
"Kommen Sie mir nicht mit Beschwichtigungsversuchen"
"Sie müssen sich meine Überlegenheit gefallen lassen. Ich habe die Situation
im Griff"
"Ich will bescheiden sein für den Moment. Wenn Sie bitte aufhören zu
reden und stattdessen das Fenster öffnen würden."
Eine wunderbare Luft strömt zu den beiden herein. Es war eigentlich kein Wetter, um im Bett zu liegen oder sich in einem weiß tapezierten Zimmer aufzuhalten. Aber wenn ein Mann der Patient und der andere ein Arzt war, dann blieb wohl nichts anderes übrig, Wie unterschiedlich gut mochte beiden die frische Luft bekommen. Vielleicht wäre es aufschlußreich, etwas über die Jahreszeit zu erfahren. Im Zimmer keine Fliege. Draußen kein Uogelgeräusch. Insofern die beiden hier aufeinander angewiesen.
"Wie lange?"
"Sie waren im Koma. Seien Sie froh."
"Ich meine, wie lange noch?"
"Wollen Sie es wissen? Versuchen Sie, aufzustehen!"
"Sie . . . ich könnte Sie beschimpfen."
"Na also. Wenn das kein Lebenszeichen ist"
"Geben Sie mir etwas zu trinken."
"Ich werde eine Schwester hereinschicken"
"Haben Sie mir alles gesagt?"
"Ich brauche Ihnen gar nichts zu sagen."
"Aber ich muß doch wissen, woran ich bin!"
"Sie liegen immer noch hier. Genügt das nicht?"
"Verdammt nochmal, nein! Mir genügt das jedenfalls nicht!"
"Dann stehen Sie auf. Gehen Sie nachhause. Sie sind hier fehl am Platze."
"Aus Ihnen spricht zweitklassiger Hohn. Oder ist das die Verzweiflung
darüber, daß sogar Sie mir nicht mehr helfen können?! Wie trickreich Sie
sind in Ihrer Ratlosigkeit."
Der Arzt hat sich bei diesem Wortwechsel zum Fenster hinausgelehnt und den Kopf nur hin und wieder ins Zimmer gewandt, wenn er selber sprach. Es ist ihm nichts Bestimmtes anzumerken. Nicht einmal eine Begründung, weswegen er sich hier aufhält. Sein Interesse für den Patienten scheint merkwürdig. Er wirkt vielleicht nicht genügend konzentriert. Eher untermotiviert. Aber wer von den beiden sollte eigentlich im Mittelpunkt des Interesses stehen?
"Bin ich auf Sie angewiesen?"
"Hätten Sie eine spontane Alternative?"
"Erzählen Sie mir etwas Beruhigendes."
"Das würde Sie nur mißtrauisch machen."
"Sie sind doch nicht für mein Seelenheil zuständig."
"Woran erinnern Sie sich?"
"Es muß einmal eine Zeit gegeben haben, in der ich nicht hier lag."
"Woraus schließen Sie das?"
"Ich fühle mich hier nicht heimisch."
"Das könnte auch ein Anzeichen von Unzurechnungsfähigkeit sein. Oder
lediglich eine undifferenzierte Melancholie."
"Sie verstehen es wirklich, einen zu beruhigen."
"Wieso verharren Sie hartnäckig auf Ihrem Mißtrauen?"
"Sie wollen doch hoffentlich nicht behaupten, daß ich mich hier wohlfühlen
soll."
"Was fehlt Ihnen denn, solange Sie sich an nichts Konkretes erinnern?"
"Ich werde Sie beschämen. Ich werde beginnen, mir meine Träume zu merken.
Sie werden neidvoll dabeistehen."
"Sie könnten es wahrlich einfacher haben."
Jetzt wird sich der Patient versuchsweise aufbäumen. Er muß sich mit aller Gewalt und beiden Händen an den Längsseiten des Bettes festklammern, um nicht hinauszurollen. Er könnte schreien dabei. Irgendein körperlicher Schmerz. Oder? Der Arzt rührt sich nicht vom Fenster weg. Hat sich lediglich langsam umgewendet, die Arme verschränkt. Blickt wie ein sehr mäßig interessierter Zuschauer. Verzieht kaum irgendeinen Gesichtsmuskel.
"Sie sollten sich noch etwas schonen."
"Warum binden Sie mich nicht am Bett fest."
"Sie passen schon auf sich auf."
"Was haben Sie vor mit mir?"
"Beziehen Sie nicht alles auf mich."
"Geben Sie mir etwas zu trinken."
"Lenken Sie nicht ab. Erinnern Sie sich."
"Ich werde nicht lamentieren."
"Geben Sie mir einmal eine Chance, Sie zu bedauern."
"Vielleicht, wenn wir uns miteinander betrinken würden."
"Sie verkennen den Ernst der Situation."
"Das ist aber doch kein Grund, in Erinnerungen schwelgen zu sollen."
"Ich konstatiere, Sie verweigern sich."
"Falsch. Sie sind beleidigt. Das ist es."
"Sie riskieren meine Fürsorge."
"Das würde mich interessieren."
"Haben Sie Schmerzen?"
"Wäre das eine Herausforderung für Sie?"
"Was hätten Sie mir sonst zu bieten?"
"Und wenn ich nicht hier läge?"
"Sie erwarten doch nicht, daß ich sentimental werde."
"Sie sind doch dem Leben verpflichtet!"
"Sie etwa nicht?"
"Ich habe ein Anrecht auf Ihre Hilfeleistung!"
"Oh, das verüble ich Ihnen auch gar nicht."
Der Arzt federt leicht vom Fenstersims ab und schickt sich möglichst unmerklich an, das Zimmer zu verlassen. Er berührt nichts, so als wolle er keine Spuren hinterlassen. Er blickt nirgendwo direkt hin, so als wolle er keinerlei Verpflichtungen auf sich ziehen. Seine Schritte scheinen unauffällig, doch stetig. Er hat Glück, daß keine Dielen knarren. In gewisser Weise wirkt sein Gesichtsausdruck nicht uninteressiert, aber entspannt. Es ist aber, als ob dieser Arzt abgefangen werden solle.
"Doktor, wie lange noch?"
"Regen Sie sich nicht auf."
"Wird es dadurch schlimmer? Verunsichere ich Sie dadurch?"
"Mit mir hat das doch gar nichts mehr zu tun."
"Aber Sie sind doch zuständig für mich, oder?"
"Wie stellen Sie sich das vor?"
"Sie sind doch verantwortlich für mich, nicht wahr?"
"Ich verstehe Ihre Besorgnis nicht."
"Ich meine, Sie würden mir doch die Wahrheit sagen, das würden Sie doch?"
"Sie können einem ganz schön auf die Nerven gehen."
"Aber wozu bin ich denn hier?! Ich meine, wozu sind Sie denn hier?! Ich meine
. . . "
"Versuchen Sie, sich zu erinnern."
"Ich versuche es, aber ich weiß nicht einmal, ob ich es, wie oft ich es schon versucht habe. Geben Sie mir Anhaltspunkte ."

(Eine Pause)
"Stehen Sie auf. Kommen Sie. Machen Sie schon. Versuchen Sie es. Gehen Sie zum Fenster. Versuchen Sie, hinauszuspringen. Ich werde wie immer draußen auf Sie warten."
"I'm the restless wanderer between underground & eternity!"
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DIE STATIONÄRE PROVOKATION
Schreiber 2008/01/08 19:44
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