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 Grünschnabel
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Gefährliches Schweigen II - 2007/05/14 07:44
vier Kriminalromane
In den Romanen werden schockierende psychologische Studien einer skrupellosen Entschlossenheit und zügellosen Gewalt aufgezeichnet. Tiefste Abgründe der menschlichen Seele: Habgier, Felonie, Gewalt, vor einem inhumanen und brutalen Handeln werden hier verknüpft, gepaart mit enthemmter Sexgier. Sie legen niedere Instinkte bloß. Daneben aber auch die alltägliche Polizeiarbeit und romantische Erlebnisse.
Daniel Briester, Hauptkommissar beginnt seine neue Stellung bei der Hamburger Kriminalpolizei. Er hat um die Versetzung gebeten, da er aus Bremen weg wollte. Nach neuen Jahren Ehe steht er vor dem Ruin. Er kann nicht verstehen, wie ihn seine Frau Petra jahrelang nur belogen, sein Kind abgetrieben und über ein Jahr auch betrogen hat. Er leidet unter starken Depressionen, hat Selbstmordgedanken, wird mit der ganzen Situation nicht fertig.
Sandra Larsen, Psychologin. Eine Frau ohne Skrupel, Gefühlskalt. Sie leidet unter permanenten Verlustängsten, fühlt sich von allen ungeliebt. Das kompensiert sie durch einen sehr teuren Lebenswandel, zahlreiche Affären. Sie will allen beweisen, aber besonders sich selbst, dass sie die schönste, reichste, begehrenswertestes Frau ist. Um ihre hochgesteckten Ziele zu erreichen, ist ihr jedes Mittel recht. Sie schreckt auch vor Straftaten nicht zurück. Gedeckt wird sie dabei von Claus Keitler, Kriminaldirektor, von dem sie denkt, dass er nur der Patenonkel ist. Immer wieder werden von dem Anzeigen auf privaten Weg aus der Welt geschaffen.
Buch 2 - Strömung Drei Jahre später treffen Sandra Larsenn und Daniel Briester wieder aufeinander, als eine Serie toter Prostituierte Hamburg erschüttert. Alle Frauen werden erdrosselt, mit einem Pentagramm auf der Brust und immer wieder anderen Tarotkarten aufgefunden. Trotz aller Bemühungen kann der Täter nicht ermittelt werden und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, da die Morde immer in der Nacht des Neumondes passieren. Claus Keitler und Oberstaatsanwalt Sanders entschließen sich, von der Psychologin Sandra Larsenn eine Art Fallanalyse erstellen zu lassen. Endlich sieht Sandra ihre Chance sich an dem Mann zu rächen, den sie noch immer für den Tod des Bruders und ihren finanziellen Ruin verantwortlich macht. Nur auch diesmal merkt sie zu spät, dass sich das Blatt wieder einmal gegen sie wendet. Was bleibt ist Hass und der Gedanke, diesen Mann für alle Zeit zu zerstören. Daniel hingegen gerät gerade durch sie in einen immer tieferen Sumpf aus Vetternwirtschaft und Verderbnis.
* Das Schrillen des Telefons drang in seinen traumlosen Schlaf. Noch halb verschlafen tastete er danach und meldete sich, hörte zu und wurde sofort vollends wach. „Zwanzig Minuten“, antwortete er, während sein Blick auf die Uhr fiel, zehn nach vier. Noch ehe er das Telefon weglegte, stand er schon. Schnell eilte er ins Bad, duschte, putzte Zähne, rasieren sparte er sich, fuhr kurz durch seine dunkelbraunen Haare, schlüpfte in seine Sachen und ging schon zum Aufzug, wo er Schlüssel, Handy in der Jackentasche verstaute und diese anzog. Er steckte seine Pistole hinten in den Bund seiner Jeans, suchte in der Jackentasche nach dem Autoschlüssel. Die Strassen der Hansestadt waren noch leer und so kam er zügig vorwärts. Selbst auf der Reeperbahn schien schon alles zu schlafen, wie er im vorbeifahren bemerkte. Aber vielleicht lag das auch an dem Wetter. Es goss in Strömen und die Scheibenwischer bewegten sich schnell, damit er etwas sah. Auf dem dunklen Asphalt spiegelten sich die Lichter der Straßenlampen, Neonreklamen und der Scheinwerfer. Pfützen säumten den Straßenrand. Aus seinem Radio erklang jetzt die Musik von Peter Gabriel und er drehte etwas lauter. Biko gehörte zu seinen Lieblingsliedern, obwohl er fast alle von dem Sänger mit der etwas anderen Stimme mochte, dann wurde das Lied jäh unterbrochen und die Ansagerin meldete einen Geisterfahrer auf der A7. Er schüttelte unbewusst den Kopf. Er würde wohl nie verstehen, wie man falsch auf eine Autobahn fahren konnte. Entweder waren die Leute blind oder Selbstmörder, aber dann sollten sie gefälligst von einer Brücke springen und nicht andere gefährden. Das Lied ging weiter und er bog rechts in eine etwas kleinere Strasse ab. Wenige Minuten später hielt er vor dem Wohnhaus, wo bereits Polizeiautos, Krankenwagen standen. Er nickte einem der uniformierten Beamten zu und ging in das zweite Stockwerk, grüsste und drängelte sich durch die Menschen: Neugierige Hausbewohner, Polizisten, Spurensicherung. „Hallo, Lisa, was haben wir“, wandte er sich an die Frau, die ihn aus dem Schlaf geholt hatte. „Irene Clement, dreiundzwanzig, Prostituierte, erwürgt mit einem Büstenhalter.“ Er bückte sich neben der Leiche nieder, schaute sich diese genau an. Die junge Frau war nur mit einem rot-schwarzen winzigen Slip bekleidet, der Büstenhalter dazu war um ihren Hals geschlungen. Unter ihr lag ein dicker, dunkelblauer Bademantel. Auf dem Oberkörper, den beiden Brüsten war ein Zeichen geritzt, was er nicht genau erkennen konnte, da alles blutverschmiert war. Die Arme leicht angewinkelt, die Hände über dem Bauch übereinander gelegt. Daniel Briester, der Chef der Mordkommission, wie es im allgemein gängigen Wortschatz hieß, sah sich das Gesicht der Frau an. Sie musste hübsch gewesen sein, sehr hübsch. Lange schwarze Haare, voller Mund, jetzt mit blassen Lippen, verzehrt wirkten die Gesichtszüge. Die Lider waren geschlossen, daher konnte er die Augenfarbe nicht erkennen, nur wenig Schminke. Er wechselte einen kurzen Blick mit dem Arzt, Samuel Richter, Gerichtsmediziner. „Sie wurde erdrosselt, sonst sind keine weiteren Spuren sichtbar. Nichts was auf einen Kampf hindeutet oder das sie sich gewehrt hätte.“ „SM?“ „Sieht nicht in diese Richtung aus, aber weiß man´s? Nur warum dann nicht auf dem Bett?“ „Wann?“ „Vielleicht drei, vier Stunden.“ Er erhob sich, sah an der Frau hinunter. Sehr gute Figur, lange schlanke Beine, ein Fuß steckte noch in einer hochhackigen Sandale, während er an dem anderen, hellrot lackierte Fußnägel erkannte, der Schuh lag etwas weiter weg. Ja, wirklich sehr hübsch, dachte er bei sich. Er hatte einen Blick für schöne Frauen, noch dazu für dunkelhaarige. „Ja, eine Schande so was zu töten. Sie war eine Schönheit. Daniel, aber etwas Besonderes ist diese Karte.“ Er nahm die Plastikhülle, sah sich die große Karte an. „Tarot?“ „Ja, steckte in ihrem Slip. Woher kennst du so was?“ „Mir hat mal jemand die Karten gelegt“, grinste er den älteren Mann an. „Die Hohepriesterin! Eine der großen Arkana.“ „Davon gibt es zweiundzwanzig, wenn ich das noch so richtig weiß.“ „Ja!“ Die beiden Männer sahen sich einige Sekunden stumm an, dachten beide das gleiche. „Samuel, verschon mich mit deinem Defätismus, auch wenn ich deiner Meinung bin, leider. Gehen wir einfach deduktiv vor.“ „Das war bestimmt der Zuhälter oder ein ausgeflippter Freier“, platzte Lisa dazwischen. „So besonders sah die nun auch nicht aus.“ Daniel schaute sie kurz an, reichte einem Mann der Spurensicherung den Beutel und sah sich in dem Raum um. Sehr hübsch eingerichtet. Ein großes Bett mit Seidenbettwäsche in einem blauen Ton, was zerwühlt war. Zahlreiche kleine Kissen lagen neben der Toten auf dem Boden, der mit türkisfarbener Auslegware bedeckt war. Auf einem Tisch sah er eine Flasche in einem Sektkübel, ungeöffnet, daneben zwei Gläser. Er ging näher und las die Champagnermarke. Nobel, dachte er. Eis war bereits geschmolzen. Alles hier sieht distinguiert und teuer aus. Er hob einen seidenen Morgenmantel hoch, las den Designername. „Herr Hauptkommissar, wir müssen noch fotografieren.“ Er ging an die Seite, sah sich auf der Kommode die wenigen Accessoires an: Kerzenständer, Aschenbecher, Kristallgläser, die er wieder erkannte, da er die gleichen hatte. „Samuel, kann man sie danach da unten hingelegt haben?“ „Eher unwahrscheinlich. Hier ist Blut auf dem Bademantel und wer legt erst einen Bademantel hin, um darauf die Tote zu legen? Ich denke, dass sie auf dem saß, den ausgezogen hat.“ „Wie passt der BH dazu?“ „Vielleicht lag der hier rum, vielleicht hat sie den danach ausgezogen, vor einem Typen gestrippt. Hei, du bist der Bulle, nicht ich. Vielleicht finden wir noch Spuren, wenn wir sie genauer untersuchen.“ „Welche Frau strippt mit einem Bademantel, wenn dort ein seidener Morgenmantel liegt. Ziemlich unerotisch.“ „Du wirst es ja wissen“, grinste ihn der Doktor an. „Wir sind fertig“, wandte sich der Fotograf an ihn. „Jetzt können Sie loslegen.“ „Danke!“ Lisa Schmitt trat neben ihn. „Scheint eine Edelnutte gewesen zu sein. Im Bad nur die teuersten Kosmetika, ein Vermögen. Echt geil! Creme von Rubinstein, Duschzeug von Dior und Chopard, Parfum von…“ „Reg dich ab, so sieht es hier auch aus. Fang mit Benno schon mal an, die Hausbewohner zu vernehmen. Wer hat sie gefunden?“ „Die Nachbarin, Angela Schmitz. Die hat geklingelt, fand die Wohnungstür nur angelehnt vor und ist rein.“ „Morgens um vier? Auch eine Professionelle?“ „Keine Ahnung, denke aber ja.“ „Nimm die Aussage auf und bestell sie am Vormittag zur Abgabe der Fingerabdrücke aufs Präsidium, auch alle anderen Nutten, falls es hier mehr davon gibt. Gibt’s einen Zuhälter?“ Lisa zuckte mit den Achseln und verließ den Raum, während er ihr nach sah und leicht den Kopf schüttelte. Der Rock bedeckte gerade mal ihren Po und die Absätze waren bestimmt sechs, sieben Zentimeter hoch. „Sag deiner angehenden Kommissarin doch mal, dass ihre Beine zu kurz und zu dick dafür sind“, gab Samuel lakonisch von sich. „Ich fahre. Morgen früh hast du den Bericht.“ „Danke, Samuel.“ Er schaute zu, da man die Leiche abholte und wenig später trat Ilona Trackmann-Lievert von der Spurensicherung herein. „Könnt ihr eure Leichen nicht am Tag finden? Ich wollte noch schlafen.“ „Frag ich mich auch manchmal. Gib mir mal Handschuhe, meine liegen im Auto.“ Sie machte ihren silbernen Koffer auf und reichte ihm welche. „Du hast doch wohl noch nichts angetatscht?“ „Den Morgenmantel. Sieht fast wie deiner aus, der gleiche Hersteller.“ „Sehr witzig“, lachte sie ihn an. „Im Bad sind wir fertig. Keine Fingerabdrücke, außer von ihr, wie wir vermuten.“ „Kondome?“ „Nur Neue, nichts gebrauchtes. Entweder war es eine sehr reinliche Frau oder sie hatte eine Putze, alles sehr sauber, ordentlich, wirkt gepflegt. Muss gestern großer Putztag gewesen sein. Nicht mal Wasserspuren im Waschbecken.“ „Hat wohl auf einen Kunden gewartet, wenn da nichts ist. Wer steckt ein gebrauchtes Kondom ein?“ „Vielleicht hat sie`s ohne gemacht. So wie es hier aussieht, kamen hier keine Typen von der Strasse her. Die hat nur welche auf Termin ran gelassen und die Geld hatten. Da macht man es auch mal ohne.“ „Danke, für die Aufklärung“, grinste er sie an, während sie den Morgenrock in eine Tüte steckte, diese beschriftete. „Nur meinst du nicht, dass er sich gewaschen hätte, wenigstens die Finger? Da müsste Blut dran sein.“ „Du meinst wegen der Brust?“ Er nickte nur, zog die Schublade einer Kommode auf: Dessous in verschiedenen Farben, Ausführungen. „Daniel, das ist wieder was für dich, was“, feixte sie. „Sieht doch ganz nett aus, nicht das übliche billige Zeug. Seide, Spitzen. Das alles an der richtigen Frau…“, griente er zurück, öffnete die nächste Schublade: Kondome, Kosmetiktücher, drei verschiedene Vibratoren, Tempos. In der letzten Schublade lagen fünf neue Strumpfpackungen, sonst war sie leer. Er ging zur nächsten Kommode, öffnete die Tür: Bettwäsche, auf der anderen Seite Bettlaken, Kissenhüllen, alles in verschiedenen Blautönen, alles aus Seide. In dem kleinen Schränkchen neben dem Bett fand er die Handtasche. Geldbörse mit einhundertzwanzig Euro, ein bisschen Kleingeld. Zwei Kreditkarten von zwei Banken, eine Amexkarte. Ergo, kein Raubüberfall. In einer Seitentasche: Personalausweis, Führerschein. Daneben Lippenstift von Dior, Parfum von Nina Ricci, eine Packung Tempos, Kugelschreiber von Mont Blanc, ein Schlüsselbund mit fünf Schlüsseln und einem Autoschlüssel, der zu einem BMW gehörte. Ein in blaues Leder gebundenes Buch. Er nahm es heraus und blätterte darin. Termin waren eingetragen, aber nur die Vornamen von Männern, daneben Termine beim Zahnarzt, Frauenarzt, Steuerberater, einer Reha-Klinik, mit irgendwelchen Frauen. Ein Handy, was ausgeschaltet war. „Ilona, dass Buch hätte ich gern ganz schnell zurück und mehr aus dem Handy, besonders die letzten Nummern.“ „Bekommst du, sonst was Interessantes?“ „Nichts. Ich brauche zwei deiner Leute für ihre Wohnung. Ist gleich um die Ecke und irgendwo muss der Wagen von der Toten stehen, ein BMW.“ Er griff nach seinem Handy und machte eine Halterabfrage, gab die Nummer an Ilona weiter. „Ich gehe zu der Wohnung, vielleicht finden wir da mehr.“ „Mach das, den Bericht später.“ „Danke dir, mein Schatz. Benno und Ines sind noch im Haus, falls du was ganz aufregendes findest.“ Seine braunen Augen blitzten sie leicht belustigt an. „Biest“, lächelte sie kopfschüttelnd zurück und wieder einmal dachte sie: Dieser Mann ist einfach umwerfend und heute hatte er so etwas Verwegenes an sich. Vielleicht lag es daran, dass er unrasiert war, die dunkelbraunen Haare leicht durcheinander. Sie wusste, sie waren nur schwer zu bändigen. Sie betrachtete ihn für einige Sekunden, während er sich mit einem Kollegen unterhielt. Seinen großen, sehr athletischen Körper, den sie so gut kannte. Schmale Hüften, einen flachen Bauch. Fast zwei Jahre ist es jetzt her und sie hatte es nie bereut. Es waren einige schöne Monate gewesen, aber dann war es für ihn vorbei. Er hatte gemerkt, dass sie mehr von ihm wollte und er hatte einen Riegel vorgeschoben, aber trotzdem waren sie Freunde und Kollegen geblieben. Im Gegenteil, sie schäkerten noch miteinander, sprachen über das, was einmal gewesen war. Es war deswegen nie zu Reibereien gekommen und sie wusste, dass bei ihm danach andere ihren Platz eingenommen hatten und gegangen waren und bei ihr war Peter ins Leben getreten. „Ich werde mich nie wieder an eine binden“, hatte er einmal zu ihr gesagt. „Das habe ich hinter mir. Eine gescheiterte Ehe reicht.“ Sie seufzte leise auf, widmete sich dann wieder ihrer Arbeit. Erst am späten Vormittag kam Daniel ins Büro, wo er sich einen Kaffee kochte, Kuchen, den er sich beim Bäcker gekauft hatte, auf einen Teller legte und frühstückte, dabei die Tageszeitung las. Das war eine Art Ritual, was er morgens immer als erstes machte, egal wann er in sein Büro kam. Dabei wollte er auch nicht gestört werden und seine Sekretärin wimmelte dann immer alle Besucher, Telefonate ab. Danach sah er sich die Berichte an, die sich neu auf seinem Schreibtisch stapelten. Seine drei Abteilungen befassten sich mit allem aus der Gruppe der Tötungsdelikte, die genau im Strafgesetzbuch aufgeführt waren. Zu den Tötungsdelikten zählen Mord, Totschlag, Tötung auf Verlangen, den strafbaren Schwangerschaftsabbruch und die fahrlässige Tötung. Unter das Delikt Mord zählte, wer einen anderen Menschen aus einem besonders verwerflichen Beweggrund, wie Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonstigen niedrigen Beweggründen, auf besonders verwerfliche Art und Weise, heimtückisch, grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder zu einem besonders verwerflichen Zweck, um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, vorsätzlich tötete. Benachbart der Versuch oder die Beihilfe und Anstiftung zum Mord. Dann gab es den Straftatbestand des Totschlags: Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein. Das heißt, bei beiden Delikten wird ein Mensch vorsätzlich getötet. Bei einem Mord müssen jedoch zusätzlich die besonderen verwerflichen Beweggründe hinzutreten. Daneben die Tötung auf Verlangen, Tötung eines Menschen, zu der der Täter durch ausdrückliches und ernsthaftes Verlangen des Getöteten bestimmt wurde und die fahrlässige Tötung, geregelter Unterfall der Tötungsdelikte. Voraussetzung: dass durch die Handlung eines Täters der Tod eines anderen Menschen verursacht wird.
Er widmete sich gedanklich dem neuen Fall Clement. Eine interessante und ungewöhnliche Frau. Auf der einen Seite eine Art Edelnutte, auf der anderen Seite hatte sie einen großen Teil des so verdienten Geldes für die Schwester ausgegeben, die nach einem Verkehrsunfall behindert war. Daneben hatte sie noch ein Medizinstudium belegt und auch besucht, was man bis jetzt erfahren hatte. Warum brachte man so eine Frau um? Sie hatte keinen Zuhälter, wie Benno ihm berichtet hatte. Vielleicht wollte einer der Typen sich das Geschäft nicht entgehen lassen, hatte sie unter Druck gesetzt. Sie hatte sich geweigert und er hatte sie umgebracht. Aber warum dann das Muster auf der Brust, dem Dekolltè? Und was bedeutete das? Was ihn jedoch richtig beunruhigte war diese Tarotkarte. Er musste den Autopsiebericht abwarten und darauf, was seine Kollegen herausfinden würden. Er widmete sich einem anderen Fall, zitierte Oberkommissar Klaus Resser in sein Büro, mit dem er alles Weitere besprach.
Nachmittags rief ihn eine Mitarbeiterin der Gerichtsmedizin an, die ihm den vorläufigen Autopsiebericht in Kurzform durchgab. Erst ein leichter Schlag auf den Hinterkopf, erdrosselt mit einem BH, was auch die Todesursache war. Kein Geschlechtsverkehr. Das Zeichen war ein Pentagramm. Der Todeszeitpunkt so gegen Mitternacht, wie bereits vermutet. „Ein Pentagramm“, fragte er noch mal etwas verblüfft nach. „Ja, auf zwei Spitzen stehend, ohne Kreis. Fotos sind beim Bericht. Schicken wir nachher rüber.“ „Ja, danke, was heißt ohne Kreis?“ „Na, ohne Kreis, sagt Doktor Richter.“ „Danke.“ Er saß einen Moment nachdenklich nach, gab dann den Suchbegriff in seinen Laptop ein. „Das Pentagramm, ein fünfzackiger Stern, der in einem Zug gezeichnet wird, gibt es in zwei Ausführungen: Aufrecht steht das Pentagramm auf zwei Spitzen, absteigend zeigen beide Spitzen des Sterns nach oben. Das aufrechte Pentagramm symbolisiert einerseits den Mensch, andererseits die fünf Elemente und außerdem kann man in dem Stern die verschiedenen spirituellen Wege erkennen, die alle zusammen gehören. Auch in anderen Kulturkreisen schreibt man dem Zeichen, ähnlich ein Pentagramm, magische Kräfte zu, unter anderem zur Abwehr von Dämonen. Alchemisten christlicher, wie auch jüdischer Herkunft sehen in dem Zeichen das Symbol für die Harmonie gegensätzlicher Elemente. Es ähnelte dem Davidstern. Das aufrechte Pentagramm ist seit Jahrhunderten ein Schutzsymbol. Im Mittelalter sollte es angeblich vor Druiden und Hexen schützen. Heute benutzen Hexen dieses Zeichen, um sich vor negativen Energien zu schützen, oder viele sehen in diesem Zeichen das Symbol des Gehörnten Gottes. Das umgedrehte Pentagramm setzt man heutzutage mit Satanismus in Verbindung. Es wird tatsächlich für schwarzmagische Arbeiten, wie Schadenszauber oder Flüche, verwendet. Jeder Spitze ist einem Element zugeordnet. Die Spitze nach oben steht für Geist, nach rechts für Wasser, nach unten Feuer, links unten Erde und zur linken Seite für die Luft“, las er laut. Er sah sich das Bild dazu an und versuchte es mit der Tarotkarte in Verbindung zu bringen, danach überlegte er eine Weile, griff dann zum Telefon. „Carola, sag, hast du heute Abend eine halbe Stunde für mich Zeit. Ich brauche deinen Rat.“ „Ja, ich bin pünktlich. Bis dann.“ Es klopfte, die Tür ging auf und er winkte Peter Sinner herein. „Und?“ „Eines der Mädchen hat vor zwei Tagen gesehen, wie sie mit dem Hausbesitzer, einem gewissen Holger Neidhold, Streit hatte. Sie haben sich wohl lautstark im Hausflur gezofft.“ „Um was ging es?“ Daniel lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück und deutete auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Er hat mehr Miete für die Wohnungen verlangt und sie wollte nicht zahlen. Sie hat wohl geäußert, dass sie sich einen Rechtsanwalt nehmen würde, weil sie sich das nicht Gefallen lassen will. Schließlich gab es einen Mietvertrag.“ „Der Name Holger Neidhold kommt mir irgendwie bekannt vor.“ „Barbesitzer, hat da auch ein paar Mädchen laufen. Ich habe mal sein Strafregister ausgedruckt.“ Er reichte seinem Chef einige Seiten, die der aufmerksam durchlas. „Der war früher auch mehr hinter Gittern, als draußen, aber seit sechs Jahren nichts. Ich will ihn hier haben. Lass ihn holen. Hatte sie Feinde, sonst mit jemand Ärger?“ „Nein, nichts. Das ist ein Häuserblock mit vierundvierzig Wohnungen. Neidhold hat den vor drei Jahren gekauft, saniert und dann immer, wenn ein Mieter ausgezogen ist, an Nutten vermietet, zur doppelten Miete. Jetzt wohnen noch zwölf alte Mieter in dem Komplex. Aber die haben anscheinend kein Problem damit, dass nur solche Frauen um sie herum ihrem Geschäft nachgehen. Eine ältere Frau hat gesagt. Das sind alles sehr nette Mädchen und so hilfsbereit. Ist doch egal was sie machen, wenn sie damit Geld verdienen und junger Mann, hat sie gesagt, schließlich bezahlen die Damen Steuern, von denen sie bezahlt werden.“ Peter Sinner grinste seinen Chef an, der das erwiderte. „Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Also keine Probleme, keine Feinde, nichts. Alles in schönster Ordnung, trotzdem ist sie tot.“ Wieder öffnete sich die Tür und Lisa wirbelte ins Zimmer. „Der Laborbericht ist da.“ Sie setzte sich, schlug ihre Beine übereinander und wieder einmal dachte Daniel, auch leicht zornig, der Rock könnte ruhig etwas länger sein, ganz abgesehen davon, dass er wieder einmal aufgebracht über ihr Benehmen war. „Der Tod erfolgte durch Erdrosseln“, legte sie sofort los, als wenn sie gerade ein Gespräch unterbrochen hätte. „Mit einem Büstenhalter, was zu Sauerstoffmangel im Gehirn führte. Na ja und so bla... bla... Vorher hat sie einen Schlag mit einem stumpfen, glatten Gegenstand auf den Kopf bekommen, aber nicht sehr fest. Keine Wunde. Die Tatwaffe wurde nicht gefunden. Kurz gesagt, steht hier: Innere Halsbefunde, Fraktur des Kehlkopfes, Einblutungen in die Halsweichteile, in die Kehlkopfmuskulatur, petechiale Blutungen an Bindehäute und der Mundschleimhaut lassen auf Gegenwehr schließen. Halsabriebe wurden festgestellt. Auf dem Oberkörper der Toten wurde ein … Pentagramm geritzt. Die Tatwaffe ist ein stumpfer, doppelschneidiger Dolch, Messer oder so was. Keine Tatwaffe. Keine Fingerabdrücke oder sonstige verwertbaren DNA Material und keine verwertbaren Spuren. Auch nichts unter den Fingernägeln. Allerdings wurden Faserspuren von grünem Mohair mit Polyamid gefunden. Die Kleidung der Toten wird deswegen noch überprüft, aber es ist ziemlich sicher, dass sie nichts in dem Farbton hatte, wie die Trackmann sagte. In einem Wäschekorb wurde gebraucht Bettwäsche, Handtücher, Dessous….“ sie sah ihn mit einem anzüglichen Blick an, dazu fuhr sie sich mit der Zunge langsam, lasziv über die Lippen, „na ja, eben so Sachen gefunden und Spermaspuren sichergestellt. DNA wird erstellt.“ Sie schaute ihren Chef selbstbewusst, vielleicht sogar ein wenig herausfordernd an, als wenn sie das alles herausgefunden hätte, lächelte und ließ ihre schwarz getuschten Wimpern dabei gekonnt klimpern. „Ich kenne den Bericht schon“, gab er nur kühl zurück, da ihn an manchen Tagen, die Anmache, aber besonders die teilweise Respektlosigkeit der jungen Kommissarin nervte. „Peter, beschaff mir den Typen und nimm dir zwei Mann von der Streife mit, zur Sicherheit und…“ „Welchen Typen“, fiel Lisa ihm gleich keck ins Wort. „Schon jemand im Visier? Haben wir den Fall etwa schon gelöst?“ Er nickte dem Kommissar, der leicht sein Gesicht verzogen hatte, zu, wartete bis sich die Tür hinter dem geschlossen hatte und wandte sich dann an Lisa, lehnte sich vor, legte die Arme auf den Schreibtisch. In seinem Blick war nichts freundliches mehr zu erkennen. Seine Stimme hatte alle Wärme verloren, klang jetzt kalt und schneidend. „Zum einen ist das mein Büro, das Büro deines Chefs, wo man anklopft und wartet bis ich herein rufe. Man platzt nicht einfach in ein Zimmer und unterbricht Gespräche. Zum Zweiten setzt man sich nicht unaufgefordert. Hat man dir kein Benehmen beigebracht? Drittens, wenn ich Anweisungen gebe und nichts weiter dazu erkläre, dann ist es so und dann will ich mich bestimmt nicht von dir ausgefragt werden. Du scheinst manchmal zu vergessen, wen du vor dir hast. Auch Oberkommissar Resser hat sich wiederholt über deine Respektlosigkeit beschwert. Zum vierten solltest du eventuell mal deine Kleidung etwas überprüfen. Wie willst du mit diesen Klamotten einem Täter nachlaufen? Wir sind hier in keiner Kneipe, wo du Männer damit anmachen kannst, ganz abgesehen davon steht es dir nicht. Vielleicht solltest du mal darüber nachdenken, ob du hier nicht in der falschen Abteilung arbeitest. Das sage ich dir heute nicht zum ersten Mal, was dir anscheinend egal ist, folglich werde ich daraus meine Konsequenzen ziehen.“ Sie sah ihn mit großen Augen an, platzte dann heraus: „Heute wohl schlechte Laune, weil ich dich aus dem Bett geholt habe? Musst du vielleicht weniger rum…“ „Es reicht“, donnerte er los. Seine Augen funkelten schwarz vor Zorn. „Was erlaubst du dir eigentlich? Das wird einen Eintrag in deine Akte geben und ich werde deine Versetzung beantragen. Du kannst gehen und ich möchte heute noch alle Aussagen sauber geschrieben auf dem Schreibtisch haben und zwar von dir. Wage es nicht, das einer der Damen zu geben.“ Sie rauschte aus dem Büro und warf laut krachend die Tür hinter sich zu. Er blickte einen Moment auf die Tür, überlegte kurz, erhob sich dann und trat in das große Büro. „Ich möchte alle bitten, morgen früh um acht hier zu sein.“ Er sah seine Mitarbeiter der Reihe nach an, ignorierte die fragenden Blicke, ging in sein Büro zurück, widmete sich dem neusten Fall.
Eine Stunde später kam Peter Sinner mit Holger Neidhold zurück, der in einem Vernehmungszimmer wartete. Daniel erhob sich und folgte dem jungen Kommissar. „Du führst die Vernehmung“, wandte er sich an den jungen Mann. „Und morgen früh um acht bitte hier im Büro. Die anderen wissen schon Bescheid.“ Er öffnete die Tür, nickte dem Beamten zu, der den Raum verließ. Sinner setzte sich hin, während er stehen blieb und den Mann betrachtete: Vierzig Jahre, sah aber noch gut aus. Sehr gepflegt, kein üblicher Goldschmuck, wirkte irgendwie seriös. Peter Sinner schaltete ein Aufnahmegerät ein und führte die übliche Belehrung aus. „Sie kannten die Tote Irene Clement. Wann haben Sie die Frau das letzte Mal gesehen?“ „Gestern Mittag, so gegen zwölf. Wir hatten einen kleinen Streit am Vortag und den haben wir gestern beigelegt.“ „Um was ging es?“ „Um die Miete, aber deswegen bin ich doch nicht hier. Ich habe sie nicht umgebracht. Ich mochte die Frau und hatte Hochachtung vor ihr. Sie hat den Job nur wegen der Schwester gemacht. Die ist nämlich behindert.“ „Wo waren Sie in der Nacht zwischen elf und eins?“ „In meinem Laden. Dafür gibt’s zig Zeugen, da wir den Geburtstag eines Stammkunden gefeiert haben.“ Der Mann sah jetzt zu Daniel hoch, der mit verschränkten Armen am Fenster stand. „Ich bin wirklich sauber. Nichts mehr! Ich habe eine dreijährige Tochter und die will ich aufwachsen sehen. Keine krumme Dinger mehr.“ „Geben Sie meinem Kollegen die Namen der Gäste, dann benötigen wir eine Speichelprobe und Fingerabdrücke. Danach können Sie gehen, aber bleiben Sie in Hamburg. Waren Sie jemals in der Wohnung?“ „Ja, zwei, drei Mal.“ „Hatten Sie was mit ihr?“ „Nein, mit keinen der Mädchen, die dort wohnen. Ob Sie`s glauben oder nicht, aber ich bin meiner Frau treu. Ausgetobt habe ich mich früher. Mit dem Alter wird man ruhiger.“ „Das wiederum interessiert uns wenig.“ „Wie wurde Irene umgebracht? „Man hat sie erdrosselt. Kennen Sie sich mit Wahrsagerei im weitesten Sinne aus?“ Der Mann sah erst Daniel, dann Peter an, nicht ganz begreifend. „Sie meinen Horoskope? Nein, meine Frau liest es mir manchmal aus der Tageszeitung vor, wenn es besonders gut ist“, lächelte er leicht, als wenn er sich auch jetzt darüber amüsieren würde. Daniel blickte auf seine Uhr, verabschiedete sich und verließ den Raum. Er musste los, wenn er pünktlich bei Carola sein wollte.
Sie erwartete ihn schon. „Da bist du ja. Eine Stunde habe ich Zeit, dann geht mein Dienst los.“ „Ach, du Arme. Wo ist dein Göttergatte?“ „Arbeiten. Sven kommt nach Hause und ich gehe. Tolles Privatleben, aber setzt dich. Essen ist fertig.“ Erst während des Essens kam er auf den Grund zu sprechen, weswegen er hier war. „Erzähl mir was über ein Pentagramm oder Pentakel. Es steht so auf zwei Spitzen, falls das was zu bedeuten hat. Ich habe schon ein bisschen im Internet gelesen.“ „Warum willst du das wissen?“ „Ein neuer Fall. Einer Toten wurde das auf den Oberkörper geritzt. Ich zeige dir später auch Fotos, wenn du willst.“ „Gut, brauch ich dir nicht den Grundbegriff erläutern. Das Pentakel. Ein Symbol, das auch von der Wicca-Religion verwendet wird, wie auch in vielen anderen. Es war zum Beispiel in Nordafrika und im Mittleren Osten allgemein als Glücksbringer bekannt.“ „Was ist denn Wicca?“ „Begriff Wicca bedeutet so in etwa Wahrsagen. Obwohl Angehörige des Wicca-Kultes als Hexen bezeichnet werden, ist nicht jede Hexe eine Wicca. Es gibt verschiedene Teilrichtungen der Hexenkunst, in die bestimmte Glaubens- und Lebensvorstellungen nur teilweise eingebracht werden. Im Europäischen Raum arbeiten viele Hexen allein und sehen sich nicht als Wicca, sondern fühlen sich einer anderen Religion zugehörig. Die traditionellen Wicca schließen sich üblicherweise einem Hexenzirkel an, einem Kreis, der auf den schottischen Hexenglauben zurückgeht. Die Wicca lehnen aber schwarze Magie ab. Wicca ist also nicht ein seltsamer und gefährlicher Kult, sondern eine ernstzunehmende Hexenforschung. In den vergangenen Jahren hat in den modernen Gesellschaften allgemein das Interesse am Okkultismus zugenommen. Das Auftauchen moderner Formen der Hexerei, oft als Wicca-Kult, was von dem altenglischen Wort wicce mit der Bedeutung Hexe, abgeleitet wurde, bezeichnet, wird in der Regel einem wachsenden Interesse an alternativen Religionen zugeschrieben.“ „Was weißt du von schwarzer Magie?“ Er tupfte sich die Lippen, bevor er nach dem Weinglas griff. „In der Regel bezeichnet man als schwarze Magie alle Rituale, bei denen Dämonen oder der Teufel beschworen werden. Die schwarze Magie ist die Form, welche im Mittelalter am häufigsten angewendet wurde. Bei den Ritualen der schwarzen Magie wurde meist ein Tieropfer benötigt, da das Blut des Tieres etwas Heiliges für einen Schwarzmagiers ist, es soll die Kraft des Zaubers verstärken oder auch Übermächten oder dem Satan als besänftigendes Opfer dienen. In einigen schweren Fällen von Opferungen wurde ausschließlich Menschenblut verwendet, bevorzugt jenes von Jungfrauen. Ein unverkennbares Zeichen der schwarzen Magie ist das umgekehrte Pentagramm. Was du aber nicht so hast, sondern das gute Pentagramm, wenn ich es mal vereinfacht so nennen darf.“ „Also keine schwarze Magie, aber auch Männer können diesem guten Kult beitreten.“ „Ja, sicher. Das Symbol der Göttin erlaubt jenen Männern, welche ihre weibliche Seite ihrer Natur zum Vorschein bringen könnte, sich in dieser Gemeinschaft zu integrieren. Der Mann muss auf seine Jahrhunderte lange anhaltende Herrschaft verzichten und gleichzeitig das starke, selbstbewusste weibliche Wesen akzeptieren. Sie, die Göttin, beherrscht nicht die Welt, sondern ist die Welt. Sie rechtfertigt auch nicht die Herrschaft des einen Geschlechtes durch das andere, sondern lässt wachsen und jeden seine Wahrheit finden.“ Carola machte eine Pause, nahm ihr Glas Mineralwasser und trank nachdenklich. Daniel beobachtete sie und ahnte, dass da gleich noch etwas kam, da ihre grünen Augen blitzten. Sie strich sich ihre langen braunen Haare zurück, richtete dann den Blick auf ihn. „Mir fällt gerade etwas ein. Weißt du, wir hatten gerade Beltane.“ „Was ist Beltane nun wieder?“ „An Beltane wird die Wiedergeburt gefeiert. Dies ist der heilige Tag des Feuers, das im häuslichen Herd brennt. Die Vereinigung von Gott und Göttin wird gefeiert. Beltane ist auch bekannt unter den Namen Walpurgisnacht. Wie an Samhain sind die Schleier zwischen den Welten an diesem Tag besonders dünn, wird behauptet und jetzt lach nicht. An Beltane werden riesige Feuer entzündet, um die dunklen Winterdämonen zu verjagen. Die Elfen und Feen sind in dieser Nacht unterwegs, und man kann ihnen begegnen.“ „Oder einem Mörder, der sich als böse Fee verkleidet hat“, gab er lakonisch von sich. „Und jetzt noch etwas. Die Hohepriesterin bei einem Tarot, welche Bedeutung hat sie?“ „Wurde die auch dort gefunden?“ Daniel nickte, während er sich wieder dem Salat widmete. Er aß langsam, genussvoll, so wie meistens. Er war nicht nur was das Essen betraf ein Genießer, dachte Carola amüsiert, während sie ihn beobachtete. „Die Hohepriesterin ist eine gütige, fast liebe Person. Die Göttin, die Allmutter. Sie ist die Quelle aller Fruchtbarkeit, ansehnlicher Weisheit und liebevoller Umarmung. Man kennt sie als Jungfrau, Mutter und altes Weib. Diese drei Aspekte symbolisieren die drei Mondphasen: den zunehmenden, den vollen und den abnehmenden Mond. Die Göttin verkörpert analog dazu auch das ungepflügte Feld, die reiche Ernte, sie gebärt Leben und sichert Überfluss. Doch das Leben, das sie schenkt, versieht sie zugleich mit dem Versprechen des Todes. Der Tod aber ist keineswegs nur Finsternis und Absinken ins trübe Reich des Vergessens, sondern ein Ausruhen von der Mühsal der physischen Existenz. Er ist die Existenzform, in der wir uns zwischen unseren Inkarnationen aufhalten.“ „Und der Typ dazu?“ Carola Peters schüttelte leicht den Kopf, musste aber doch grienen. „Der männliche Gott findet sich zum Beispiel in der Sonne, was bereits sein ganzes Gewicht zeigt. Die Sonne erleuchtet unseren Tag und bestimmt im ewigen Zyklus von Tag und Nacht, den Rhythmus unseres Lebens. Ohne sie könnten wir gar nicht existieren und aus diesem Grunde wurde sie als Quelle allen Lebens verehrt. Das findest du auch bei den alten Ägyptern und ihrem Re, Aton. Der männliche Gott ist der Hüter der wilden Tiere. Die Hörner, die er als Gehörnter Gott trägt, symbolisieren diese Verbindung. Deshalb galt die Jagd früher wohl auch als sein Territorium, während ihr mehr die Domestikation der Tiere zugeordnet wurde. Das Reich des Gottes umfasst unberührte Wälder, heiße Wüsten und steile Berge. Auch die Sterne gehören als ferne Sonnen zu seinem Herrschaftsgebiet. Er wird zudem mit der reifen Ernte identifiziert. In alten Zeiten betrachtete man den Gott als den Himmelsvater und die Göttin als Mutter Erde. Der Gott des Himmels, des Regens und des Blitzes stieg hinab und er vereinigte sich mit der über das ganze Land ausgebreiteten Göttin und zusammen begingen sie so ihre Fruchtbarkeit.“ „Also Sex und machten viele Kinder. Sag, Carola, was hat dieses Pentagramm mit dieser Karte zu tun?“ Sie überlegte eine Weile, sah ihn an. „Ich vermute, dass das entweder jemand nur als Verschleierung benutzt, dann ist es ein einmaliger Mord. Sollte es jedoch etwas mit der Mythologie, Wahrsagerei oder wie immer du das bezeichnest, zu tun haben, wird es mehrere Morde geben. Dann hast du es mit jemanden zu tun, der irregeleitet ist. Zeig mir die Fotos.“ Er holte aus seiner Jackentasche die Bilder und gab sie ihr. Sie sah sie sich aufmerksam an. „Was hat sie da um den Hals?“ „Einen BH.“ „Hat man sie damit erwürgt?“ „Ja, erdrosselt würde unser Gerichtsmediziner gleich wieder richtig stellen.“ „Warum gehst du davon aus, dass es ein Mann war?“ Für einen Augenblick war er verblüfft. „Willst du damit sagen, dass es eine Frau getan hat?“ Sie schaute sich nochmals die Bilder an, reichte sie ihm zurück. „Es könnte doch sein.“ Daniel sah sich ebenfalls die Bilder an, überlegte. „Sie war eine Edelprostituierte und wir gehen von einem bescheuerten Freier aus, vielleicht Stress in der Szene. Warum sollte sie nachts in diese Wohnung gehen, wo sie nur dem Job nachging, wenn sie nicht auf einen Kunden gewartet hätte? Warum sonst diese Aufmachung, dazu der Champagner?“ „Eventuell war der gerade weg. Vielleicht hat sie auf einen gewartet, aber jemand hat sie vorher umgebracht. Der Typ hat sich dann verkrümelt, aus Schiss oder weil keiner wissen darf, dass er solche Frauen aufsucht. Du weißt doch, kein Mann geht zu einem Callgirl.“ „Ja, ich weiß, deswegen gibt’s auch soviel davon und alle haben zu tun. Aber, warum eine Frau?“ „Nur so. Ich behaupte nicht, dass es eine Frau war, sondern ziehe es in Erwägung.“ „Vielleicht hast du Recht, deswegen auch kein Sperma.“ „Da gibt’s Kondome.“ „Wenn, müsste er das mitgenommen haben, zudem hat der Gerichtsmediziner nichts von einem Geschlechtsverkehr festgestellt, weder noch, keine Hautpartikel, Schamhaare, Schuppen oder sonst etwas in dieser Richtung.“ „Was man alles beim Sex hinterlässt“, schüttelte sie den Kopf. „Aber ich muss los.“ Daniel ging nach oben in seine Wohnung, betrat die Dachterrasse. Vorn an der Brüstung stand immer noch die Pflanze, die er bei seinem Einzug vor fast drei Jahren vorgefunden hatte. Inzwischen wusste er, dass es ein Ficus Benjamin war, den er sogar regelmäßig goss. Ein großer buschiger Strauch war inzwischen daraus geworden. Er blickte Richtung Hafen. Die Elbe wogte wie flüssiges Blei. Während seiner Schulzeit war er mit der Klasse in einem Bleiwerk im Harz gewesen und es war ein Farbton den er irgendwie mochte, was sich auch bei seiner Einrichtung oder teilweise in seiner Kleidung widerspiegelte.
Eine Weile sah er den Lichtern zu, die auf der grauen Flüssigkeit hin und her schaukelten. Aber dann waren seine Gedanken wieder bei der Toten. Er dachte über das nach, was ihm Carola erzählt hatte. Irgendwie ahnte er, dass das erst der Anfang von toten Frauen war. Das schloss er aus dem Pentagramm und dieser Tarotkarte, besonders aus der. Was bedeutete, dass man schnell den Mörder… die Mörderin fassen musste. Er ließ alles, was er von der Frau wusste, gesehen und gehört hatte Revue passieren, aber nirgends war ein Anhaltspunkt. Es musste noch etwas geben, was sie noch nicht wussten oder übersehen hatten. Vielleicht war es unter den Nutten doch nicht so harmonisch zugegangen? Vielleicht hatten doch einige Nachbarn etwas gegen diese Sorte Frauen? Vielleicht gab es einen verlassenen Freund, der ausgerastet war? Einen Freier, der die Beherrschung verloren hatte, ein Zuhälter, der sie erpressen wollte? Was er zwar nicht wirklich glaubte. Wer ging zu einer Prostituierten mit einer Tarotkarte? Das war ein geplanter Mord, keine Tat im Affekt. Aber sie standen ja erst am Anfang ihrer Ermittlungsarbeit.
* Morgens rief er seine Mitarbeiter zusammen. Er musterte alle der Reihe nach, blickte an Lisa Schmitt hinunter, deren Absätze heute noch höher und deren Rock noch kürzer schien, als wenn sie ihn damit herausfordern wollte. In dem Gesicht bemerkte er, wie sie ihn provokativ angrinste. „Setzen wir uns.“ Er wartete bis alle saßen. „Zum Ersten: Lisa Schmitt wird uns in absehbarere Zukunft verlassen, da ich wegen deren Versetzung gestern mit dem Personalchef und Kriminaldirektor Keitler gesprochen habe.“ Jetzt zauberte er ein kleines Lächeln auf sein Gesicht, sah sie an, ausdruckslos. „Aber ich will hier nicht weg, nicht von dir und…“ Daniel sah ihren jetzt entsetzten Blick. „Ich habe dich wiederholt aufgefordert, dein Benehmen zu ändern, ferner deinem Job gemäß herumzulaufen. Mit zehn Zentimeter hohen Absätzen, einem engen Minirock kann man wohl schlecht jemanden nachlaufen und ich möchte Leute um mich haben, die ihren Job richtig machen und nicht darauf warten, dass andere ihnen die Arbeit abnehmen, nur weil sie Modepüppchen spielen wollen. Die Männer in meiner Abteilung sind bestimmt nicht dazu da, für irgendeine Frau die Kastanien aus den Feuern zu holen, nur weil die sich für was Besseres hält. Die Entscheidung ist gefallen.“ Er sah von ihr weg. „Zum Zweiten wird in wenigen Tagen Kommissarin Ines Kliester hier beginnen. Die meisten wissen das ja schon und kennen Frau Kliester bereits, da sie wieder...“ „Ach, deswegen muss ich weg. Du bist ja so was von gemein.“ „Nein, deswegen nicht, sondern wegen den anderen Dingen, alle auf empirische Erkenntnissen beruhend. Für dich wird ein junger Mann von der Sitte kommen, der jetzt neu ernannte Kommissar Rene Sanders. Er hat schon vor einiger Zeit um seine Versetzung gebeten. Auch den kennen die meisten.“ „Diesen Jungen?“ Lisa lachte und Daniel erhob sich. „Als wenn der mich ersetzen könnte.“ „Du hast eine eklatante Schwäche, du überschätzt dich und zwar elementar. Er ist bereits Kommissar, obwohl er ein Jahr jünger ist als du und jetzt kannst du gehen“, erwiderte er eisig. „Du darfst, bis entschieden ist, wohin man dich versetzt, zu Hause bleiben und Urlaub nehmen. Ich verzichte auf deine weitere Mitarbeit und werde nachher die Personalabteilung davon unterrichten.“ Jetzt war sie doch geschockt, blieb aber sitzen. „Ich will nicht woanders hin.“ „Das hättest du dir vorher überlegen sollen. Du wurdest von Herrn Resser, Herrn Sinner und mir oft genug verwarnt. Ich habe versucht, dir drei Jahre Benehmen beizubringen, habe dich gerade in den letzten Monaten wiederholt wegen deiner Kleidung angesprochen, da diese einfach nicht zu einer Beamtin und angehenden Kommissarin passt. Dazu kommt, dass du machst was du willst, ignorierst Anweisungen deiner Kollegen, spielst dich ständig in den Vordergrund. Verlasse bitte den Raum, da ich noch einiges zu besprechen habe.“ „Bitte, ich ändere mich auch“, kam es jetzt leise von ihr. Daniel sah Oberkommissar Klaus Resser an, der leicht nickte, sah auch dessen verschwörerisches Grinsen, was gerade bei dem etwas sehr seltenes war. „Also gut, bleib erst einmal. Kommen wir zum neuen Fall Clement. Bitte der Reihe nach, die üblichen Informationen.“ Er stellte sich ans Fenster, sah hinaus, hörte sich alles von seinen Mitarbeitern an, auch deren Schlussfolgerungen und Vermutungen. Ein Ablauf, den er vor Jahren eingeführt hatte und der sich bisher sehr gut bewährt hatte. Er wollte und würde nie seine Meinung, Anschauungen jemanden aufoktroyieren. Alle Mitarbeiter hatten die gleichen Informationen, setzte sie damit alle auf die gleiche Stufe, egal wie lange sie in der Abteilung waren, selbst seinen Stellvertreter, Oberkommissar Klaus Resser, aber allen wurde auch so immer wieder vor Augen geführt, wer der Chef war, ohne dass er das besonders hervorkehren musste. Er war mit seinen vierunddreißig Jahren ein sehr junger erster Hauptkommissar und das hatten gerade am Anfang manche nicht anerkennen wollen. Die Akzeptanz gerade bei den älteren Kollegen fehlte. Aber Daniel hatte das sehr schnell, auf seine Art und teilweise mit Diplomatie, in die richtige Bahn gelenkt und seitdem gab es in dieser Hinsicht keine Probleme mehr. Im Gegenteil, die meisten Kollegen bewunderten insgeheim seine Schlussfolgerungen, teilweise seine Intuitionen, seine Arbeitsweise, aber auch sein Durchsetzungsvermögen und wie er sich auch immer vor seine Leute stellte. Die dreizehn Frauen und Männer arbeiteten gern bei ihm, zumal er auch sehr selten den Chef herauskehrte. Besonders aber Frauen, auch aus anderen Dezernaten hatten am Anfang versucht, in seine Abteilungen zu kommen, aber vergebens, da er bereits bei Vorgesprächen merkte, warum sie in seine Abteilung wollten. Deswegen waren nur einige ältere Sekretärinnen in den drei Büros. Mit Ines würde die erste Kommissarin Einzug halten. „Warum geht ihr eigentlich alle von einem Mann aus“, fragte Klaus Resser. „Es könnte doch auch eine Frau gewesen sein. Jemanden zu erdrosseln schafft auch die, zumal man die Frau vorher niedergeschlagen hat. Sie sich also nicht mehr wehren konnte und dieser ganze mystische Kram passt besser zu einer Mörderin.“ „Das ist richtig, auch davon müssen wir ausgehen.“ Nun berichtete er noch, was er über das Pentagramm, auch über das Beltanefest gehört hatte, sprach über die Tarotkarte, danach ging es für alle an die Arbeit, was bedeutete, weitere Aussagen aufnehmen, das Opfer zu durchleuchten und das Umfeld in mühsamer Kleinarbeit zu durchforsten.
Kaum saß er an seinem Schreibtisch, als Lisa Schmitt in sein Zimmer kam, wieder einmal ohne zu klopfen. Er sah sie wütend an, legte den Telefonhörer wieder hin, da er gerade in der KTU anrufen wollte, da er auf den Terminkalender und die Nummern aus dem Handy wartete. „Man klopft“, stellte er lakonisch fest. „Was gibt es?“ Sie setzte sich wieder unaufgefordert, schlug die Beine so übereinander, dass man seitlich bis zu dem Slip schauen konnte. Sie wippte leicht mit dem einen Bein. „Warum willst du mich wirklich aus der Abteilung weg haben?“ Er lehnte sich zurück. „Warum habe ich gesagt, nur du scheinst es nicht zu verstehen. Dein gesamtes Auftreten lässt mehr als zu wünschen übrig. Du solltest dich zur Sitte versetzen lassen, da passt du mit deinen Klamotten hin, die setzen da immer Frauen als Lockvogel und so ein.“ Für einen Moment sah sie ihn sprachlos an, wurde erst blass, dann rot im Gesicht. „Du bist ja richtig ekelhaft“, stellte sie mit etwas zittriger Stimme fest. „Warum machst du das mit mir? Findest du mich so hässlich oder warum siehst du nicht, das ich das alles nur deinetwegen mache. Du lässt doch sonst bei keiner Frau etwas anbrennen. Ich bin gut in meinem Job, denke eigenständig und erledige meine Arbeiten sehr selbstständig.“ „Erstens geht dich mein Privatleben nichts an. Zweitens bist du nicht mein Typ, noch würde ich jemals was mit einer Kollegin anfangen. Drittens arbeiten wir alle als Team, was bedeutet, dass es Absprachen, interne Kommunikation und ein miteinander praktizieren gibt. Viertens hast du den Anweisungen deiner Kollegen Folge zu leisten und diese nicht zu ignorieren, weil du dir einbildest, dass du hier etwas Besonderes bist. Sie stehen alle, ich wiederhole, alle über dir. Fünftens kannst du nicht kommen und gehen wie es dir beliebt. Sechstens triffst du hier bestimmt keine Entscheidungen, egal in welcher Hinsicht. Siebtens hast du kein Benehmen, verhältst dich respektlos gegenüber allen Mitarbeitern, erlaubst dir sogar, meiner Sekretärin Befehle zu erteilen. Achtens erledigst du deine Arbeit überhaupt nicht gut. Du pickst dir die Rosinen raus, machst ständig um alles ein Spektakel und wenn alle anderen, in mühevoller Kleinarbeit, den Fall klären, mischt du dazwischen, als wenn du es gewesen wärst. Neuntes denkst du nicht selbstständig, du denkst gar nicht. Du versuchst dir deine Arbeit auszusuchen, wie es der gnädigen Frau genehm ist. Zehntens läufst du hier herum, dass es einen gruselt, nebenbei ist es affektiert. Du willst Kommissarin werden, aber das erreichst du nicht, indem du jedem Mann hier zeigst, was du für Unterwäsche trägst. Das interessiert nämlich keinen. Es ist nur billig. Du denkst, dass du hier als Frau eine Sonderstellung einnimmst, aber dem ist nicht so, obwohl du es gern willst. Du erwartest, dass die Männer für dich die Arbeit machen und du daneben stehst und die Lorbeeren einheimst. Du drängelst dich permanent in den Vordergrund. Denke nur an den Fall Müller, was du da für einen Mist vor den Reportern von dir gegeben hast. Als wenn du das non plus ultra wärst, du den Fall gelöst hättest, dabei hast du nur ein paar Aussagen aufgenommen. Du hast nichts, aber auch gar nichts dazu beigetragen, gibst jedoch ein Statement ab, als wenn nur du alles aufgeklärt hast, erwähnst dabei noch falsche Details, nebenbei haben wir für so etwas eine Pressestelle.“ Er griff nach seiner Kaffeetasse während er sie weiter kalt ansah. „Ich sehe nicht billig aus und auch das andere stimmt so nicht. Ich mache meine Arbeit gut und du sagst auch was zu den Journalisten.“ „Selten und en passant bin ich der Chef dieser Abteilung. Was du anscheinend vergisst. Du stehst weit unter uns allen. Deine Arbeit machst du seit Monaten nicht, wenn man dich nicht anmeckert. Du ruhst dich auf deinem Hintern aus, willst alles wissen und gibst dann deine Kommentare zu den Dingen ab, die andere herausgefunden haben. Teilweise Kommentare, die einfach nur blöd sind, von nicht Kenntnis zeugen. Wiederholt haben sich deine Kollegen beschwert, dass du nur zu solchen Leuten mitfährst, die dir in den Kram passen, ansonsten bleibst du im Auto sitzen, was außerdem auch noch gegen die Dienstvorschrift verstößt. Du hast gerade in den letzten Monaten drei Zeugen, männliche Zeugen, angemacht. Frauen haben sich mehrmals über deinen pampigen Ton beschwert, aber ich habe jetzt keine Zeit oder Lust, das alles wieder herauszukramen. Du hast mehrere Einträge in deiner Personalakte, weil du permanent kommst und gehst, wie es dir gefällt. Adäquat habe ich diese Entscheidung getroffen. So, ich habe zu arbeiten, dort ist die Tür.“ Er rollte mit seinem Stuhl wieder etwas nach vorn und beugte sich über das Papier. „Daniel, ich möchte hier bleiben, bitte. Ich ändere mich auch. Es war nur, weil ich dachte… das du… das du mich mehr beachtest, wenn ich… wenn ich chic angezogen bin.“ Ihre Stimme war immer leiser geworden und er seufzte leise auf. „Lisa, noch einmal und versuche zu denken, zu begreifen. Ich will und wollte nie etwas von dir. Ich bin dein Chef und nicht mehr und das wird immer so bleiben. Such dir einen Mann woanders. Du bist nicht mein Typ und chic angezogen kann man das auch nicht nennen, jedenfalls nach meinem Geschmack. Ich finde es ordinär, billig, besonders als angehende Kriminalbeamtin so rum zu laufen.“ Sie erhob sich und verließ sein Zimmer, ohne noch etwas zu äußern. Einige Sekunden dachte er noch über sie nach, schüttelte dann leicht den Kopf, griff zum Telefonhörer, als es wieder klopfte, seufzend legte er wieder auf. Kriminalsekretärin Heidrun Müller steckte den Kopf herein. „Ich habe hier die Unterlagen von der KTU und einen Bericht von der Ulvers.“ „Da warte ich schon drauf.“ Sie kam näher und er zeigte auf einen Stuhl. „Magst du einen Kaffee“, fragte er sie, worauf sie nickte. „Sag, wollt ihr die kleine Schmitt wirklich versetzen?“ „Ihre letzte Chance, aber sag es ihr nicht. Zwei Wochen hat sie Zeit sich zu ändern, sonst stelle ich wirklich ein Gesuch. Klaus hat mich davon abgehalten, es gleich zu machen. Er mag die Kleine irgendwie.“ Daniel grinste die ältere Frau an, während er ihr den Kaffeepott hinstellte. „Wenn sie es jetzt nicht kapiert, soll sich jemand anders mit ihr rumärgern.“ „Die Kleine ist in dich verknallt.“ „Ja, ich weiß, aber ich nicht in sie. Zu klein, zu dick, zu blond, zu jung, zuviel Schminke, zu nervig, zu laut, zu dumm und das muss sie begreifen.“ Heidrun trank einen Schluck und sah ihn schelmisch an. „Schuld bist du. Du siehst einfach zu gut für einen Mann aus. Das gibt nur Komplikationen und Ärger mit den Frauen, siehe die Ulvers. Auch so ein Fall.“ Er lachte auf und grinste seine Sekretärin an. „Dafür kann ich wohl nichts. Da musst du mal mit meinem Vater reden, der sieht nämlich fast ähnlich aus und was Rita betrifft, die spinnt genauso wie Lisa, nur die Ulvers ist auch noch zehn Jahre zu alt. Was soll ich machen? Mir einen Bart wachsen lassen? Mir die Haare abrasieren? Mir alte Klamotten anziehen?“ Er grinste sie an. „Vielleicht solltest du heiraten, dann wäre Ruhe. Bleib ansonsten wie du bist. Mir gefällt der Anblick. Endlich mal einen Mann wie aus der Werbung um mich rum und das tagtäglich.“ Er lachte jetzt laut auf und man sah seine weißen ebenmäßigen Zähne. An ihm stimmt wirklich alles, dachte Heidrun. Der hat nirgends einen Makel, weder außen noch innen. Ein feiner Kerl. Er stellte eine Packung Kekse hin, nahm sich einen. „Heidrun, bestimmt nie wieder. Einmal reicht, aber vielleicht sollte ich mir meinen alte Ehering einfach wieder aufstecken und so tun, als ob. Nimm dir.“ „Probier´s mal, vielleicht keine schlechte Idee, aber steck ihn auf die andere Seite, so denken sie, dass du erstmal verlobt bist“, lachte sie ihn an. „Irgendwann werde ich noch rund.“ „Nie! Wie geht es deinem Mann? Geht es aufwärts?“ „Er muss jetzt zu einer Reha-Kur. Wir warten auf den Bescheid von der Krankenkasse. Die Versicherung hat aber endlich das Geld überwiesen und jetzt wollen wir uns erstmal ein neues Auto kaufen.“ „Wenn du mal frei haben möchtest, weißt du, dass das jederzeit geht.“ „Brauch ich aber nicht. Du hast mir in den letzten zwei Monaten schon oft genug geholfen.“ „Warum fährst du nicht für ein paar Tage mit? Einige Zeit zusammen zu verbringen tut euch nach dem ganzen Stress bestimmt gut.“ „Erstmal sehen, wann es losgeht und wohin genau. Vielleicht nehme ich mir eine Woche Urlaub. Hans hat mich auch schon gefragt.“ „Mach es. Es wird auch dir gut tun.“ Sie erhob sich. „Daniel, du bist der dritte Chef, denn ich habe, aber der liebste und netteste.“ Sie wandte sich an der Tür nochmals um, feixte ihn an. „Und der schönste.“ Er lachte kopfschüttelnd, da hatte sie schon die Tür von außen geschlossen. Er mochte die Frau sehr, musste er sich eingestehen. Sie hatte etwas von seiner Mutter an sich. Diese Munterkeit, diese fast immer gute Laune, Fröhlichkeit, Natürlichkeit und Ehrlichkeit. Nach einigen Minuten widmete er sich wieder dem Fall Clement und las den Bericht des Kriminal Technischen Institutes. Danach nahm er sich den Terminkalender der Toten vor. Er gab Peter Sinner die Telefonnummern, die man herausgefunden hatte. Die Kleinarbeit setzte sich für die gesamte Abteilung fort.
* Wieder einmal klingelte man ihn in der Nacht aus dem Bett, so kam es ihm jedenfalls vor, auch wenn die Uhr etwas anderes sagte. Es war sechs Uhr vorbei. „Verdammt, Daniel, mach das Licht aus. Ich will noch schlafen. Können die nicht später anrufen. Nicht mal ausschlafen kann man am Wochenende.“ „Dann fahr nach Hause und meckere hier nicht morgens herum“, fuhr er sie nicht gerade freundlich an. „Ich muss mich nun mal anziehen.“ „Kann man auch im Dunkeln.“ „Nicole, vergiss es, ja. Das ist meine Wohnung und hier bewege ich mich so, wie ich es will. Und wenn ich etwas hasse, dann ist es schlechte Laune am Morgen und das Gekeife einer Frau.“ Er ging ins Bad, machte demonstrativ überall das Licht an und kurz darauf verließ er seine Wohnung, nicht gerade bester Laune. Während er zu der Adresse fuhr, ging ihm durch den Kopf: Also haben meine Vermutungen gestimmt. Es war nicht nur der eine Mord. Fast drei Wochen waren seit dem letzten vergangen. Der Tatort war nur zwei Häuserblocks von dem letzten entfernt. Oberkommissar Klaus Resser empfing ihn, wie meistens mit einem Gesicht, als wenn er persönlich betroffen wäre. „Was haben wir?“ „Nicole Lemann, zwanzig, erdrosselt mit einem BH, was wohl die Todesursache war. Sie hat eine Beule am Kopf, was von einem Schlag deutet.“ Daniel ging an dem Kollegen vorbei und sah auf die Tote hinunter. Das schöne Gesicht war bereits durch Leichenflecken etwas entstellt. Die langen braunen Haare lagen teilweise über ihrem Gesicht. Die Tote trug noch Jeans, der Oberkörper war hingegen nackt und wieder mit Blut verschmiert. Er vermutete, dass man auch hier wieder dieses Pentagramm darauf geritzt hatte. Ihre Bluse hatte der Täter aufgeknöpft, lag seitlich und er ahnte, dass daran das Messer abgewischt wurde. „Sie wurde so zwischen elf und eins ermordet“, wandte sich der Arzt an ihn. Er stülpte der Frau gerade Plastik über die Hände. „Keine Kampfspuren zu sehen und wieder eine Tarotkarte. Dieses mal in die Jeans gesteckt.“ „Was ist es für eine?“ „Die Karte des Gerichts, Aeon.“ „Zweifelsfrei also der gleiche.“ Samuel Richter nickte. „Aber wir wussten, dass es so kommt. Das gleiche Vorgehen, ein Schlag, dann hat man sie oben entblößt, den Büstenhalter genommen und zu gezogen. Danach das Pentagramm, das Messer an der Bluse sauber gemacht, die Karte und weg. Interessant dabei, dass sie den BH nicht getragen haben kann, oder er hat ihre dies Bluse danach wieder angezogen. Die wurde auch nicht aufgerissen, sondern die Knöpfe ordentlich geöffnet.“ „Ja, und wir haben zugegebenermaßen nichts in der Hand. Absolut nichts! Eventuell ist es doch eine Ambiguität. Samuel, passt der BH zu dem Slip?“ Der Mediziner öffnete die Jeans etwas. „Nein, der ist weiß.“ Daniel erhob sich und sah sich in dem Raum um. „Wer hat sie gefunden?“ „Eine Angela Schmitz, wohnt in der Nachbarwohnung. Sie ist gekommen, um ihre Wohnung sauber zu machen, da ist ihr die offene Wohnungstür aufgefallen. Sie hat mir erzählt, dass sie die Tote gestern Abend so gegen achtzehn Uhr getroffen hat, kurz danach hat sie einen Mann gesehen, der bei Nicole geklingelt hat.“ Klaus Resser sah sich ebenfalls um, trat etwas beiseite, da der Fotograf gerade die Couch mit den Kissen darauf fotografierte. „Kann sie ihn beschreiben?“ „Ja, ich nehme sie mit ins Präsidium.“ „Benno müsste gleich hier sein, der kann sich um die anderen im Haus kümmern.“ Er sah sich noch in dem Raum um, der ebenfalls sehr geschmackvoll und gut eingerichtet war. Das Bett in einem zinnoberrot bezogen, war ordentlich gemacht. Keine Falten darauf, nichts. „Daniel, kannst du mal kommen“, hörte er die Stimme von Ilona Trackmann-Lievert und ging ins Bad. „Was hast du schönes gefunden?“ „Hier im Waschbecken sind dunkle kurze Haare und zwei benutzte Kondome im Müll.“ „Zu schön, um war zu sein. Brauchen wir nur noch den Typ dazu.“ „Wer weiß, ob es euer Mörder ist? Ich denke fast… nicht. Wer ist schon so blöd und hinterlässt sein Kondom, wenn er eine umbringt?“ „Du bist wieder ungeheuer aufbauend, aber leider muss ich dir Recht geben. Vielleicht zwei unterschiedliche Typen, obwohl ich auch das nicht denke. Wenn der gestern so gegen sechs gekommen ist, hat der bestimmt mehr als eine Nummer geschoben. Das Bett sieht wie frisch gemacht und bezogen aus. Das hat sie wahrscheinlich nach dem Weggang des Mannes gemacht, was hieße, dass sie da noch gelebt hat. Der Mann wird wohl kaum solange gewartet haben, um sie erst danach zu töten.“ „Mal sehen, ob wir schmutzige Wäsche finden.“ Daniel betrat die Küche. Auch hier alles vom feinsten, so wie auch der Champagner im Kühlschrank, Dom Pèrignon. Diese beiden Frauen waren wirklich nicht von der billigen Sorte und vielleicht war das der springende Punkt. Er sah im Müll eine leere Flasche der gleichen Sorte, zerknüllte Alufolie, einige Rest von Erdbeeren, Weintrauben. Benutzte Gläser oder Geschirr waren nicht vorhanden, also hatte sie auch noch abgewaschen. Wirklich alles sehr geschmackvoll, mit einem gewissen Stil und teuer. So etwas konnte auch Neid erzeugen. Nur wo suchen?
Nachdem er im Büro gefrühstückt hatte, sah er nach der Frau, die gerade dabei war, von dem Mann ein Phantombild zu erstellen. Er sah und hörte eine Weile zu, bis sie zufrieden war. Er sah sich das fertige Gesicht an, was ihn irgendwie an einen Geschäftsmann erinnerte. „Haben Sie den Mann schon öfter bei Frau Lemann gesehen?“ „Ja, ein Stammkunde. Wir haben fast nur Stammkundschaft. Nur selten kommt ein Neuer dazu.“ „Wieso das?“ Er setzte sich auf die Schreibtischkante und sah die junge Frau an. Auch sie eine kleine Schönheit, ging es ihm durch den Kopf. Selbst jetzt ungeschminkt, lässig mit Jeans und T-Shirt bekleidet. Wenn man sie so sah würde man nicht auf den Gedanken kommen, was sie beruflich so machte. „Wir verdienen mehr Geld, als die die auf der Strasse stehen. Ein, zwei Freier am Tag, dass war`s. Zum Beispiel Nicole hatte einen Mann, der sie jede Woche mit ins Theater genommen hat, danach sind sie Essen gegangen, das war alles. Das geht seit über einem Jahr und noch nie hat er mehr von ihr gewollt. Das kommt öfter bei uns vor.“ „Bei Ihnen auch, Frau Schmitz?“ „Ja, ich habe Geschäftsmänner, die mich, wenn sie hier zu tun haben, abends mitnehmen, als Begleitung. Nie zu mehr. Bei Irene war es genau so. Wenn der Engländer in der Stadt war, hat sie für ihn Dolmetscherin gespielt, war mit ihm bei Geschäftsessen.“ „Also Begleitservice, der Rest nicht ausgeschlossen.“ „So ungefähr, na ja, eben doch mehr das andere. Kann ich jetzt gehen?“ „Haben wir schon Ihre Fingerabdrücke?“ Sie nickte, erhob sich. „Ich hab noch eine Frage. Wenn Sie alle Stammkundschaft haben und nie Neue annehmen, wie kommt der Mörder dann an die beiden Opfer?“ „Ich habe nicht gesagt, dass das bei allen so ist und manchmal kommt schon ein Neuer dazu, sozusagen auf Empfehlung, aber wie das bei allen ist, weiß ich nicht. Ich kenne nur sechs, sieben näher. “ Sie sah Daniel jetzt an und er bemerkte Angst in den braunen Augen. „Bitte, Herr Kommissar, finden Sie diesen gemeinen Kerl, bevor noch eine stirbt.“ „Das möchte ich sehr gern. Nehmen Sie vorerst keine neuen Männer auf und bevor Sie die Tür öffnen, vergewissern Sie sich, wer davor steht. Ich habe gesehen, dass die Türen Spione haben, sehen Sie hindurch und wenn etwas sein sollte, rufen Sie an, lieber einmal zuviel, als zuwenig.“ Er sah ihr nach, als sie den Raum verließ, nahm die Zeichnung mit, reichte sie an seine Mitarbeiter weiter. „Den Mann suchen wir. Warten wir noch, ob die Spurensicherung etwas findet, ansonsten geben wir das heute Nachmittag raus. Peter überprüft das Alibi von diesem Neidhold, obwohl ich nicht denke, dass er etwas damit zu tun hat. Nur vorsichtshalber und wann er die Kleine das letzte Mal gesehen hat.“ Er ging in sein Büro, kaum saß er, als es klopfte und Lisa ihn fragend ansah. „Komm herein. Was gibt es?“ „Der vorläufige Bericht von der Autopsie.“ Er sah sie an und musste sich ein Grinsen verkneifen. Sie trug Jeans, flache Schuhe, eine Bluse, obwohl die sehr weit aufgeknöpft war, dass man die Spitzen eines Büstenhalters sah. „Etwas Neues dabei?“ „Ein Schlag auf den Kopf mit einem stumpfen Gegenstand, nicht sehr heftig. Danach wurde sie mit dem BH erdrosselt und dann wieder das Pentagramm, diese Karte. Ansonsten nichts Besonderes.“ Sie reichte ihm den Bericht, den er achtlos auf seinen Schreibtisch legte. „Lisa, fahr bitte mit Benno zu den Häusern. Ich möchte von jedem Bewohner eine Aussage, wer, wo, wann und warum war.“ „Warum kann das nicht Ines machen?“ Er schaute sie an und sie nickte. „Ist ja schon gut. Ich weiß, dass ich die Drecksarbeit bei den Nutten machen muss.“ „Lisa, es reicht. Du kannst dich gern versetzen lassen. Du wolltest hier bleiben. Vergessen?“ Sie nickte und verließ den Raum, während er sich den Bericht vor nahm und nochmals las, warf ihn auf den Schreibtisch zurück und nahm das Telefon. „Ilona, hast du etwas Neues für mich?“ Er hörte zu und notierte sich einige Telefonnummern. „Und sonst?“ „Ja, danke. Beeilt euch.“ Er legte wieder auf und wählte erneut die erste Nummer die er notiert hatte. „Wer spricht da“, fragte er, nachdem sich ein Mann nur kurz mit einem „Ja“ gemeldet hatte. „Hauptkommissar Briester, Mordkommission Hamburg. Ihren Namen bitte.“ Er hörte zu. „Herr Heinermann, kommen Sie doch bitte morgen Vormittag ins Präsidium. Wir benötigen Ihre Aussage in einem Mordfall.“ Dieses Spiel wiederholte er noch dreimal und wusste gleichzeitig, dass sie diese Männer nicht weiterbringen würden. Das war keiner der üblichen Freier. Das war ein Monster. Er nahm wieder das Telefon und verlangte Doktor Richter. „Ich habe eine Frage. Die beiden Morde des Pentagrammmörders, können die auch von Frauen begannen worden sein?“ Er hörte dem Mann fast zehn Minuten zu, der das alles weitschweifig erläuterte. Er legte auf und rief danach Klaus Resser in sein Büro. „Klaus, ich möchte morgen früh alle hier haben. Sagen wir so gegen sieben. Um neun muss ich zum Staatsanwalt. Für morgen Vormittag habe ich vier Freier der Toten herbestellt. Ich denke, dass unser Phantombild dabei sein wird. Falls ich noch nicht zurück bin, möchte ich, dass du die Männer ausfragst, auch zu ihrem Alibi für die Nacht vom dreißigsten April zum ersten Mai.“
Nachmittags fuhr er nach Hause und sah wütend das Chaos in seiner Wohnung. Sie hatte das Licht angelassen, was ihn noch amüsierte. Auf der hellgrauen Polsterecke lag ihr Morgenmantel, auf dem Tisch davor, was ihn weniger erfreute, stand das von ihr benutzte Geschirr, neben irgendwelchen Zeitungen, Lebensmittel die sie nicht in den Kühlschrank geräumt hatte. Eine Flasche Nagellack rundete das Chaos noch ab. In der dunkelblauen Badewanne fand er noch die Schaumreste vor, im Waschbecken weiße Zahnpastareste. Kurz entschlossen rief er sie an und beendete das Verhältnis. Das wollte und brauchte er sich wirklich nicht anzutun. Erst hörte er sie weinen, dann fing sie an zu zetern und er legte einfach auf. Er packte ihre wenigen Utensilien in eine Plastiktüte, rief ein Taxi und ließ die Sachen zu ihr schaffen. Danach räumte auf und machte sich etwas zu Essen, setzte sich gerade gemütlich vor den Fernseher, als es klingelte und Carola mit einer Flasche Wein vor der Tür stand. „Hast du Zeit?“ „Komm rein. Für dich immer. Wo ist dein Mann?“ „Bereitschaft bis morgen früh.“ „Ihr habt auch ein tolles Leben.“ Daniel holte zwei Gläser, setzte sich neben sie. „Weißt du, manchmal ist das ganz gut. Wenn man sich nicht dauernd sieht, bleibt die Spannung länger erhalten und man nervt sich nicht.“ „Auch ein Argument, aber am Wochenende mal zu zweit, kann doch auch sehr hübsch sein.“ „Nächstes Wochenende haben wir ja auch beide frei. Du bist ja heute auch allein.“ „Ich habe mit Nicole Schluss gemacht. Sie nervt mich nur und das wiegt das andere nicht auf.“ „Das war ja eine sehr kurze Geschichte“, grinste sie ihn an, worauf er nur mit der Schulter zuckte. „Unser Pentagrammmörder hat wieder zugeschlagen. Reichlich Ähnlichkeit aufgrund zahlreicher Affinitäten.“ „Wann?“ „Letzte Nacht, alles das gleiche Sc
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