mangofresser
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Canicule - Teil 3 - 2007/04/17 11:04
Teil 3
Céline hatte eine Schwäche für das Morbide. Das ganze Dorf schien der Veränderung und dem Fortschritt zu trotzen so lange es ging. Hinter alten Mauern und Steinen und langen Gardinen, die an den hohen offenen Fensten wehten, wurden Geschichten und Geheimisse konserviert, die längst jegliche Relevanz verloren hatten. Und keinen mehr interessierten. Der Bürgermeister hatte sich eine Villa mit großem eingemauerten Grundstück und Pool in Sondergröße am östlichen Ende von Marchellais auf einem Hügel bauen lassen. Das war vor neun Jahren, ein oder zwei Jahre, nachdem sie angefangen hatten, zwei Kilmeter westlich vom Dorf den riesigen Supermarché hinzuklotzen. Die Spekulanten hatten sich gegen die Initiative der in der Gegend bekannten Gruppierung von Altlinken durchgesetzt, die sich mehr oder weniger umtriebig für verschiedene Ziele einsetzten - den biologischen Anbau von Wein, gegen ein neues Autobahnteilstück, für bessere Integration von Kindern nordafrikanischer Herkunft in den Schulen...Bis sie wieder das Interesse verloren oder ihnen etwas Neues einfiel oder sie sich mit dem beschäftigten, was sie sonst auch machten - ihre eigenen Karrieren vorantreiben, bestrebt zu sein, mehr als ihr Nachbar zu verdienen, die eigene Frau noch zu vögeln oder eine andere oder ihr Schwulsein zu entdecken oder ihre Pädophilie zu verbergen oder das Spiel des Scheidungskriegs zu spielen - das die meisten von uns zwei- bis dreimal im Leben spielen und die einzig wahren unerbittlichen Schlachten im Leben darstellen. Und in weinseliger Sentimentalität alte Zeiten heraufzubeschwören, die so nie stattgefunden hatten, eine verlogene heroisierte Scheisse. Hoher Prozentsatz an heimlichen Säufern, hoher Prozentsatz an Pädagogen. Sehr hoher Prozentsatz an unsympathischen Oberarschlöchern eben, selbsternannten Gutmenschen. Natürlich wurde der gigantische Supermarkt gebaut, mit neuer Tankstelle und großem Parkplatzareal; und die ehemalige Bürgerinitiative traf sich mit der Familie dort zum Einkaufen. Drei oder vier Bäuerlein wurden für ihre Grundstücke oder Weinberge ausbezahlt, und ansonsten - selbstredend floss Geld, einiges an Geld - schließlich war kurz vorher noch ein Teil des Geländes als Erweiterung des Naturschutzgebietes im Gespräch - aber das Geld versickerte unbesehen ebenso wie dann auch das Interesse. Marchellais war ein Auslaufmodell, viele von den Jungen zogen irgendwann weg und der Ort lag im Landstrich wie ein altmodisches Kleidungsstück jahrelang in einem Dorfladen liegt, für das sich keiner jemals mehr interessieren wird. Mit einem BarTabac und einem Bäcker und keiner eigenen Grundschule mehr und einem Maire, der sein kleines persönliches Feudalspiel spielte und nun für drei Dörfer zuständig war und in seiner Villa hockte, aber im Grunde sehr sympathisch. Céline lächelte wieder. Es war ein Glück. Marchellais war zu verwittert und verkörperte eine Tristesse, die zu wenig spektakulär war, um für den Tourismus von Belang zu sein. Unauffällig und belanglos. Für mich wunderschön und vertraut. Und ideal für das, was ich vorhabe.
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