ElSedl
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 Grünschnabel
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Re:Januar - 2008/01/28 19:28
Schattenbox
Er hatte das Photo auf dem Dachboden gefunden. In einem alten Koffer aus brüchigem Leder, vergessen in der Ecke. Staubfäden fangend. Seit einer Stunde saß er nun da, am Küchentisch, im schummrigen Licht der blassblauen Lampe. Unruhig drehte er den Fund zwischen den Händen. Rätselhaft, sowohl die Herkunft als auch der Inhalt des Bildes: Zwei Silhouetten, gespiegelt auf nassgrauem Grund. Sie schienen zu ringen, oder versuchten sie sich zu umarmen? Eine Barriere lag als dunkler Strich zwischen ihnen. Ein Speer, gepflanzt zwischen ausgestreckte Arme. Beide Figuren waren männlich. Proportionen und Haltung der linken Figur erinnerten ihn an die Bemalung einer griechischen Vase. Sie war nackt, ein Fuß auf der Grenze. Selbst Schatten warfen die Figuren dem Betrachter ihr Abbild hin. Was mochte die Photographie darstellen, was war ihr tieferer Sinn? Eine Flut von Assoziationen floss über den Lampenschirm und ergoss sich knisternd auf Backpapier. Dort formten Teigkrümel Gebirge inmitten schimmernder Ströme. Er fuhr sich über die Augen und schob die Pizzareste beiseite. Alles Kleine barg das Große, alles Große das Kleine. Jede Form war nur ein Spiegel. Man konnte hindurchsehen, man konnte die Flüsse lenken und Welten bauen. Was war es das er sah? Der Mensch mit sich ringend auf schmutzigem Teer? Der Mensch als Schatten auf der planetaren Lunge? Ein Brückenschlag zwischen Antike und Moderne? Eine Allegorie des Krieges? Vielleicht der immer wieder beschworene Kulturkampf zwischen West und Ost, oder eine typisch deutsche Interpretation: Zwei Menschen, die sich über die Mauer hinweg die Hände reichen. Um den Weg zu ebnen für Investorenhorden. Die Schatten werfen Schatten, und die Welt fällt zurück. Im Zickzack die Luft durchstechend wie Fliegen in der Abendsonne verlassen die Gedanken den Dunstkreis der Lampe und durchstoßen seine Haut, seine Poren. Körperwelten. Innenperspektiv. Sein Ringen: Zwei Gewalten, sich würgend und kneifend. Die eine, die sagt, lass das Auto stehen, geh zu Fuß über Teer. Kaufe Waren bewusst, lass den Einkaufswagen leer. Der alte Idealist. Ihm entgegen die Stimme der Resignation, der Zyniker aus der Asche. Eine Arena, umgeben von Rippenknochen, ein Brustkorb gefüllt mit blutgetränktem Sand. Zwei Schatten kämpfen um den Stab der Macht. Sie lösen Formen und saugen Farben, und um sie herum die Welt verblasst. Müde ließ er das Photo sinken. Der Koffer war voller Photographien, ein rätselhaftes Erbe. Kein Absender, kein Adressat. Und doch, er war sich sicher, sie waren auch für ihn bestimmt.
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