Phineas
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Wasserstraße - 2008/01/28 18:35
Jetzt, im Mondlicht, wirkt alles wie stumpfes Blech. Bei Tageslicht dagegen ist das Boot weiß, blau der Bordrand. Es ist klein, zum Fischen gemacht, nicht für eine Überfahrt mit so vielen. Rahim sieht sich um. Da ist die Frau mit dem Kind, deren Mann schon drüben ist. Der Junge aus Uganda, der mit Talismanen hantiert und seinen Namen nicht sagen will – sicher, weil er fürchtet, das könnte ihn angreifbar machen. Aber vor allem Männer, so wie Rahim, die allein reisen. Manche auch allein in ihren Gedanken, während andere die Wünsche von vielen mit sich tragen. Er erkennt es an den Fotos in ihren Händen: umklammert wie Heiligenbilder. Die Wellen platschen an die Bordwand, und der Motor, ein alter Japaner, rattert leise und zischt von Zeit zu Zeit. Wenn das passiert, scheint er auszusetzen. Doch Rahim hat sich daran gewöhnt. Er blickt auf das graue Wasser. Man sieht sie nicht, die Grenze; selbst bei ruhiger See ist dort keine Linie über den Meeresspiegel gezogen, kein Schild in eine Welle gerammt, das sagt: Hier ist der Zutritt verboten. Dennoch wissen alle Bescheid: Die Grenze ist dicht. Das Trinkwasser aus den Kanistern schmeckt schal. Es stand schon zu lange in der Sonne. Nur wirklicher Durst treibt es die Kehlen herunter. Ein Mann übergibt sich über den Bootsrand, während sein Nachbar nur still dasitzt. Was soll er schon sagen? Aller Trost ist schal geworden, wie das Wasser. Sie müssen durchhalten, haben gar keine andere Wahl. Rahim denkt an sein Dorf, den Baobab, unter dem er unterrichtet wurde, bevor es ein Schulhaus gab. „Eines Tages“, hatte der Lehrer immer wieder gesagt, „wird es auch hier Wohlstand geben, gut bezahlte Arbeit.“ Später war er krank geworden und gestorben. Einer von vielen. Statt Wohlstand war Krieg gekommen. Doch Soldat sein? Die haben wirre Augen; wie Getriebene sehen sie aus, voller Angst, Aberglaube und Hass. Was Rahim jetzt braucht, ist fester Boden unter den Füßen. „Man muss es bis an Land schaffen, erst dann hat man eine Chance“, sagte der Mann, dem sie das Boot abkauften, und riet ihnen, sie sollten es nachts versuchen, um den schnellen Schiffen zu entgehen. Das sind die Jäger: die weiß-grünen Schiffe, die mit ihren hoch entwickelten Augen alles sehen. Sie kreuzen überall entlang der Grenze. Rahim kennt sie gut. Er ist schon einmal auf einem gefahren. Es gab Kekse und Tee, warme Decken und gute Worte. Die Polizisten waren meist freundlich, nahmen nur Bilder und Fingerabdrücke, aber auch einige Träume. „Hier ist nicht das Paradies“, sagten sie und hatten sicher recht. Der Morgen dämmert, von Osten her steigt das Licht auf, während von West der Wind auffrischt. In der Ferne liegt das Land. Eine Linie über dem Wasser. Plötzlich kommt Aufregung in die Gruppe. Die Köpfe drehen sich nach deutenden Armen. Ein Ruf pflanzt sich fort: „Guardia Civil.“ Tränen.
Beitrag bearbeitet von: phineas, um: 2008/01/29 13:09
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