miklos_muhi
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Memento - 2007/11/29 07:12
Schon wieder so ein verregneter Sonntagnachmittag ... Mein Finger ahmt dem Rhythmus des Regens auf den verblassten Knöpfen der Fernbedienung nach, die Kanäle jagen auf dem Bildschirm hintereinander. Das übliche Nachmittagsprogramm am Sonntag, die ganze Spanne von alten Filmen durch Schlager bis zu aufwendigen und schwer verdaulichen Dokumentationen. Ich schaue nicht einmal hin, schon die Tonlage verrät mir nach weniger als eine Sekunde, was in der Kiste laufen soll.
Plötzlich verändert sich die Tonlage, wie eine kalte Dusche an einem lauen Frühlingstag, als die Winterkälte immer noch in den Knochen sitzt. Ich weiß nur, dass ich darauf reagieren muss, die Bedeutung der Wörter werden mir erst nach und nach klar. Langsam hebe ich meine Augen; in der rechten unteren Ecke steht „LIVE“, weiß auf rot, eine riesige Halle nimmt das ganze Bildschirm ein, voll mit dunkel gekleideten, stehenden Menschen. Beerdigung? Schön wäre es ...
Der Podest für die Redner ist mit rot, weiß und schwarz verunstaltet, ein kleiner, insektartiger Mann versucht, Überzeugungsarbeit zu leisten:
„... und jetzt, Genossen, begrüßen wir unseren Medienbeauftragten, den Genössen Pöbbels!“ – woraufhin ein hysterischer Geschrei durch die Halle geht. Der karge Mann,der den Platz am Pult annimmt zeigt keine Regung, kein Anzeichen von irgendwelchen Gefühlen. Er faltet langsam seine Rede auseinander, regelt den Mikrofon und seine Rede prasselt aus den Lautsprechern:
„Genossen, wir sind hier zusammengekommen, weil überall hasst man uns, wie die Pest. Und so soll es sein, weder Deutschland noch sonst jemand braucht uns! Aber wir sind trotzdem hier, dank den großzügigen, aber eher dummen Herren, die unsere Zechen immer wieder bezahlen und von den wir vollständig abhängig sind. Wir sind weit unterlegen, ungebildet, ohne jeden Sinn für die Wirklichkeit und leben immer noch in der Vergangenheit.
Wir sind die einzig richtige Alternative, um dieses Land so richtig schmutzig zu machen, wieder in die Barbarei zu stürzen, obwohl wir nicht einmal in der Lage sind, eine Bahnhofsgebäude, oder sonst etwas zu kaufen. Wir haben zwar sehr gute Kontakte zu einigen Behörden, wir werden ohne jeden Scham mit hoch sensiblen Informationen aus laufenden Ermittlungen gefüttert, aber das reicht uns nicht, wir wollen mehr.
Wollt ihr den totalen Schwachsinn?“ – Aus der Menschenmenge ertönt ein lautes und begeistertes „Ja“.
„Dann liest doch unsere Webseiten und Zeitungen – Etwas besseres verdient ihr so wie so nicht und würdet ihr eh nicht verstehen.“
Die Menge klatsch minutenlang und lässt den Redner hoch leben, der Saal füllt sich mit Begeisterung bis zur Decke, als der Insektenmann wieder den Renderpult betritt. Die Kamera schwenkt zu einem vor Ort anwesenden Reporter und der Tontechnik lässt den ganzen Saal verstummen.
„Leibe Zuschauer, wir berichten aus dem Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Aachen ...“
Schweißgebadet wecke ich auf meinem viel zu lange gewordenen Mittagschlaf auf. Manche Menschen haben noch Träume.
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