Schnackselmaxe
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 Grünschnabel
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"Lotterbett und Blauer Würger" - 2007/10/27 13:57

"Lotterbett und blauer Würger" Vorab für den Karl-Murks-Orden nominierter und in Vorbereitung befindlicher Roman über sagenhafte DDR-Zeiten ....
.............. Auszug aus dem vierten Kapitel ..............

Ronald hatte sich mit Kalle verabredet, wie an sonst an jedem Samstagabend im Brettl zu treffen. So geschah es, und zwei Stunden vor Mitternacht waren sie auf den anschließenden Besuch im Kurhaus mental und körperlich vorbereitet. Sie zahlten und verließen das Brettl. Dank dem Alkoholspiegel fühlten sie sich sauwohl und mit leichter Schlagseite erreichten sie das Kurhaus.
Die Kasse war wie üblicherweise zu dieser Zeit geschlossen. Sie traten ein und blickten sich um.
Aha, da saßen ja auch etliche Bekannte! Sie gingen an den Tisch, in der Ecke und schlugen mit der Faust darauf.
„Prost Halunken!“ schrien sie. „Können wir uns zu euch setzen?“ Ehe die Befragten antworten konnten, saßen sie bereits am Platz.
"Nicht sauer sein, Leute! Den Eintritt hier haben wir uns gespart. Dafür gibt’s jetzt 'ne Runde Bier! Ist's recht?"
Es war recht und sie bestellten das Bier, was auch prompt geliefert wurde!
Die nächste Stunde verlief in angeregten Gespräch. Bei manchen Liedern, die die Band spielte, grölten sie laut mit und hieben im Takt auf die Tische!
Über dieser Beschäftigung wurde es Mitternacht. Üblicherweise schloss die Tanzveranstaltung gegen ein Uhr früh. Dessen ungeachtet geschah es aber, dass nach reichlich geforderten Zugaben auch ein oder manchmal sogar zwei Stunden länger gefeiert wurde.
Mit einem Mal horchten Ronald und Kalle auf: "Ach, hörst du was? - Ich glaub', wir müssen raus! Es gibt wieder Dresche! Geil!! Mal sehen, wer diesmal eins auf die Fresse kriegt!"
Beliebt waren Auseinandersetzungen mit gleichaltrigen Jugendlichen aus den Nachbarorten. Auch Schlägereien mit polnischen Gastarbeitern waren seinerzeit nicht selten.
"Ja, du hast recht! Draußen kracht's schon! Los, nichts wie hin!"
Sie sprangen auf und eilten zum Ausgang.
Als sie aus der Tür traten, sahen sie schon einen Knäuel miteinander kämpfender Gestalten. Die Fäuste flogen!
Etwas abseits vom Gewühl der Kämpfenden stand ein geschäftstüchtiger Freund von ihnen und schrie mit lauter Stimme: "Zaunslatten! Zaunslatten! Schöne große Zaunslatten. Auch kleine Zaunslatten! Nur eine Mark! Kauft Leute, kauft! Billig wie noch nie!"
Wirklich, er trug ein Bündel Zaunslatten unter dem Arm und hatte offensichtlich die feste Absicht, diese an den Mann zu bringen. In der Dunkelheit war nicht zu erkennen, ob er diese bereits vorsorglich mitgebracht hatte, oder ob er sie gerade vom nächsten Gartenzaun herunter gerissen hatte.
Geschäfte machte er nicht damit. Allerdings machten einige Streithähne von seinem Angebot Gebrauch, rissen einige Zaunslatten aus seinem Bündel heraus und gingen sofort damit aufeinander los.
'Krach! Knirsch!'
Ronald und Kalle sahen erfreut dem Handgemenge zu. Neben ihnen standen weitere Schaulustige, die sich an dem Schauspiel ergötzen und das Geschehen interessiert kommentierten!
"Ah, jetzt bekommen die Penner aus dem Nachbarkaff richtig schön eins aufs Maul! Da, schau mal, wie Eddi wieder zuschlägt! Wunderbar!"
Beifälliges Gemurmel und anerkennende Worte zeugten von Zustimmung.
Eddi war der anerkannte Dorfschläger. Knapp achtzehn Jahre alt, hatte er Kräfte wie ein Bär und war groß und breit wie ein Schrank. Gerade hatte er sich einen der Raufbolde vom Nachbarort vorgenommen.
'Klatsch! Klatsch!' Er gab ihm ein paar gewaltige Ohrfeigen und schlug ihm danach mit einigen Fausthieben ins Gesicht.
Eddi trug bei den Tanzveranstaltungen und auch bei den Saufgelagen im Brettl gerne eine französische Tarnjacke, die ihm sein Vater, ein alter Fremdenlegionär, geschenkt hatte. Dazu trug er Jeans und darüber ein Paar alte Wehrmachtsstiefel. Es sah ziemlich martialisch aus.
Eddis Gegner hatte offensichtlich genug und wankte in Schlangenlinien zurück ins Kurhaus. Offensichtlich musste er diese Niederlage mit weiteren Gläsern Bier oder Schnaps ertränken. Die Kontrahenten saßen im übrigen nicht selten nach ihrer Schlägerei wieder einträchtig zusammen.
'Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!“ hieß es dann bei den sittsamen Bürgern der Stadt.
Dieses fröhliche Treiben wiederholte sich so ziemlich jede Woche...
Legendär war eine Schlägerei, bei der mehr als die Hälfte des Saalmobiliars zu Brennholz verarbeitet wurde.
Begonnen hatte es wie üblich, pünktlich gegen Mitternacht, als ganz normale Prügelei auf der Tanzfläche.
Ein vierschrötiger Kellner, Klaus mit Namen, hatte seither seinen Spitznamen weg: Er hatte einen Tisch umgeworfen und zwei Beine abgetreten, mit denen er sich ungefragt ins Getümmel stürzte.
Wie er bei einer späteren Vernehmung angab, wollte er nur für Ruhe und Ordnung sorgen. Aber: der 'Ungehobelte Klotz', wie es im Polizeibericht stand, machte die Runde in der Szene und so wurde er ab sofort unter der Hand genannt.
Sein Beispiel gefiel, und die Sache begann augenblicklich zu eskalieren. Einige Besoffene leisteten willkommene Vorarbeit für die Prügelnden, indem sie weitere Tische von ihren Beinen befreiten und an die Kontrahenten freigiebig verteilten.
Etliche der unfreiwillig von ihren Tischen Befreiten nahmen dies zum Anlaß, sich am Geschehen aktiv zu beteiligen.
Weitere Kreative begannen Gardinen und Vorhänge herunterzureißen und über die Prügelnden zu werfen. 'Wie im alten Rom; mit Netz!' stand es im Bericht.
Die Tischbeine ersetzten logischerweise den Dreizack! Man erzählte auch, daß aus dem Knäuel der sich Keilenden laute Rufe nach weiterer Tischbeinversorgung laut geworden wären. Draufhin hätten einige selbsternannte Lieferanten pennenden Besoffenen ihre Stühle unter dem Allerwertesten weggerissen und für kleinere, aber handlichere Ausrüstung gesorgt.
Als das alarmierte Überfallkommando mit Blaulicht und Sirene anrückte, saßen die meisten Beteiligten, manche mit dicken, veilchenblauen Augen, geschwollenen Mundwinkeln oder großen Striemen und Beulen wieder einträchtig um die verbliebenen Tische.
Einige lagen auch schnarchend darunter! .... An diesem Weihnachtsabend spielte die Band etwa zwei Stunden länger. Anschließend saßen Kalle und Ronald, ungeachtet der Winterkälte, noch einige Zeit vor dem Eingang des Kurhauses. Neben ihnen standen etliche Kästen Bier, mit denen sie sich warm hielten. Sie grölten lauthals Trink- und Studentenlieder und schunkelten mit ihren Kumpanen um die Tische wie beim Karneval.
Nur gut, dass keine Polizei in der Nähe war, und wohl auch kein inoffizieller Mitarbeiter der Stasi in der Nähe war, denn kurz bevor sie sich mit lallender Stimme von ihren Saufbrüdern verabschiedeten, sangen sie noch diverse Heimat-und Fahrtenlieder.
Dies konnte in der DDR zuweilen böse Folgen haben. Von der Erinnerung an diese Abende konnten sie zuweilen die ganze Woche und noch länger zehren. ........................................
........ Auszug aus dem siebten Kapitel ...............
Schnaps bei Onkel Tom
Ein besonderes Erlebnis waren die nächtlichen Bier- und Schnapseinkäufe bei Onkel Tom in der Keilerstraße.
Onkel Tom! Wie er wirklich hieß, musste wohl nur er selbst und die Polizei, die zuweilen bei ihm so manche zwielichtige Existenz hopp nahm.
Bei Onkel Tom gab es Tag und Nacht Bier, Wein, Schnaps und Zigaretten zu kaufen. Kurz um, alles das, was das Herz eines Studenten oder Kabelwerkers in Gluckhausen begehrte. Man munkelte, dass man bei ihm gegen Zahlung eines hinreichenden Entgelts auch leichte Mädchen mieten könne. Genaueres wusste aber niemand.
Nun war es aber gar nicht so einfach, bei Onkel Tom das Gewünschte zu erhalten. Gewitzt durch schlechte Erfahrungen mit Gesetz und Ordnungshütern, verkaufte Tom seine Ware nicht an jedermann. Um in seinen Kundenkreis aufgenommen zu werden, benötigte der Neuling eine Bestätigung eines bereits längere Zeit etablierten Kunden. Dies geschah dergestalt, dass der Novize zusammen mit einem alten Hasen zu ihm kam und Tom per Handschlag zugesichert wurde, dass der Neuling dichthalten würde und vertrauenswürdig sei.
Ronald gelang es, das Vertrauen eines bei Tom etablierten Saufbolds im Knallkasten zu gewinnen, der ihn auch bei Tom einführte. Ab sofort besorgte er, sofern erforderlich und vor allem, wenn das Portmonee es zuließ, auch zur nachtschlafender Zeit das Gewünschte.
Die nächtlichen Einkäufe gingen so vonstatten, dass man sich an die hintere Seite des Hauses von Tom begab, und die Klingel betätigte. Nach kurzer Zeit öffnete sich das Fenster und Onkel Tom sah heraus. Da diese Seite des Hauses und somit auch der Weg sehr schlecht beleuchtet waren, forderte Tom zumeist, dass derjenige sich einer Taschenlampe anzuleuchten habe. Notfalls tat es auch ein Streichholz. Mit gedämpfter Stimme rief man ihm seinen Wunsch zu und Tom nannte den Preis. Wurde man sich handelseinig, ließ Tom an einem Seil einen Korb herunter, in den der Besteller das Geld legte. Es war üblich, auch ein Trinkgeld hinzu zu geben. So erhielt man sich die Gunst von Tom.
Tom nahm das Geld in Empfang und ließ darauf die Ware in dem Korb herab.
Überhaupt: Onkel Toms Klingel! Ein Unikat besonderer Güte! Da man vor langer Zeit den Klingeldraht durchschnitten hatte und auch Reparaturen nur dazu führten, dass die Klingel nach wenigen Tagen wieder defekt war, hatte Tom eine eigene, filmreife Erfindung kreiert.
Durch ein Loch im Fensterrahmen führte ein Bindfaden hindurch, der, mit einem Löffel beschwert, bis zum Boden baumelte. Das andere Ende des Fadens wiederum war an einem Hammer befestigt, der in einem Kochtopf lag. Der Kochtopf war mit einem Blechdeckel zugedeckt. Zog nun jemand an dem Bindfaden, genügte das klappernde Geräusch, um Tom zu wecken und nach seiner Kundschaft zu sehen.
Insider erzählten übrigens, dass Tom vor einigen Jahren den Bindfaden noch an seiner großen Fußzehe befestigt habe.
Um Toms Geschäfte rankten sich sagenhafte Gerüchte. Dem Umstand Rechnung tragend, dass sein Haus sich unmittelbar am Gelände des Kabelwerks befand, und gar manche der dort beschäftigten Werktätigen zur Nacht starken Durst verspürten, hatte man versucht, Letzteren die Beschaffungsmöglichkeiten bei Onkel Tom zu erschweren. Da Verbote nichts nützten, wurde ein Maschendrahtzaun zwischen Fabrik- und Onkel Toms Gelände angebracht.
Es war zwecklos: die Arbeiter umgingen den Zaun. Später, als das gesamte Gelände des Kabelwerkes mit einem Zaun umgezogen war, schnitten einige Unentwegte Löcher in den Draht und schlüpften problemlos hindurch.
In ihrer Not getrieben, veranlasste die Leitung des Kabelwerkes, einen stabileren und höheren Bretterzaun in der Höhe von Toms Haus zu errichten. Auch das nützte nichts! Mehrere Bretter wurden nach wenigen Tagen herausgerissen. Der Weg zu Tom war wieder frei!
Selbst die vermeintliche Ultimo ratio, ein stabiler Eisenzaun mit Stacheldrahtbewehrung konnte die Durstigen nur kurzzeitig von ihren Besuchen bei Tom abhalten. Unweit des Zauns verlief eine Strecke des Werksverkehrs, der zum größten Teil per Bahn abgewickelt wurde. Kurzerhand beschaffte man sich eine Rangierlokomotive und befestigte an dem Zaun ein Drahtseil, welches man mit der Lok verband. Das Weitere war ein Kinderspiel.
Erst, als man einen tiefen Graben zog, und diesen mit Wasser füllte, hörten die nächtlichen Besuche der sozialistischen Brigaden bei Tom langsam auf.
Ganz hartgesottene Burschen hatten zwar noch versucht, mit Bohlen ein Brücke über den schlammigen Graben zu verlegen. Nachdem aber bei schlechtem Wetter ein sternhageldichter Ofenmaurer auf dem Rückweg von Toms gastlicher Stätte in den Graben gefallen und fast im Schlammwasser ersoffen war, gingen die nächtlichen Besucherzahlen vom Kabelwerk bis auf Einzelfälle zurück.
Tom betrachtete dieses Vorgehen natürlich als üble Geschäftsschädigung, verzichtete aber aus naheliegenden Gründen auf Klage. Seine Umsätze gingen trotzdem prächtig, auch mit seinen anderen Kunden.
Eine Augenweide waren seine Wareneinkäufe. Mit einem uralten, laut knatterndem Trabant 500 Kombi ging er auf Tour, begleitet von seinem Hund, einem fast kindsgroßen Dobermann. Der Trabant, aus dem die Rücksitze entfernt waren, war auf der Rückfahrt zumeist beladen bis zum Dach. Auf demselben waren ebenfalls mehrere Bier- und Schnapskisten befestigt. Man erzählte, dass Tom zuweilen derartige Mengen an Flaschen transportierte, dass die hintere Achse des Trabis Gefahr lief, auf dem Straßenpflaster aufzusitzen. Der Dobermann saß während der Transporte auf dem Beifahrersitz. Meistens war er nicht angeschnallt!
Das Haus, indem Onkel Tom wohnte, glich einer filmreifen Kulisse für abschreckende Gangsterfilme aus den finstersten Vierteln von New York oder Chicago.
Wahrlich, manche Häuser der South Bronx konnten nicht verwahrloster aussehen. Wer es nicht besser wusste, konnte kaum glauben, dass im Haus noch jemand wohnte. Tom selbst wohnte im Dachgeschoss. Im Erdgeschoss gab es weder Türen noch Fenster. Auch die erste Etage hatte nur noch wenige, nicht eingeworfene Fensterscheiben. Die an Toms Wohnung angrenzenden Fenster wiesen zum Teil ebenfalls beachtliche Löcher und Sprünge auf. Bei windigem Wetter zog und pfiff es in dem Haus, daß es eine wahre Freude war.
Durch diese unfreiwillige Belüftung war allerdings der Geruch gewisser menschlicher Hinterlassenschaften in den unteren Geschossen nicht mehr ganz unerträglich. ..............................

Beitrag bearbeitet von: Schnackselmaxe, um: 2007/10/27 14:21
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